Mikroblasen

Drei Felder im Vergleich: Unter Druck ist der Stickstoff als feine Punkte im Gewebe gelöst. Beim langsamen Aufstieg wandert er gelöst zur Lunge. Beim zu schnellen Aufstieg fällt er als freie Blase aus, dargestellt durch orange Kreise.
Ob gelöstes Gas abgeatmet wird oder ausfällt, entscheidet die Aufstiegsgeschwindigkeit.

Mikroblasen sind winzige Gasblasen, die sich nach einem Tauchgang im venösen Blut und im Gewebe bilden, wenn zuvor gelöstes Inertgas aus der Lösung tritt. Sie treten auch nach völlig unauffälligen Tauchgängen ohne jede Beschwerde auf und gelten als Maß für die Dekompressionsbelastung – nicht als Krankheitszeichen.

Wie sie entstehen

Während des Tauchgangs löst sich unter erhöhtem Umgebungsdruck zusätzliches Inertgas in Blut und Gewebe. Beim Aufstieg kehrt sich das Druckgefälle um: Das Gewebe ist gegenüber der Umgebung übersättigt, und das Gas will heraus. Der geordnete Weg führt über das Blut zur Lunge und wird abgeatmet.

Ein Teil verlässt diesen Weg. An winzigen Unregelmäßigkeiten – Gefäßwänden, Grenzflächen, bereits vorhandenen Gaskeimen – tritt Gas aus der Lösung und bildet freie Blasen. Die Blasenmodelle der Dekompressionstheorie setzen genau hier an: Sie nehmen an, dass solche Keime ständig vorhanden sind, und versuchen, ihr Wachstum zu begrenzen statt es zu verhindern.

Die Größenordnung, die die deutschsprachige Leitlinie „Tauchunfall“ für venöse Gasblasen nennt, reicht von 19 bis 700 Mikrometern.

Wie sie nachgewiesen werden

Mikroblasen sind kein theoretisches Konstrukt – sie lassen sich messen. In der tauchmedizinischen Forschung geschieht das mit Doppler-Ultraschall oder Echokardiographie: Man hört beziehungsweise sieht die Blasen, wie sie im venösen Rückstrom zum rechten Herzen wandern, und stuft ihre Menge auf einer Skala ein.

Der entscheidende Befund dieser Messungen ist zugleich der, der am häufigsten missverstanden wird: Nach ganz normalen Tauchgängen sind bei vielen Tauchern Blasen nachweisbar, ohne dass irgendein Symptom auftritt. Divers Alert Network beschreibt venöse Gasblasen deshalb als Marker für Dekompressionsstress, der mit der Wahrscheinlichkeit einer Dekompressionskrankheit zusammenhängt – „although it is not a direct relationship“.

Hinzu kommt eine erhebliche Streuung: Nach DAN treten venöse Gasblasen bei verschiedenen Tauchern und bei demselben Taucher an verschiedenen Tagen in unterschiedlichem Ausmaß auf, und die Gründe dafür sind bislang ungeklärt. Wer also hört, ein bestimmtes Verhalten habe „die Blasenbildung reduziert“, sollte fragen, wie groß die Stichprobe war.

Wann sie gefährlich werden

Der Weg venöser Blasen führt zum rechten Herzen und von dort in die Lunge. Die Lungenstrombahn wirkt als Filter: Kleine Blasenmengen werden dort abgefangen und das Gas abgeatmet. Kritisch wird es in zwei Fällen:

  • Die Blasenlast übersteigt die Filterkapazität. Dann gelangen Blasen in den arteriellen Kreislauf und können kleine Gefäße verlegen.
  • Es besteht ein Kurzschluss zwischen rechtem und linkem Kreislauf – am häufigsten ein persistierendes Foramen ovale. Die Lunge wird dann teilweise umgangen. Der tauchmedizinische Dienst aqua med weist darauf hin, dass beim Pressen – etwa beim Valsalva-Manöver – Mikroblasen von der rechten in die linke Herzhälfte gedrückt werden können.

Hinzu kommen Reaktionen an der Blasenoberfläche selbst: Gasblasen im Blut sind kein neutraler Fremdkörper, sondern lösen Reaktionen an der Gefäßinnenwand aus. Das ist einer der Gründe, warum sich die Symptome der Dekompressionskrankheit nicht allein aus dem mechanischen Verschluss von Gefäßen erklären lassen.

