Mein erster Wracktauchgang – Eintauchen in Geschichte

Taucher schwebt frei im blauen Wasser neben dem Bug eines auf Sand liegenden Schiffswracks, darüber ein Fischschwarm
Beim ersten Wracktauchgang bleibt man außen – von dort sieht man beide Geschichten des Wracks. Foto: Pascal Ingelrest / Pexels

In der Reihe „Mein erster Tauchgang“ erzählt euch Jonas, wie sein erster Wracktauchgang damals für ihn ablief. Mit unserer Artikelserie wollen wir Taucheinsteigern ein Gefühl dafür geben, wie euer erstes Taucherlebnis ablaufen kann.

Ein Wrack sieht man nicht auf einmal. Man sieht zuerst nichts, dann einen Schatten, der zu groß ist, um ein Fels zu sein, und dann, mit jedem Meter Abstieg, eine Kante, ein Geländer, eine Öffnung. Bei meinem ersten Wracktauchgang habe ich in diesen Sekunden vergessen zu atmen – im Wortsinn, ich merkte es an dem tiefen Zug, der danach kam.

Was ich an diesem Tag nicht getan habe: hineingehen. Genau darum geht es in diesem Text, denn das war die wichtigste Entscheidung des Tauchgangs, und sie wurde nicht von mir getroffen.


Der Abstieg an der Leine

Wir stiegen an einer Leine ab, die vom Boot zum Wrack führte. Das war für mich neu – ich kannte bis dahin nur den freien Abstieg über Sand oder an einer Riffkante entlang. An der Leine hat man eine Referenz, und man braucht sie: Über einem Wrack gibt es oft keinen Grund, an dem sich das Auge orientiert, und die Sicht ist selten so, dass man von oben gleich alles überblickt.

Auf dem Weg nach unten passierte etwas, das ich vorher nur aus der Theorie kannte: Das Farbspektrum verschwand deutlich schneller, als ich es aus dem Flachen gewohnt war. Das Rot ging zuerst, dann das Orange. Als das Wrack sichtbar wurde, war es grau-grün – bis jemand seine Lampe daraufhielt und für einen Moment die Farben zurückholte, die die ganze Zeit da gewesen waren.


Ein Wrack ist ein Riff, das einmal ein Schiff war

Was mich am meisten überrascht hat: wie lebendig das alles war. Ich hatte mit einem stillen Stahlkörper gerechnet und fand ein besiedeltes Habitat. Jede waagerechte Fläche war bewachsen. In den Winkeln standen Fische, die dort offenbar wohnten und uns entsprechend gelassen ansahen. Eine Muräne hatte sich in einem Rohrende eingerichtet und beobachtete uns beim Vorbeischwimmen, ohne den Kopf zu bewegen.

Wir arbeiteten uns außen entlang. Deck, Aufbauten, ein Bullauge, an dem das Glas fehlte, ein Poller, um den sich eine Trosse gelegt hatte. Man kann ein Wrack von außen sehr genau lesen, wenn man sich Zeit nimmt: wo es aufliegt, wie es liegt, an welcher Stelle es aufgerissen ist. Ich hätte nicht gedacht, dass eine Außenrunde derart voll ist.


Die Öffnung, durch die wir nicht gegangen sind

An der Backbordseite lag eine große Öffnung, durch die man bequem hindurchgepasst hätte. Ich sah hinein, sah Licht auf der anderen Seite und dachte, was vermutlich jeder an dieser Stelle denkt: Das ist doch nur ein Durchgang.

Unser Guide hatte das offenbar erwartet, denn er wartete schon neben mir und schüttelte den Kopf. Später an Deck hat er es erklärt, und ich gebe es hier so wieder, wie ich es verstanden habe.

Sobald man in ein Wrack einsteigt, ist man in einer Überkopfumgebung. Das heißt: Über einem ist kein Wasser, sondern Stahl. Der direkte Weg an die Oberfläche existiert nicht mehr, und zwar unabhängig davon, ob man in fünfzehn oder in dreißig Metern Tiefe ist. Alles, was im Freiwasser die Reserve ist – auftauchen können –, fällt weg. Was an seine Stelle tritt, ist Ausbildung und Ausrüstung.

