In der Reihe „Mein erster Tauchgang“ erzählt euch Jonas, wie sein erster Strömungstauchgang damals für ihn ablief. Mit unserer Artikelserie wollen wir Taucheinsteigern ein Gefühl dafür geben, wie euer erstes Taucherlebnis ablaufen kann.
Es gibt einen Satz aus dem Briefing, den ich bis heute im Ohr habe. Unser Guide stand an der Reling, hielt die Handfläche flach ins Fahrtwasser und sagte: „Ihr seid heute keine Schwimmer, sondern Passagiere.“ Ich habe das damals für einen netten Spruch gehalten. Eine halbe Stunde später wusste ich, dass es eine Arbeitsanweisung war.
Bis dahin hatte ich Tauchen immer als eine Frage der eigenen Bewegung verstanden. Man flosst dorthin, wo man hinwill, und wieder zurück. Der erste Strömungstauchgang hat mir diese Vorstellung gründlich ausgetrieben – und mir dafür etwas gegeben, das ich vorher nicht kannte: das Gefühl, getragen zu werden.
Das Briefing, das anders war als sonst
Was mir zuerst auffiel: Das Briefing drehte sich kaum um das, was wir sehen würden. Es drehte sich fast ausschließlich darum, wie wir ins Wasser kommen, wie wir zusammenbleiben und wie das Boot uns am Ende wiederfindet. Beim Driftdive fährt das Boot nicht zu einer Boje und wartet dort – es folgt der Gruppe. Alles, was danach kam, war die Vorbereitung auf genau diese drei Dinge.
Der Guide ging jeden Punkt einzeln durch. Wer springt wann. Wer hängt sich an wen. Wer setzt am Ende die Boje. Ich erinnere mich, dass ich anfangs ungeduldig wurde, weil ich endlich ins Wasser wollte. Heute weiß ich, dass genau dieses Briefing der Tauchgang war – der Rest war Ausführung.
Der Negativeinstieg – kein Schweben an der Oberfläche
Der erste echte Unterschied kam noch über Wasser. Bei jedem Tauchgang davor hatte ich mich nach dem Sprung erst einmal an der Oberfläche gesammelt, das Okay gegeben, gewartet, bis alle beisammen waren, und dann in Ruhe abgetaucht. Hier war das ausdrücklich verboten.
Stattdessen: Jacket vollständig entlüftet, Luft aus der Lunge, sofort nach unten. Negativeinstieg nennt sich das, und der Grund dafür ist banal und zwingend zugleich. An der Oberfläche ist die Strömung am stärksten. Wer dort auch nur eine Minute liegen bleibt und auf die Gruppe wartet, treibt vom Einstiegspunkt ab und findet den Spot nicht mehr – oder erreicht ihn erst, wenn die anderen schon zwanzig Meter weiter sind.
Das erste Mal, das ohne Zwischenstopp zu machen, kostete Überwindung. Man verlässt das Boot und ist zwei Sekunden später auf dem Weg nach unten, ohne den vertrauten Moment der Sammlung dazwischen. Was hilft, ist die Vorbereitung an Deck: Alles muss vorher sitzen. Wer im Fallen noch am Inflator sucht oder die Maske richtet, verliert die Gruppe. Ich habe an diesem Tag gelernt, wie viel Ruhe man sich verschafft, wenn man den Check zwei Minuten früher macht.
Loslassen, statt anzukämpfen
Unten angekommen, machte ich sofort den Anfängerfehler. Ich sah den Rest der Gruppe leicht versetzt und begann zu flossen, um aufzuschließen – quer gegen den Strom. Nach vielleicht zwanzig Sekunden merkte ich, dass ich schwer atmete und trotzdem an derselben Stelle stand. Der Guide sah es, machte eine flache, beruhigende Handbewegung nach unten und deutete auf den Grund.
Der Trick, den ich in diesem Moment lernte: Dicht am Grund bleiben. In Bodennähe, im Windschatten von Felsen und Riffkanten, ist die Strömung deutlich schwächer als einen Meter darüber. Man arbeitet sich nicht dagegen, man geht ihr aus dem Weg. Und dann lässt man los.
