Brackwasser

Gruenlich truebes Flachwasser der Ostsee mit tangbewachsenen Steinen und begrenzter Sichtweite.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Brackwasser ist Wasser, dessen Salzgehalt zwischen dem des Süßwassers und dem des offenen Meeres liegt und dabei ständig schwankt. Für Taucher ist es kein Randthema: Die halbe deutsche Tauchsaison findet in Brackwasser statt. Es verändert den Auftrieb, die Sicht und die Lebensgemeinschaft am Grund — und es erklärt, warum die Ostsee tauchtechnisch ein eigenes Kapitel ist.

Die Definition und ihre Stufen

Das Spektrum-Lexikon der Biologie setzt Brackwasser bei einem Salzgehalt von etwa 0,05 bis 3,0 Prozent an, also 0,5 bis 30 Promille. Der Name stammt aus dem Mittelniederländischen: brac hieß salzig. Typische Brackwassergebiete sind Flussmündungen (Ästuare), Binnenmeere, Fjorde, Lagunen und das Küstengrundwasser.

Innerhalb dieser Spanne wird weiter unterteilt:

  • polyhalin: 3 bis 1,8 Prozent
  • α-mesohalin: 1,8 bis 0,8 Prozent
  • β-mesohalin: 0,8 bis 0,3 Prozent
  • oligohalin: 0,3 bis 0,05 Prozent

Das Entscheidende an der Definition ist nicht die Zahl, sondern das Wort „schwankt“. Brackwasser ist kein fester Zustand, sondern eine Mischzone — und wo gemischt wird, gibt es Schichten. Siehe dazu Salzgehalt.

Die Ostsee als Lehrbeispiel

Die Ostsee ist das Brackwassermeer, in dem deutsche Taucher regelmäßig unterwegs sind. Planet Wissen nennt für die Nordsee im Mittel etwa 3,5 Prozent Salzgehalt, für die westliche Ostsee „nur rund 1,8 Prozent“ und für den Finnischen Meerbusen weniger als 0,3 Prozent. Der Gehalt nimmt also von Westen nach Osten ab; die Darßer Schwelle und das Arkonabecken bremsen den Einstrom aus der Nordsee.

Dahinter steht eine stabile Zirkulation: Die Flüsse führen der Ostsee jährlich schätzungsweise 440 Kubikkilometer Süßwasser zu. Weil das leichtere Brackwasser oben abfließt und das schwerere Salzwasser in der Tiefe einströmt, liegen zwei Wasserkörper übereinander — die Grenze zwischen ihnen ist die Halokline, das Pendant zur temperaturbedingten Sprungschicht. Der Austausch in der Tiefe hängt an den Salzwassereinbrüchen bei starken Westwinden. Der bislang stärkste fand im November und Dezember 1951 statt und brachte gut 200 Kubikkilometer Salzwasser in die Ostsee. Seit Mitte der 1970er Jahre bleiben solche großen Einbrüche aus, sodass hinter der Darßer Schwelle immer mehr Bodenflächen aus Sauerstoffmangel absterben.

Was Brackwasser für den Tauchgang bedeutet

Blei. Nach dem Prinzip des Archimedes hängt der Auftrieb an der Dichte des verdrängten Wassers. König und Lipp geben für Süßwasser rund 1,00 kg/l an (die größte Dichte liegt bei 3,98 °C) und für Salzwasser etwa 1,03 kg/l. Brackwasser liegt dazwischen — und zwar je nach Revier an einer anderen Stelle. Wer in der westlichen Ostsee austariert ist, ist in der Nordsee unterbleit und im Baggersee überbleit. Die Bleimenge gehört deshalb zum Revier, nicht zum Taucher.

Druck. Der Unterschied wirkt auch auf den hydrostatischen Druck, aber in einer Größenordnung, die in der Praxis untergeht: Die Faustregel „zehn Meter sind ein bar“ gilt nach König und Lipp mit einer Unsicherheit von etwa zwei Prozent, und die Spanne zwischen Süß- und Salzwasser bleibt darin.

Sicht und Schichtung. Die Sichtweite ist in der Ostsee nach meiner Erfahrung fast immer kürzer als im klaren Meerwasser, und das Wasser steht grünlich. An der Halokline kommt ein optischer Effekt dazu: das Schlierenbild beim Durchtauchen zweier unterschiedlich dichter Wasserkörper. Wer dort fotografiert, kennt das Problem.

Was man sieht. Im Flachwasser der westlichen Ostsee prägen Blasentang, Miesmuschelbänke und Seegraswiesen das Bild — wenige Arten, aber in großer Zahl. Korallen und die bunte Fischvielfalt tropischer Reviere sucht man vergebens.

Aus der Praxis

Als Tauchlehrer merke ich den Wechsel zuerst am Bleigurt der Kursteilnehmer, die aus dem Baggersee an die Küste kommen — und dann am Trockenanzug, weil die Spülung mit Süßwasser nach einem Ostseetauchgang mehr Salz aus den Ventilen holt, als die meisten erwarten. Das Zweite, worauf ich hinweise, ist die Halokline: Wer durch sie hindurchtaucht, verliert für einen Moment die Schärfe und bekommt gleichzeitig eine Auftriebsänderung — beides zusammen irritiert Anfänger zuverlässig.

Quellen

Zur Quellenlage: Die Halinitätsstufen gibt das Spektrum-Lexikon wieder; der Originaltext des Venedig-Systems von 1958, auf das diese Einteilung zurückgeht, liegt dieser Darstellung nicht zugrunde. Planet Wissen ist ein redaktionelles Wissensangebot, keine meereskundliche Primärquelle; für die Salzgehalte einzelner Ostseebecken wären die Messreihen des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung die bessere Grundlage. König und Lipp nennen für Salzwasser 1,03 kg/l und geben zugleich eine Spanne von 1,01 bis 1,08 kg/l an.

Brauche ich in der Ostsee mehr oder weniger Blei als in der Nordsee?
Weniger. Der Auftrieb hängt an der Dichte des verdrängten Wassers, und die westliche Ostsee kommt mit rund 1,8 Prozent Salzgehalt nicht an die rund 3,5 Prozent der Nordsee heran. Wer sein Ostseeblei in ein salzreicheres Revier mitnimmt, ist dort unterbleit. Umgekehrt braucht man im Süßwassersee noch einmal weniger.
Ab welchem Salzgehalt spricht man von Brackwasser?
Das Spektrum-Lexikon setzt die Spanne bei etwa 0,05 bis 3,0 Prozent an, also 0,5 bis 30 Promille, und unterteilt sie in vier Stufen von oligohalin bis polyhalin. Entscheidend ist dabei weniger der genaue Wert als die Eigenschaft: Der Salzgehalt schwankt, weil sich Süß- und Meerwasser ständig neu mischen.
Warum ist die Sicht im Brackwasser oft schlechter?
Brackwassergebiete sind Mischzonen, in die über die Flüsse ständig Süßwasser samt Fracht eingetragen wird — der Ostsee allein schätzungsweise 440 Kubikkilometer im Jahr. Schwebstoff begrenzt die Reichweite des Lichts. Dazu kommt die Schichtung: An der Halokline treffen zwei Wasserkörper unterschiedlicher Dichte aufeinander, was ein Schlierenbild erzeugt.
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Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.