Strömung

Starke Strömung an einer Riffkante: gleichgerichtet umgelegte Gorgonien, ein Fischschwarm steht gegen die Strömung, ein Taucher hält sich am Fels fest.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Strömung ist die gerichtete Bewegung von Wasser durch ein ruhenderes umgebendes Gewässer — beim Tauchen die Umweltbedingung, die über Einstieg, Ablauf und Ausstieg eines Tauchgangs mehr entscheidet als jede andere.

DAN fasst den Begriff so: „Current is the continuous movement of a fluid in a certain direction… Current movement, which can be horizontal or vertical, is sometimes slow and barely noticeable but at other times can be so strong that underpowered watercraft struggle against it.“ Entscheidend ist der Zusatz: Strömung läuft nicht nur waagerecht, sondern auch senkrecht.

Woher Strömung kommt

Die NOAA nennt drei Antriebe: Gezeiten, Wind und die thermohaline Zirkulation. Für den Taucher sind die ersten beiden die praktisch wirksamen.

Beim Gezeitenstrom lohnt eine Unterscheidung, die das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie sauber zieht: „Im engeren Sinne wird nur das abwechselnde Steigen und Fallen des Wasserstandes als Meeresgezeiten bezeichnet. Das dazugehörige waagerechte Hin- und Herströmen der Wasserteilchen wird dagegen Gezeitenstrom genannt.“ Der Tidenhub ist also die Höhe, der Gezeitenstrom die Bewegung. Das Lehrbuch für Forschungstaucher beschreibt, was daraus für die Planung folgt: In der Nordsee können Gezeitenströme 1 m/s überschreiten, in der Ostsee sind sie „in vielen Gebieten für Taucher unbedeutend“; am stärksten sind sie zwischen den Wasserstandsextremen, am schwächsten um den Kenterpunkt. Der kurze Zeitraum um diesen Punkt heißt Kenterzeit und ist in Gebieten wie der Deutschen Bucht oft das einzige Zeitfenster, in dem ohne Stromschutz überhaupt getaucht werden kann. Zur Springtide, wenn Mond und Sonne auf einer Achse stehen, sind die Gezeitenströme besonders stark; zur Nipptide am schwächsten.

Windstrom entsteht nahe der Oberfläche in Abhängigkeit von Stärke, Richtung und Wirkdauer des Windes. Dass er nicht in Windrichtung läuft, wird gern übersehen: Durch die Corioliskraft wird er auf der Nordhalbkugel um 45 Grad nach rechts abgelenkt. Und auflandiger Wind staut Wasser vor der Küste — lässt er nach, fließt es als ablandige Strömung wieder ab.

Was das Riff mit der Strömung macht

Am Hindernis wird die Strömung nicht gleichmäßig langsamer, sondern umverteilt. Das Lehrbuch für Forschungstaucher beschreibt es physikalisch: Vor Riffen, Wracks und Buhnen staut sich das Wasser und beruhigt sich, im Strömungsschatten dahinter ebenso — „dagegen wird das Wasser an den Seiten und oberhalb des Hindernisses beschleunigt und kann dabei so starke Strömungsgeschwindigkeiten erreichen, das ein Tauchereinsatz nicht mehr möglich ist. Auch die Ausbildung gefährlicher Wirbel ist dann möglich.“

Praktisch heißt das: dicht am Grund und dicht am Riff ist es ruhiger, über der Riffkante und an den Riffecken am stärksten. DAN rät entsprechend, sich tief zu halten und hinter Vorsprüngen Deckung zu nehmen.

Senkrechte Strömung: Downwelling und Upwelling

Trifft eine meist windgetriebene Strömung auf eine Steilwand, eine Insel oder ein Atoll, wird das Wasser nach unten gedrückt — das ist ein Downwelling. Beim Upwelling drückt der Wind Oberflächenwasser fort, und Wasser aus der Tiefe steigt nach; es bringt Nährstoffe mit, weshalb Auftriebsgebiete biologisch besonders produktiv sind. Das Lehrbuch für Forschungstaucher nennt den Fall, der Taucher am häufigsten trifft: In engen Kanälen wie Atollkanälen entsteht nach der Verengung eine Sogwirkung, und an den Enden maledivischer Atollkanäle treten häufig abwärtsgerichtete Strömungen auf.