Was die Blasenlast tatsächlich senkt

  • Ein langsamer, kontrollierter Aufstieg. Der wirksamste einzelne Faktor und der einzige, den jeder Taucher bei jedem Tauchgang in der Hand hat.
  • Der Sicherheitsstopp. Drei Minuten auf fünf Metern, dort, wo die relative Druckänderung am größten ist.
  • Ruhe rund um den Tauchgang. DAN empfiehlt, anstrengende körperliche Belastung vier bis sechs Stunden vor und mindestens vier Stunden nach dem Tauchgang zu meiden. Während des Aufstiegs und am Sicherheitsstopp ist dagegen leichte Bewegung – ruhiges Bewegen der Gliedmaßen – erwünscht.
  • Ausreichend trinken. Ein gut gefüllter Kreislauf transportiert Gas besser ab.

Bemerkenswert und noch nicht abschließend geklärt: DAN verweist auf Untersuchungen, nach denen intensive Bewegung 24 Stunden oder auch nur ein bis zwei Stunden vor dem Tauchgang die Blasenbildung verringern kann – mahnt aber zugleich zur Vorsicht, weil diese Ergebnisse von hochtrainierten Militärtauchern stammen und sich nicht ohne Weiteres auf Freizeittaucher übertragen lassen.

Was sie nicht senkt

Lange galt als ausgemacht, dass tiefe Zwischenstopps das Blasenwachstum bremsen. Diese Annahme hat die Forschung nicht bestätigt. In der NEDU-Studie von Doolette, Gerth und Gault traten bei gleicher Gesamtstoppzeit unter tiefen Stopps 11 Fälle von Dekompressionskrankheit auf 198 Tauchgänge auf, unter flachen 3 auf 192. Die CMAS rät daraufhin, bei Luft und Nitrox auf erzwungene tiefe Stopps zu verzichten – und warnt ausdrücklich davor, den Gradientenfaktor GF Low niedriger zu setzen als GF High, weil genau das tiefe Stopps erzwingt.

Als Tauchlehrer halte ich das für den wichtigsten Punkt dieses Eintrags: Eine Maßnahme, die sich nach Vorsicht anfühlt, ist deshalb noch keine. Konservativ wird ein Profil im flachen Bereich – nicht dadurch, dass man auf halbem Weg anhält.

Häufige Fragen zu Mikroblasen

Habe ich nach jedem Tauchgang Mikroblasen?
Sehr wahrscheinlich in gewissem Umfang, ja – auch nach Tauchgängen weit innerhalb der Nullzeit lassen sich bei vielen Tauchern venöse Gasblasen im Ultraschall nachweisen. Das ist kein Krankheitszeichen. Wie viele es sind, schwankt nach den Beobachtungen von DAN erheblich zwischen verschiedenen Tauchern und beim selben Taucher an verschiedenen Tagen.
Sind Mikroblasen dasselbe wie eine Dekompressionskrankheit?
Nein. Mikroblasen zeigen an, dass der Körper Dekompressionsbelastung erfahren hat. Eine Dekompressionskrankheit liegt erst vor, wenn daraus Symptome entstehen – Gelenkschmerz, Hautveränderungen, Atemnot, neurologische Ausfälle. DAN beschreibt den Zusammenhang ausdrücklich als vorhanden, aber nicht als direkt: Viele Blasen bedeuten nicht zwingend eine Erkrankung, wenige schließen sie nicht aus.
Kann ich Mikroblasen selbst messen?
Nein. Der Nachweis erfordert Doppler-Ultraschall oder Echokardiographie, geschultes Personal und ein enges Zeitfenster nach dem Auftauchen. Es gibt kein Gerät für den Hausgebrauch und keinen Selbsttest. Was ein Taucher stattdessen tun kann, ist, die bekannten Einflussgrößen zu kontrollieren: Aufstiegsgeschwindigkeit, Sicherheitsstopp, Belastung, Flüssigkeit.
Darf ich nach dem Tauchgang Sport treiben?
DAN empfiehlt, anstrengende körperliche Belastung mindestens vier Stunden nach dem Auftauchen zu meiden, idealerweise vier bis sechs. Der Grund ist, dass Anstrengung die Zirkulation und damit die Blasenverteilung verändert, während noch Inertgas abgebaut wird. Leichte Bewegung ist unbedenklich – gemeint ist der Verzicht auf Krafttraining, Laufen oder Bergsteigen unmittelbar nach dem Tauchen.

Siehe auch: Dekompressionskrankheit · RGBM-Modell · Gradientenfaktoren · Dekompression

Quellen und weiterführende Links

Über Taucher Tom 59 Artikel
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