Dekompressionsalgorithmus

Display eines Tauchcomputers mit der Balkendarstellung der geschaetzten Gassaettigung in den Gewebekompartimenten nach abgeschlossener Dekompression.
Dive computer display of estimated tissue loading after decompression P8070401.jpg — Peter Southwood, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dive_computer_display_of_estimated_tissue_loading_after_decompression_P8070401.jpg

Ein Dekompressionsalgorithmus ist das Rechenverfahren, mit dem ein Tauchcomputer oder eine Planungssoftware aus Tiefe, Zeit und Atemgas ableitet, wie lange ein Taucher bleiben und wie er aufsteigen darf. Er bildet die Aufnahme und Abgabe von Inertgas im Körper nach – als Modell, nicht als Messung am einzelnen Taucher.

Was ein Algorithmus ausgibt

Vier Größen, und alle vier folgen aus derselben Rechnung:

  • die Nullzeit – wie lange auf der aktuellen Tiefe geblieben werden kann, ohne dass Zwischenstopps zwingend werden;
  • Tiefe und Dauer der Dekompressionsstopps, sobald die Nullzeit überschritten ist;
  • die zulässige Aufstiegsgeschwindigkeit;
  • die Entsättigungs- und Flugverbotszeit nach dem Tauchgang.

Der gemeinsame Kern: Kompartimente

Alle gebräuchlichen Verfahren gehen auf denselben Ansatz zurück, den John Scott Haldane zu Beginn des 20. Jahrhunderts formulierte: Der Körper wird als Satz gedachter Kompartimente abgebildet, die Inertgas unterschiedlich schnell aufnehmen und abgeben. Jedes hat eine Halbwertszeit – die Zeit, in der es sich zur Hälfte auf- oder entsättigt. Schnelle Kompartimente stehen für gut durchblutetes Gewebe, langsame für schlecht durchblutetes.

Diese Kompartimente sind Rechengrößen, keine Organe. Sie lassen sich weder messen noch sezieren; ihre Zahl und ihre Halbwertszeiten sind so gewählt, dass das Gesamtverhalten des Modells zu den vorliegenden Tauchversuchen passt.

Zwei Familien

Löslichkeitsmodelle rechnen ausschließlich mit gelöstem Gas. Sie definieren für jedes Kompartiment einen Grenzwert – den M-Wert –, bis zu dem eine Übersättigung als unbedenklich gilt. Blasen kommen in der Rechnung nicht vor; die Annahme lautet, dass unterhalb des Grenzwerts keine problematischen entstehen.

Blasenmodelle gehen davon aus, dass im Körper ständig Gasblasenkerne vorhanden sind, und modellieren deren Wachstum. Ihr Ziel ist nicht, Blasenbildung zu verhindern, sondern sie klein zu halten. Daraus folgen typischerweise langsamere Aufstiege und tiefer angesetzte erste Stopps.

Die drei Verfahren, denen man im Sporttauchen begegnet

Verfahren Familie Herkunft Wo es steckt
Bühlmann ZH-L16 Löslichkeitsmodell Albert A. Bühlmann, Zürich; Varianten von 1986 der verbreitetste Ansatz; über Gradientenfaktoren einstellbar
RGBM Blasenmodell (gekoppelt) Bruce Wienke Suunto, Mares und weitere, in herstellereigenen Fassungen
VPM / VPM-B Blasenmodell D. E. Yount und Mitarbeiter, Universität Hawaii; Anwendung auf Tauchtabellen 1986 Planungssoftware wie V-Planner und MultiDeco, einzelne technische Tauchcomputer

Das VPM ist dabei insofern bemerkenswert, als seine Grundlage nicht am Menschen entstand: Yount beobachtete Blasenbildung und Blasenwachstum unter Druck an Gelatine, und das daraus abgeleitete Modell wurde später auf die Dekompression übertragen.

