Sichtweite

Taucher im truben Baggersee, der Tauchpartner ist in wenigen Metern Entfernung nur noch als Silhouette erkennbar.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Die Sichtweite ist die Entfernung, auf die ein Gegenstand unter Wasser noch erkennbar ist. Sie ist die Größe, die Taucher meinen, wenn sie nach dem Tauchgang „zwei Meter“ oder „dreißig Meter“ ins Logbuch schreiben — eine Schätzung in waagerechter Richtung. Von ihr hängt ab, wie nah ein Team zusammenbleiben muss, ob eine Leine gelegt wird und ob eine Lampe hilft oder stört.

Sichtweite und Sichttiefe sind zwei verschiedene Größen

Die messbare Größe der Gewässerkunde heißt nicht Sichtweite, sondern Sichttiefe, und sie wird senkrecht bestimmt. Das Lexikon der Biologie definiert sie als „diejenige Tiefe, in der eine weiße Scheibe von 30 cm Durchmesser (Secchi-Scheibe) im Wasser nicht mehr erkannt werden kann“. Sie dient dort der Abschätzung der trophogenen Schicht eines Gewässers, also der Zone, in der noch Photosynthese möglich ist. Das Verfahren geht auf den italienischen Jesuiten Angelo Secchi zurück und ist seit 1865 in Gebrauch.

Die Sichttiefe ist damit vergleichbar messbar, die Sichtweite eines Tauchers nicht. Beide Zahlen beschreiben dieselbe Ursache — die Klarheit des Wassers —, aber in unterschiedlicher Richtung und mit unterschiedlichem Maßstab. Sie sind nicht gegeneinander austauschbar.

Absorption nimmt die Farbe, Streuung nimmt die Sicht

Das Lehrbuch für Forschungstaucher von König und Lipp trennt die beiden Vorgänge: Einfallendes Licht wird „a. gestreut und b. absorbiert (in andere Energieform überführt), wobei beide Vorgänge von der Wellenlänge abhängig sind“. Die Absorption ist der Grund, weshalb Rot schon in wenigen Metern verschwindet und Wasser „wie ein Blaufilter“ wirkt — in klarem Wasser ist die Energie eines roten Lichtstrahls bereits in 9 Metern auf ein Sechzehntel gefallen, die von Blau erst in 87 Metern. Für die Sichtweite ist aber die Streuung entscheidend: Sie verwischt die Kanten, an denen das Auge einen Gegenstand vom Hintergrund unterscheidet.

Gestreut wird an dem, was im Wasser schwebt. König und Lipp nennen „Schwebeteilchen (z. B. Plankton) und gelöste Stoffe (z. B. Huminsäure, ‚Gelbstoffe‘)“, die die Wegstrecken des Lichts weiter verkürzen. In klarem Wasser bleibt die Streuung gering; in trüben Gewässern kann sie die Sichtweite auf wenige Zentimeter drücken.

Was die Sicht im Binnengewässer bestimmt

Im heimischen Baggersee wechselt die Sicht im Jahreslauf, und zwar nicht zufällig. Drei Ursachen überlagern sich: Plankton, das mit Licht und Wärme zunimmt und im Frühjahr und Sommer ganze Wochen verdirbt; Sediment, das nach Regen eingetragen oder vom Grund aufgewirbelt wird; und gelöste Huminstoffe, die dem Wasser eine braune Tönung geben und vor allem in Moor- und Waldgewässern auftreten.

Die vierte Ursache sitzt im Team selbst. Ein unsauberer Flossenschlag über weichem Grund wirbelt Sediment auf, und dann gilt für alle Nachfolgenden eine andere Sichtweite als für den Ersten. Wer schon einmal in einem See als Vierter einer Reihe getaucht ist, kennt den Unterschied.

Warum die Lampe nicht immer hilft

Bei trübem Wasser ist der Griff zur Lampe der erste Reflex und oft der falsche. Licht, das frontal in die Schwebstoffwolke fällt, wird an ihr zurückgestreut — der Effekt heißt Rückstreuung oder Backscatter und macht das Bild heller, aber nicht klarer. Wirksam ist stattdessen seitlich geführtes Licht und, wo es um Fotografie geht, ein möglichst kurzer Abstand zum Motiv. Für das Tauchen selbst folgt daraus: ruhige, kontrollierte Bewegung und ein enger Partnerabstand bringen unter schlechten Bedingungen mehr als eine stärkere Lampe.

Warum die geschätzte Zahl mit Vorsicht zu lesen ist

Die Schätzung im Logbuch ist eine Schätzung in einem Medium, das die Wahrnehmung verzerrt. König und Lipp halten fest: „Unter Wasser erscheinen uns alle Gegenstände 1/3 größer und 1/4 näher.“ Das betrifft die Entfernungsschätzung unmittelbar. Und je trüber das Wasser, desto stärker ist die Abstandswahrnehmung beeinträchtigt — die Zahl im Logbuch wird also gerade dort unzuverlässig, wo sie am wichtigsten wäre.

Auch die gemessene Sichttiefe hat Störgrößen. Die Küstenforschung des Helmholtz-Zentrums nennt für die Messung mit der Secchi-Scheibe drei: Strömung, die die Scheibe unter das Schiff drückt; die Sonneneinstrahlung, die die Sichtbarkeit verbessert; und plötzlichen Schattenwurf, der die Beobachtung stört. Zwei Sichttiefen sind also nur dann vergleichbar, wenn sie unter ähnlichen Bedingungen gewonnen wurden.

Ist die Sichtweite gleich der Sichttiefe?
Nein. Die Sichttiefe ist über die Secchi-Scheibe senkrecht definiert und vergleichbar messbar; die Sichtweite ist die waagerechte Entfernung, auf die ein Taucher einen Gegenstand noch erkennt, und wird geschätzt. Ein Umrechnungsfaktor zwischen beiden ist in den hier herangezogenen Quellen nicht angegeben.
Warum ist die Sicht im Frühjahr oft schlechter als im Winter?
Weil mit Licht und Wärme das Plankton zunimmt. Schwebealgen und Trübstoffe verringern die Eindringtiefe des Lichts, und beides erreicht im Frühjahr und Sommer seine höchsten Werte. Im kalten, planktonarmen Wasser des Winters ist die Sicht in vielen Binnengewässern am besten.
Hilft eine stärkere Lampe bei schlechter Sicht?
Nur begrenzt. Mehr Licht bedeutet auch mehr Rückstreuung an den Schwebstoffen, die die Sicht überhaupt erst nehmen. Seitlich geführtes Licht und ein geringer Abstand zum Ziel wirken besser als höhere Leistung von vorn.

Quellen

Zur Quellenlage: Für die Sichtweite als tauchspezifische Größe liegt keine Verbands- oder Normquelle vor; die physikalische Begründung stammt aus einem Lehrbuch für Forschungstaucher, die Definition der Sichttiefe aus der Limnologie, die Aussagen zur Lampenführung von einer Händlerseite. Die Angaben zum Jahreslauf im Binnengewässer stützen sich auf den allgemeinen Zusammenhang zwischen Schwebealgen und Sichttiefe, nicht auf eine Messreihe.

Weiter im Lexikon: Farbabsorption im Wasser · Lichtbrechung unter Wasser · Thermokline · Strömung · Logbuch

Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.