Was danach kam, ist schwer zu beschreiben. Ich hörte auf zu flossen, streckte die Arme leicht an den Körper und ließ mich mitnehmen. Das Riff zog unter mir vorbei wie eine Landschaft aus dem Zugfenster. Ohne einen einzigen Flossenschlag legte ich Strecken zurück, für die ich sonst Minuten und Atemluft gebraucht hätte. Der Luftverbrauch fiel so weit, dass ich am Ende des Tauchgangs mehr im Gerät hatte als je zuvor bei vergleichbarer Zeit.
Der Riffhaken und wofür er wirklich da ist
An einer Kante, an der sich die Fische sammelten, wollte die Gruppe stehen bleiben. Dafür gibt es den Riffhaken: eine kurze Leine mit einem Haken, den man einsetzt und an dem man dann wie ein Drachen im Strom steht, während einem der Fischschwarm entgegenkommt.
Der Guide hatte im Briefing eine Sache betont, die ich nicht vergessen habe: Der Haken kommt in totes Gestein, in Geröll oder in Sand – niemals in lebende Korallen. Ein Riffhaken, den man falsch setzt, zerstört in einer Sekunde, was Jahre gebraucht hat. Das ist kein Etikett, sondern der Unterschied zwischen einer Technik und einem Schaden.
Genauso wichtig war, was der Haken nicht ist: eine Hilfe für den Sicherheitsstopp. Dazu gleich mehr.
Die Boje ist das wichtigste Stück Ausrüstung
Am Ende des Tauchgangs kam der Teil, den ich vorher am meisten unterschätzt hatte. Beim Driftdive treibt man nicht zu einem Ausstieg, man taucht irgendwo auf – und das Boot muss vorher wissen, wo. Dafür setzt man aus der Tiefe eine Signalboje.
Die Boje selbst ist nur ein länglicher Schlauch. Entscheidend ist die Spule mit der dünnen Leine daran. Man klinkt sie ein, bläst die Boje an, lässt sie los und lässt die Leine kontrolliert ablaufen, während man selbst weiter mit dem Strom treibt. Das erste Mal machte ich es zu hastig und hätte mir beinahe die Leine um den Arm gewickelt. Wer das übt, übt es besser im Flachen und nicht auf zwanzig Metern.
Sobald die Boje oben stand, war der Rest fast entspannt. Wir machten unseren Sicherheitsstopp – und zwar frei treibend, ohne uns irgendwo festzuhalten. Genau das ist der Punkt, an dem viele beim ersten Mal falsch denken: Der Stopp bleibt ein Stopp in der Wassersäule, nicht an einer Kante. Wer sich am Riff festhält, um „ruhig zu stehen“, macht zwei Fehler auf einmal – er fasst das Riff an, und er verlässt die Gruppe, die weitertreibt. Die Tiefe hält man über die Tarierung, den Rest macht das Wasser.
Als ich auftauchte, lag das Boot bereits keine dreißig Meter entfernt. Der Kapitän hatte die Boje gesehen, lange bevor er uns sehen konnte. Das ist der ganze Zweck der Übung.
Wenn die Strömung nach unten zieht
Ein Punkt aus dem Briefing kam an diesem Tag nicht vor, hat mich aber seitdem begleitet. Strömung läuft nicht nur waagerecht. An Kanten und Abbrüchen kann sie nach unten ziehen, und dann hilft weder Flossen noch Jacket, weil man schneller sinkt, als die Luft sich ausdehnt.
Der Rat des Guides war so einfach wie einprägsam: nicht senkrecht dagegen ankämpfen, sondern seitlich heraus. Weg von der Wand, quer zur Zugrichtung, dann steigt man aus dem Abwärtsstrom heraus statt hinein. Ich habe das Jahre später einmal gebraucht, und in dem Moment war ich froh, dass es jemand vorher gesagt hatte.
Was bleibt
Mein erster Strömungstauchgang war der erste, bei dem ich weniger gemacht habe als sonst – und mehr gesehen. Er hat mir beigebracht, dass Kontrolle unter Wasser nicht bedeutet, gegen etwas anzukommen, sondern zu wissen, wann man sich einfügt.
Und er hat meine Vorstellung davon verschoben, was zur Ausrüstung gehört. Vorher hätte ich Boje und Spule als Zubehör bezeichnet. Seitdem sind sie für mich dasselbe wie der Zweitautomat: etwas, das man dabeihat, weil es einmal genau dann zählt, wenn alles andere nicht mehr hilft. Ich bin seitdem viele Male im Strom getaucht, und der Ablauf ist immer derselbe geblieben – nur die Ungeduld vor dem Briefing habe ich mir abgewöhnt.

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