Nitrox ist ein Atemgasgemisch aus Stickstoff und Sauerstoff mit einem höheren Sauerstoffanteil als Luft. Der Name setzt sich aus den englischen Wörtern nitrogen und oxygen zusammen. Im Sporttauchen gebräuchlich sind Gemische mit 32 und 36 Prozent Sauerstoff gegenüber 21 Prozent in Luft, abgekürzt EAN32 und EAN36 für Enriched Air Nitrox.
Was Nitrox bringt: längere Nullzeit
Der Vorteil ergibt sich unmittelbar aus der Zusammensetzung. Weil weniger Stickstoff im Gemisch steckt, sättigt sich das Gewebe langsamer mit Inertgas — und die Nullzeit, die dieser Sättigung folgt, wird länger. Auf 30 Metern gewinnt ein Taucher mit EAN32 gegenüber Luft spürbar Grundzeit; wie viel genau, gibt der Tauchcomputer aus, sofern er auf das verwendete Gemisch eingestellt ist.
Genau darin liegt die häufigste Fehlerquelle: Ein Computer, der auf Luft steht, während Nitrox geatmet wird, rechnet zu konservativ — unschädlich, aber nutzlos. Umgekehrt ist es gefährlich: Wer den Computer auf Nitrox stellt und Luft atmet, bekommt zu lange Nullzeiten angezeigt.
Alternativ lässt sich derselbe Vorteil anders einlösen: Man taucht die Nullzeit der Luft und hat am Ende weniger Stickstoff im Gewebe. Gerade bei mehreren Tauchgängen am Tag ist das die konservativere und oft sinnvollere Nutzung.
Was Nitrox kostet: die Tiefengrenze
Der höhere Sauerstoffanteil hat einen Preis, und der ist hart: Sauerstoff wird unter Druck giftig. Ab einem bestimmten Partialdruck droht die Sauerstoffvergiftung des zentralen Nervensystems, deren erstes Zeichen ein Krampfanfall sein kann — unter Wasser praktisch immer tödlich.
Divers Alert Network beschreibt den Bereich bis 1,4 ATA Sauerstoffpartialdruck als unbedenklich für den Arbeitsteil des Tauchgangs, den Bereich zwischen 1,4 und 1,6 ATA als „gelben“ Bereich; 1,6 ATA gilt als Grenze und wird beim Dekompressionsstopp mit reinem Sauerstoff auf etwa sechs Metern erreicht.
Daraus folgt für jedes Gemisch eine maximale Einsatztiefe, die MOD (maximum operating depth). Sie lässt sich ausrechnen: Partialdruckgrenze geteilt durch den Sauerstoffanteil ergibt den zulässigen Absolutdruck; davon 1 bar Luftdruck abziehen und mit 10 multiplizieren.
- EAN32 bei 1,4 bar: rund 33 Meter — bei 1,6 bar rund 40 Meter
- EAN36 bei 1,4 bar: rund 28 Meter — bei 1,6 bar rund 34 Meter
Die MOD beantwortet allerdings nur die Frage, ob ein Gemisch auf einer Tiefe zulässig ist — nicht, wie lange man den Partialdruck atmen darf. Dafür gibt es eigene Zeitgrenzen; die für 1,3 bar sind 2025 neu gefasst worden (Einzelheiten).
Nitrox ist damit kein Tiefengas, sondern das Gegenteil: Es verlängert die Zeit im mittleren Tiefenbereich und verkürzt die zulässige Tiefe.
Die Ermüdungsfrage — verbreitet, aber nicht belegt
Viele Taucher berichten, sie fühlten sich nach Nitroxtauchgängen weniger erschöpft. Diese Wahrnehmung ist so verbreitet, dass sie in Ratgebertexten regelmäßig als Tatsache erscheint. Belegt ist sie nicht.
Divers Alert Network fasst die Studienlage so zusammen: „objective studies have not found a reliable difference in fatigue or cognitive performance following dives on air versus nitrox“ — objektive Untersuchungen fanden also keinen verlässlichen Unterschied. Genannt werden drei Arbeiten aus der begutachteten Fachliteratur: Chapman und Plato (2008), Harris und andere (2003) sowie Lafère und andere (2010). Der zitierte Fachmann Richard Harris hält die Frage damit allerdings nicht für abschließend geklärt — er zweifelt, ob Umfang und Aussagekraft dieser Studien ausreichen.
Ehrlich zusammengefasst: Ein Ermüdungsvorteil ist nicht nachgewiesen, aber auch nicht sicher widerlegt. Wer Nitrox wegen der längeren Nullzeit taucht, hat einen messbaren Grund; wer es wegen der Ermüdung tut, sollte wissen, dass er sich auf ein subjektives Empfinden stützt.
Ob Nitrox die Stickstoffnarkose verringert, ist ebenfalls umstritten — Sauerstoff wird eine dem Stickstoff vergleichbare narkotische Wirkung zugeschrieben, sodass der Austausch des einen gegen das andere den Effekt nicht zwangsläufig mindert. Für diesen Eintrag konnte die Frage nicht abschließend belegt werden.
Analysieren, kennzeichnen, unterschreiben
Vor jedem Nitroxtauchgang wird der Sauerstoffanteil der eigenen Flasche selbst gemessen. Das ist keine Formalie: Ein Gemisch, das anders zusammengesetzt ist als angenommen, verschiebt die MOD nach oben, ohne dass der Taucher es merkt.
Der Ablauf ist an den Basen weitgehend einheitlich: Der Taucher misst mit einem Sauerstoffanalysegerät, trägt das Ergebnis in ein Buch ein, unterschreibt und beschriftet die Flasche entsprechend. Die Flasche selbst wird sichtbar gekennzeichnet, damit im Gerätehaufen kein Gemisch verwechselt wird.
Beim Atemregler ist außerdem die Sauerstofftauglichkeit zu beachten — bei hohen Sauerstoffanteilen müssen Fette und Dichtungen dafür geeignet sein.
Ausbildung
Für das Tauchen mit Nitrox verlangen die Ausbildungsorganisationen einen eigenen Kurs. Er ist kurz und behandelt im Wesentlichen genau das, was oben steht: Nullzeitgewinn, Partialdruckgrenzen, MOD-Berechnung, Analyse und Kennzeichnung. An vielen Tauchbasen ist die Nitroxfüllung inzwischen ohne Aufpreis zu haben — die Brevetierung wird trotzdem verlangt.
Quellen
- Divers Alert Network: Air, Nitrox and Fatigue — Studienlage zur Ermüdungsfrage, die drei genannten Arbeiten und die Einschätzung, dass kein verlässlicher Unterschied gefunden wurde
- Divers Alert Network: Oxygen Toxicity — Partialdruckbereiche 1,4 und 1,6 ATA und ihre Einordnung
