Tiefenrausch bezeichnet die narkotische Wirkung von Stickstoff unter erhöhtem Umgebungsdruck, die beim Tauchen mit Pressluft Wahrnehmung, Urteilsvermögen und Feinmotorik beeinträchtigt. Der medizinische Fachbegriff dafür ist Stickstoffnarkose.
Ab welcher Tiefe
Eine feste Schwelle gibt es nicht, aber einen belastbaren Richtwert. Das Fachkapitel Nitrogen Narcosis in Diving in StatPearls nennt etwa 30 Meter als Tiefe, ab der messbare kognitive Einbußen beginnen können. Zwischen 60 und 70 Metern sind demnach die meisten Taucher erheblich beeinträchtigt.
Entscheidend ist der Zusatz, der dabei immer mitgenannt wird: Die individuelle Empfindlichkeit schwankt stark — zwischen verschiedenen Tauchern und beim selben Taucher von Tag zu Tag.
Wie sich der Tiefenrausch zeigt
Die Symptome entwickeln sich mit zunehmender Tiefe stufenweise:
- Zuerst Euphorie und ein Gefühl gesteigerter Wachheit — ähnlich einer leichten Alkoholwirkung
- Dann nachlassende Feinmotorik und abnehmende geistige Leistungsfähigkeit
- Bei weiterem Abstieg Fixierung auf eine einzelne Idee, Halluzinationen, Benommenheit bis hin zur Bewusstlosigkeit
Gefährlich ist dabei weniger das, was der Taucher spürt, als das, was er nicht mehr richtig einschätzt: Tiefe, verbleibender Luftvorrat, Nullzeit. Fehleinschätzungen in diesen drei Punkten sind der Weg vom Rauschzustand zum Unfall.
Die Martini-Regel — und warum sie in die Irre führt
Als Faustformel kursiert die sogenannte Martini-Regel. StatPearls gibt sie wieder als etwa „1 martini worth of impairment per 10 msw below 20 msw“ — je zehn Meter unterhalb von zwanzig Metern also die Wirkung eines Glases Martini.
Dieselbe Quelle nennt aber auch den entscheidenden Unterschied zum Alkohol, und der hebt die Anschaulichkeit der Regel wieder auf: Anders als bei einer Alkoholwirkung entsteht beim Tiefenrausch keine verlässliche Selbstwahrnehmung der eigenen Beeinträchtigung. Wer zu viel getrunken hat, merkt es meistens. Wer narkotisiert in vierzig Metern steht, hält sich oft für vollkommen klar.
Die Regel taugt also, um Angehörigen die Größenordnung zu erklären. Als Selbsteinschätzung unter Wasser taugt sie nicht.
Was das Auftreten begünstigt
Neben der Tiefe wirken eine Reihe von Umständen. StatPearls nennt als Vorbeugung ausdrücklich den Verzicht auf Alkohol, ausreichende Ruhe und Kälteschutz — im Umkehrschluss sind das die Faktoren, die den Tiefenrausch früher einsetzen lassen:
- Müdigkeit und Schlafmangel
- Kälte — im kalten Binnensee tritt die Wirkung eher ein als im warmen Meer
- Alkohol, auch vom Vorabend, sowie Medikamente mit Wirkung auf das Nervensystem
- Anstrengung und Stress während des Tauchgangs
- Dunkelheit und schlechte Sicht
Deshalb sagt eine problemlose Erfahrung in vierzig Metern nichts über den nächsten Tauchgang aus. Dieselbe Tiefe kann beim nächsten Mal deutlich anders wirken.
Was zu tun ist
Die Gegenmaßnahme ist einfach und einzig: auftauchen. StatPearls beschreibt den zügigen Aufstieg als die einzige durchgreifende Maßnahme; die Symptome verschwinden typischerweise innerhalb von Minuten. Eine Behandlung in der Druckkammer ist nicht angezeigt — anders als bei der Dekompressionskrankheit, mit der der Tiefenrausch nichts zu tun hat.
Praktisch heißt das: wenige Meter höher, kurz sammeln, den Tauchgang neu bewerten. Der Partner sollte über die Situation informiert werden, denn wer selbst betroffen ist, ist der Schlechteste, um darüber zu urteilen.
Vorbeugung: Tiefengrenzen und andere Gase
Die Tauchsportverbände haben auf das Problem mit Tiefengrenzen reagiert. StatPearls nennt als Prävention eine Begrenzung auf 40 bis 50 Meter mit Pressluft. Die Grenzen der einzelnen Verbände liegen teilweise darunter.
Die genauen Werte unterscheiden sich zwischen PADI, SSI, CMAS und GUE und haben sich über die Jahrzehnte mehrfach geändert. Wir nennen hier bewusst keine verbandsspezifischen Zahlen — maßgeblich ist die Ausbildungsstufe, die man selbst hat, und was der eigene Verband dafür vorsieht.
Der technische Ansatz besteht darin, den Stickstoffanteil im Atemgas zu senken. Nitrox verringert ihn zugunsten von Sauerstoff, Trimix und Heliox ersetzen einen Teil durch Helium, das nicht narkotisch wirkt. Beides bringt eigene Probleme mit sich — Sauerstofftoxizität beim einen, Kosten und Dekompressionsaufwand beim anderen — und setzt eine entsprechende Ausbildung voraus.
Warum der Tiefenrausch in Unfallprotokollen kaum auftaucht
Er lässt sich im Nachhinein nicht nachweisen. Sobald der Umgebungsdruck sinkt, endet die Wirkung — es bleibt kein messbarer Rückstand, wie ihn Alkohol oder Drogen hinterlassen. Was bleibt, ist allenfalls die Erinnerung des Tauchers, und die ist gerade bei einer Beeinträchtigung des Urteilsvermögens keine verlässliche Quelle.
Als Ursache erscheint deshalb in den Statistiken meist „menschliches Versagen“. Wie oft dahinter eine Narkose stand, ist unbekannt.
Häufige Fragen zum Tiefenrausch
Siehe auch: Stickstoffnarkose · Nitrox · Inertgas · Dekompressionskrankheit
Quellen und weiterführende Links
- Nitrogen Narcosis in Diving, in: StatPearls, NCBI Bookshelf – Tiefenangaben ab etwa 30 m und 60–70 m, Symptomabfolge, Martini-Regel samt ihrer Grenzen, Aufstieg als einzige Maßnahme, Tiefenbegrenzung 40–50 m mit Pressluft
- P. Radermacher, C.-M. Muth: Apnoetauchen – Physiologie und Pathophysiologie, Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin 53 (2002), Heft 6, S. 185–191 (PDF) – tauchphysiologische Grundlagen zu Partialdruck und Gaswirkung
