Die Dekompressionskrankheit ist eine Erkrankung, die entsteht, wenn zuvor im Gewebe gelöstes Inertgas beim Abfall des Umgebungsdrucks als freie Blase ausfällt. Die Blasen verlegen kleine Gefäße, schädigen Gewebe und lösen Entzündungsreaktionen aus. Sie ist neben der arteriellen Gasembolie eine der beiden Formen des Tauchunfalls.
Wie sie entsteht
Während des Tauchgangs liefert der Atemregler das Atemgas mit Umgebungsdruck. Nach dem Henry-Gesetz löst sich in einer Flüssigkeit umso mehr Gas, je höher dessen Partialdruck über ihr liegt – Blut und Gewebe nehmen deshalb zusätzlichen Stickstoff auf, der nicht verstoffwechselt wird.
Beim Aufstieg kehrt sich das Gefälle um. Geschieht der Druckabfall langsam genug, wandert das Gas gelöst über das Blut zur Lunge und wird abgeatmet. Geschieht er zu schnell, fällt ein Teil unterwegs als freie Blase aus. Die deutschsprachige Leitlinie „Tauchunfall“ definiert den Tauchunfall entsprechend als Ereignis, „hervorgerufen durch Abfall des Umgebungsdruckes beim Tauchen“, und nennt für venöse Gasblasen eine Größenordnung von 19 bis 700 Mikrometern.
Wichtig für das Verständnis: Mikroblasen allein sind noch keine Erkrankung. Sie lassen sich auch nach unauffälligen Tauchgängen nachweisen. Zur Dekompressionskrankheit wird es erst, wenn daraus Symptome entstehen.
Typ I und Typ II
Gebräuchlich ist eine Einteilung nach der Schwere:
- Typ I – Haut, Gelenke, Muskeln, Lymphsystem. Gelenk- und Muskelschmerz, Hautjucken, marmorierte Hautzeichnung, Schwellungen, ausgeprägte Müdigkeit.
- Typ II – Nervensystem, Innenohr, Lunge, Kreislauf. Taubheitsgefühle, Kribbeln, Muskelschwäche, Lähmungen, Sehstörungen, Drehschwindel, Atemnot, Bewusstseinsstörungen.
Diese Einteilung ist für die Erstversorgung weniger wichtig, als sie klingt. Ein Typ-I-Bild kann sich innerhalb von Stunden zu einem Typ-II-Bild entwickeln, und die Erstmaßnahmen sind in beiden Fällen dieselben.
Symptome und ihr zeitlicher Verlauf
Die Symptome treten typischerweise innerhalb von Minuten bis Stunden nach dem Auftauchen auf. Was die Erkennung erschwert: Die häufigsten frühen Zeichen sind unspezifisch. Ausgeprägte Müdigkeit nach einem Tauchgang, ein Kribbeln in einem Arm, ein Hautjucken – all das wird gern anders erklärt.
Als Tauchlehrer sage ich meinen Kursteilnehmern deshalb einen einzigen Satz: Wer nach einem Tauchgang überlegt, ob er eine Dekompressionskrankheit haben könnte, hat den Fall damit bereits ernst genug gemacht, um anzurufen. Die tauchmedizinischen Hotlines sind für genau diese Frage da, und ein Anruf kostet nichts.
Erstmaßnahmen
Die S2k-Leitlinie „Tauchunfall“ (Fassung 2023) sieht auch bei milden Symptomen wie Müdigkeit und Hautjucken vor:
- Sofortige Atmung von 100 % Sauerstoff beziehungsweise der höchsten verfügbaren Konzentration.
- Flüssigkeitszufuhr in einer Größenordnung von 0,5 bis 1 Liter pro Stunde.
- Ruhiglagerung ohne unnötige Bewegung, flach, keine Kopftieflagerung.
- Taucherärztliche Beratung. Die Leitlinie führt dazu eine Liste von Notrufnummern; sie steht in der frei verfügbaren Kurzfassung, die unten verlinkt ist.
Bei schweren Symptomen kommen hinzu: stabile Seitenlage bei Bewusstseinsverlust, Sicherung der Atemwege, intravenöser Flüssigkeitsersatz und die schnellstmögliche Druckkammerbehandlung.
Was nicht getan wird: kein erneutes Abtauchen zur „Rekompression im Wasser“, keine körperliche Anstrengung, kein Alkohol, kein Flug, kein Abwarten bis zum nächsten Morgen.
Behandlung
Die ursächliche Behandlung ist die hyperbare Sauerstofftherapie in der Druckkammer. Der erhöhte Umgebungsdruck verkleinert die Blasen, der hohe Sauerstoffpartialdruck beschleunigt das Auswaschen des Inertgases und verbessert die Sauerstoffversorgung des geschädigten Gewebes. Die Leitlinie nennt für die Druckkammerbehandlung 280 kPa.
Für das Ergebnis ist der Zeitfaktor entscheidend – deshalb ist die frühe Sauerstoffgabe vor Ort keine Nebensächlichkeit, sondern der Teil der Behandlung, den Taucher selbst leisten können.
Risikofaktoren und was das Risiko senkt
Als risikoerhöhend gelten unter anderem Kälte, körperliche Anstrengung während und nach dem Tauchgang, Flüssigkeitsmangel, Schlafmangel, höheres Lebensalter, Übergewicht und ein persistierendes Foramen ovale. Divers Alert Network empfiehlt, anstrengende Belastung vier bis sechs Stunden vor und mindestens vier Stunden nach dem Tauchgang zu meiden.
Was das Risiko senkt, ist unspektakulär und in dieser Reihenfolge wirksam: ein langsamer, kontrollierter Aufstieg; der Sicherheitsstopp von drei Minuten auf fünf Metern; ausreichende Oberflächenpausen; und eine Tauchgangsplanung, die die Nullzeit nicht ausreizt.
Ein verbreiteter Irrtum gehört an dieser Stelle korrigiert: Tiefe Zwischenstopps gelten nicht mehr als Sicherheitsgewinn. In der NEDU-Studie von Doolette, Gerth und Gault traten bei gleicher Gesamtstoppzeit unter tiefen Stopps 11 Fälle von Dekompressionskrankheit auf 198 Tauchgänge auf, unter flachen 3 auf 192. Die CMAS rät bei Luft und Nitrox ausdrücklich davon ab.
Häufige Fragen zur Dekompressionskrankheit
Siehe auch: DCS · Mikroblasen · Dekompression · Barotrauma
Quellen und weiterführende Links
- Leitlinie „Tauchunfall“ (S2k, GMS German Medical Science 2023;21:Doc01) – Definition des Tauchunfalls, Abgrenzung zur arteriellen Gasembolie, Größenordnung venöser Gasblasen, Druckkammerbehandlung
- GTÜM: Leitlinie Tauchunfall, Kurzfassung (PDF) – Erstmaßnahmen bei milden und schweren Symptomen, Sauerstoffgabe, Flüssigkeitszufuhr, Liste der tauchmedizinischen Notrufnummern
- Doolette, Gerth, Gault: NEDU Technical Report TR 11-06 (2011) – tiefe gegenüber flachen Dekompressionsstopps
- DAN Southern Africa: Physical Exercise Before, During & After a Dive – Zeitabstände für körperliche Belastung vor und nach dem Tauchgang
