Immersionslungenödem

Taucher wird an der Oberfläche von Begleitern über die Bordwand eines Tauchboots geborgen
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Das Immersionslungenödem ist ein Flüssigkeitsaustritt aus den Lungenkapillaren in die Lungenbläschen, der durch das Eintauchen selbst ausgelöst wird — ohne dass Wasser eingeatmet worden wäre. Es tritt bei Gerätetauchern, Apnoetauchern und Freiwasserschwimmern auf; im Englischen läuft es unter immersion pulmonary edema, kurz IPE.

Wie es entsteht

Der Ausgangspunkt ist eine Verschiebung des Blutes: Beim Eintauchen drückt das umgebende Wasser auf die Körperperipherie, kühles Wasser verengt zusätzlich die Gefäße in Armen und Beinen, und das Blut sammelt sich im Brustkorb. Damit steigt der Druck in den Lungenkapillaren. DAN nennt als Schlüsselgröße den erhöhten transmuralen Kapillardruck — die Druckdifferenz zwischen dem Inneren des Gefäßes und dem umgebenden Gewebe. Übersteigt sie ein bestimmtes Maß, tritt Flüssigkeit aus.

Dazu kommen Faktoren, die diesen Druck weiter treiben: körperliche Anstrengung, ein Missverhältnis in der Leistung von rechter und linker Herzkammer, die höhere Gasdichte in der Tiefe, Hyperoxie und die thermische Belastung. Eine eigene Rolle spielt die negative Druckatmung — wenn der Atembeutel höher liegt als die Lunge und der Taucher gegen einen Unterdruck einatmen muss. Bei Kreislaufgeräten in Bauchlage ist das die Regel.

Wer besonders gefährdet ist

DAN führt als Risikofaktoren auf:

  • Alter über 50 Jahre
  • weibliches Geschlecht
  • Einnahme von nichtsteroidalen Antirheumatika vor dem Tauchgang
  • körperliche Anstrengung vor oder während des Tauchgangs
  • enge Anzüge und einengende Ausrüstung
  • kaltes Wasser
  • arterielle Hypertonie

Der letzte Punkt ist der, den ich in der Ausbildung am häufigsten unterlaufen sehe: Bluthochdruck gilt vielen als etwas, das mit Tabletten erledigt ist. Für das Immersionslungenödem ist er ein eigenständiger Risikofaktor.

Die Tiefe spielt eine andere Rolle als erwartet

Ein Befund, der dem Bauchgefühl widerspricht: Ultraschall-B-Linien als Marker für Flüssigkeit in der Lunge traten bei Tauchgängen mit offenem System erst ab 60 bis 80 Metern auf, nicht aber bei 33 Metern. Bei Kreislaufgeräten zeigten sie sich dagegen schon in einem bis zehn Metern.

Das heißt in der Praxis: Ein Lungenödem ist kein Problem der großen Tiefe. Es kann im Flachwasser beginnen — und bei Apnoetauchern und Schwimmern ohne jedes Gerät.

Woran man es erkennt

Die Beschwerden setzen im Wasser ein: starke Atemnot, rasch zunehmende Erschöpfung, Husten, in ausgeprägten Fällen blutiger Auswurf; von außen sind Rasselgeräusche zu hören.

DAN dokumentiert einen Fall, der das Muster gut zeigt: Ein 56-jähriger Taucher mit bekanntem Bluthochdruck bekam während der Grundausbildung in 18 Grad kaltem Wasser Atemnot und Erschöpfung, hustete Blut und verschlechterte sich beim Schwimmen zur Boje deutlich. Der Tauchlehrer schleppte ihn an Land — dort begannen die Beschwerden innerhalb von zehn Minuten nachzulassen. Genau diese schnelle Besserung an Land ist typisch und zugleich die Falle: Sie verleitet dazu, die Sache auf sich beruhen zu lassen.

Was zu tun ist

  • Raus aus dem Wasser. Der auslösende Reiz ist die Immersion; er endet erst an Land oder an Bord.
  • Nicht allein zurückschwimmen lassen. Im dokumentierten Fall hat genau das den Unterschied gemacht: Der Taucher meldete sich und ließ sich schleppen.
  • Sauerstoff geben, wenn vorhanden, und ärztliche Hilfe holen — auch dann, wenn es an Land rasch besser wird.
  • Wiedertauchen erst nach ärztlichem Gespräch. Ein Immersionslungenödem kann sich wiederholen.

Häufige Fragen zum Immersionslungenödem

Habe ich Wasser eingeatmet?
Nein — das ist der Kern des Begriffs. Die Flüssigkeit in den Lungenbläschen stammt aus dem eigenen Blut und tritt durch die Kapillarwand aus, weil der Druck darin zu hoch wird. Ein Beinaheertrinken ist etwas anderes; dort kommt das Wasser von außen. Die Beschwerden ähneln sich, die Ursache nicht.
Es ging an Land nach zehn Minuten weg. Muss ich trotzdem zum Arzt?
Ja. Die schnelle Besserung gehört zum Bild und sagt nichts darüber, wie ernst die Episode war. DAN empfiehlt ausdrücklich ein ärztliches Gespräch über die Rückkehr zum Tauchen, weil ein Immersionslungenödem erneut auftreten kann.
Betrifft das nur Gerätetaucher?
Nein. Beschrieben ist es bei Gerätetauchern, Apnoetauchern und Freiwasserschwimmern gleichermaßen. Der Auslöser ist das Eintauchen mit der zugehörigen Blutverschiebung, nicht das Atemgerät. Bei Kreislaufgeräten kommt die negative Druckatmung als zusätzlicher Faktor hinzu.

Quellen und weiterführende Links

Hinweis: Dieser Eintrag beschreibt ein tauchmedizinisches Thema und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Atemnot oder blutigem Auswurf nach einem Tauchgang gilt: sofort ärztliche Hilfe.