Warum zwei Computer verschiedene Zahlen anzeigen

Für dasselbe Profil geben zwei Geräte selten dieselbe Nullzeit aus. Die Gründe liegen übereinander: unterschiedliche Modellfamilien, unterschiedliche Herstellerumsetzungen desselben Modells, unterschiedliche Voreinstellungen der Konservativität – und schließlich unterschiedliche Auslegung der Aufstiegsphase.

Praktisch heißt das: Der Vergleich zweier Anzeigen sagt nichts darüber aus, welches Gerät „recht hat“. Wer zwei Computer trägt, richtet sich nach dem strengeren – und tauscht nicht mitten in einer Tauchwoche das Gerät oder die Einstellung.

Was kein Algorithmus leistet

Kein gebräuchliches Verfahren misst etwas am Taucher. Alle rechnen mit einem Standardkörper unter Standardbedingungen. Nicht abgebildet sind unter anderem Wassertemperatur und Kälteexposition, körperliche Anstrengung während und nach dem Tauchgang, Flüssigkeitshaushalt, Schlafmangel, Lebensalter, Körperbau und ein persistierendes Foramen ovale – alles Faktoren, für die ein Zusammenhang mit dem Risiko diskutiert wird.

Hinzu kommt eine Eigenheit der Datenlage: Ein Algorithmus wird an Tauchversuchen kalibriert, bei denen Dekompressionskrankheit ein seltenes Ereignis ist. Zwei Verfahren im Feld gegeneinander zu messen, würde Fallzahlen erfordern, die das Sporttauchen nicht liefert. Deshalb lässt sich über die relative Sicherheit zweier Algorithmen deutlich weniger sagen, als die Herstellerprospekte nahelegen.

Als Tauchlehrer formuliere ich es so: Ein Computer sagt nicht, dass ein Aufstieg sicher ist, sondern dass er innerhalb der Grenzen eines Modells liegt. Der Sicherheitsgewinn liegt nicht in der Wahl des Algorithmus, sondern darin, ihn nicht auszureizen.

Häufige Fragen zum Dekompressionsalgorithmus

Welcher Algorithmus steckt in meinem Tauchcomputer?
Das steht in der Bedienungsanleitung, meist im Abschnitt zur Dekompression, und häufig auch im Menü des Geräts. Verbreitet sind Bühlmann ZH-L16 in einer der Varianten B oder C, herstellereigene RGBM-Fassungen und – vor allem bei technisch ausgelegten Geräten – VPM-B. Wer es nicht findet, fragt beim Hersteller oder der eigenen Tauchbasis nach.
Welcher Algorithmus ist der beste?
Darauf gibt es keine belegte Antwort. Vergleichsstudien mit ausreichender Fallzahl fehlen, weil Dekompressionsunfälle im Sporttauchen zu selten sind, um zwei Verfahren im Feld statistisch gegeneinander zu prüfen. Was sich sagen lässt: Die Verfahren unterscheiden sich in ihrer Konservativität und in der Lage der Stopps, nicht nachweisbar in ihrem Ergebnis.
Was ist der Unterschied zwischen Algorithmus und Tabelle?
Inhaltlich keiner – eine Dekompressionstabelle ist ein vorab durchgerechneter Algorithmus. Der Unterschied liegt im Profil: Die Tabelle rechnet mit der maximalen Tiefe für die gesamte Grundzeit, der Computer mit dem tatsächlich getauchten Verlauf. Deshalb fällt die Tabelle bei einem Profil mit wechselnden Tiefen deutlich konservativer aus.
Darf ich den Algorithmus zwischen zwei Tauchgängen wechseln?
Davon ist abzuraten. Jeder Algorithmus führt die Restsättigung aus den vorangegangenen Tauchgängen in seiner eigenen Logik fort; ein Wechsel mitten in einer Tauchserie bricht diese Fortschreibung. Wer ein neues Gerät einsetzt, tut das sinnvollerweise nach einer ausreichenden Oberflächenpause und nicht zwischen zwei Tauchgängen desselben Tages.

Siehe auch: Bühlmann-Algorithmus · RGBM-Modell · Gradientenfaktoren · Dekompression

Quellen und weiterführende Links

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