Dazu gehört eine durchgehende Führungsleine, die vom Freiwasser bis zum Umkehrpunkt liegt und die man jederzeit erreichen kann – denn Wrackinnenräume sind voller feinem Sediment, und ein einziger unbedachter Flossenschlag nimmt einem in Sekunden die komplette Sicht. Dazu gehört eine Gasplanung, die davon ausgeht, dass der Rückweg genauso lang ist wie der Hinweg, plus Reserve für den Fall, dass man ihn zu zweit an einem Gerät zurücklegt. Dazu gehören eine Hauptlampe und zwei unabhängige Ersatzlampen, weil eine Lampe im Dunkeln keine Redundanz ist. Und dazu gehört etwas zum Schneiden, weil in Wracks alte Netze, Angelschnüre und Kabel hängen.

Nichts davon hatte ich an diesem Tag dabei. Deshalb sind wir außen geblieben, und deshalb halte ich das rückblickend für die beste Entscheidung des ganzen Tauchgangs.


Am Wrack läuft die Uhr schneller

Der zweite Punkt, den ich unterschätzt hatte, war die Tiefe. Wracks liegen selten im Flachen, und alles, was an einem Wrack Spaß macht – schauen, umrunden, wiederkommen –, kostet Grundzeit auf einer Tiefe, auf der die Nullzeit knapp wird und der Luftverbrauch steigt.

Ich habe an diesem Tag zum ersten Mal erlebt, dass ein Tauchgang nicht endet, weil man genug gesehen hat, sondern weil der Computer und das Manometer es sagen. Unser Guide gab regelmäßig Zeichen und ließ sich Tiefe und Vorrat zeigen. Ich fand das anfangs kleinlich. Nach zwanzig Minuten verstand ich, warum: Ich lag beim Gasvorrat deutlich unter dem, was ich geschätzt hätte, und hatte es selbst nicht gemerkt, weil ich mit den Augen beschäftigt war.

Der Aufstieg lief dann an derselben Leine zurück, mit langsamem Tempo und dem Sicherheitsstopp auf fünf Metern. Über mir hing der Rumpf des Bootes, unter mir wurde das Wrack wieder zu dem Schatten, als der es angefangen hatte.


Was der Kurs später daran geändert hat

Ich habe die Frage nach dem Inneren nicht auf sich beruhen lassen, sondern irgendwann den entsprechenden Kurs gemacht. Was mich daran am meisten überrascht hat: Wie wenig davon vom Tauchen handelt und wie viel vom Leinelegen, vom Umdrehen auf engem Raum, vom Verhalten bei Sichtverlust und vom Rechnen. Man übt, mit geschlossenen Augen an der Leine hinauszufinden. Man übt, sich zu zweit an einem Gerät zurückzuarbeiten. Und man lernt, wie schnell eine Kabine „silted out“ ist, wenn man einmal zu tief abkippt.

Seitdem gehe ich in Wracks hinein. Aber ich weiß jetzt auch, warum der Guide an dieser einen Öffnung den Kopf geschüttelt hat – und dass mein Gefühl von damals, es sei „doch nur ein Durchgang“, genau die Fehleinschätzung ist, die dieses Kopfschütteln verhindern sollte.


Was bleibt

Der Reiz eines Wracks ist, dass es zwei Geschichten gleichzeitig erzählt. Die eine ist die des Schiffes: wofür es gebaut wurde, was es transportiert hat, wie es hierhergekommen ist. Die andere ist die des Riffs, das aus ihm geworden ist, mit Bewohnern, die nicht wissen, dass ihr Zuhause einmal gefahren ist.

Wer zum ersten Mal an ein Wrack geht, verpasst nichts, wenn er außen bleibt. Er sieht beide Geschichten – und er sieht sie mit einer Reserve im Rücken, die man nur einmal aufgibt, wenn man dafür ausgebildet ist. Ich bin seitdem an vielen Wracks gewesen, und der Moment, in dem der Schatten zum Schiff wird, ist jedes Mal derselbe geblieben.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*