DANs Rat für den Ernstfall ist knapp und unbequem: Abstieg oder Aufstieg so schnell wie möglich stoppen, dazu notfalls festen Untergrund greifen — „While touching the reef is never ideal, it is acceptable in this case.“ Im Downwelling durchgehend Druckausgleich machen, im Upwelling durchgehend ausatmen. Lässt sich die Bewegung nicht stoppen, senkrecht und schlank in die Strömung legen, damit das Wasser mit weniger Widerstand vorbeiläuft. Danach kontrolliert aufsteigen und den Vorrat im Blick behalten.

Wie viel Strömung ist zu viel?

Hier gehen die Angaben auseinander, und zwar entlang der Frage, wer taucht. Ein Knoten entspricht 1,852 km/h oder rund 0,51 m/s.

  • DAN: „Divers should not dive in currents greater than 1 knot without proper training and experience.“ Schon eine halbe Knoten starke Strömung reiche aus, um in der Zeit, die das Ausblasen der Maske kostet, außer Reichweite der Abstiegsleine zu geraten. Bei 2 Knoten sei es kaum möglich, die Position allein durch Flossenschlag zu halten — und schon gar nicht über längere Zeit.
  • VDST: Für die Ausbildungstauchgänge des Strömungstauchkurses gilt, die Tauchgänge sollten „vorzugsweise vom Boot aus bei Strömungsgeschwindigkeiten von maximal 1 Knoten durchgeführt werden.“
  • Forschungstauchen: Das Lehrbuch für Forschungstaucher setzt eine harte Grenze: „Forschungstauchereinsätze sind nicht zulässig bei Strömungsgeschwindigkeiten des Wassers > 1,0 m s-1″ — also oberhalb von etwa 1,9 Knoten.

Ein Messgerät hat kaum jemand dabei. DAN nennt einen Behelf: einen schwimmfähigen Gegenstand aussetzen und die Zeit über eine bekannte Strecke nehmen — in einer Strömung von einem Knoten treibt er 1,68 Fuß je Sekunde. Unter Wasser ist das Verhalten der Fische der bessere Anhaltspunkt: Stehen die kleinen Schwarmfische ausgerichtet und dicht über den Korallen, ist es kräftig; verschwinden sie zwischen den Ästen, ist es sehr kräftig.

Wie man damit taucht

Die Grundregel für jeden Tauchgang, der nicht als Drift geplant ist, nennen DAN und das Forschungstaucher-Lehrbuch gleichlautend: gegen die Strömung beginnen, mit ihr zurückkehren. Der Hinweg kostet mehr Kraft und mehr Gas, der Rückweg fast keines — umgekehrt wird daraus ein Tauchgang, von dem man nicht zurückkommt. Für die Gasplanung empfiehlt DAN in Strömung die Drittelregel: ein Drittel hin, ein Drittel zurück, ein Drittel Reserve.

Beim Drifttauchen arbeitet die Strömung für einen: geflosst wird nur, um etwas anzusteuern oder stehen zu bleiben. Dann aber gehört die Gruppe zusammen und markiert, und die Aufnahme durch das Boot folgt der Ansage des Betreibers. Eine Oberflächenboje ist dabei kein Zubehör: Das Forschungstaucher-Lehrbuch nennt die Kennzeichnung der Gruppe an der Oberfläche bei Strömungstauchgängen „unerlässlich“, DAN und PADI nennen Boje und Spule als Mindestausrüstung, und PADI rät ausdrücklich zur abwerfbaren Boje, die schon aus der Tiefe gesetzt werden kann. Hinzu kommen Verfahren, die es ohne Strömung nicht braucht: der negative Einstieg mit leerem Jacket, damit man nicht an der Oberfläche abtreibt, und der Riffhaken, der nach DANs Formulierung „sometimes necessary“ ist, um die Gruppe an einer Stelle zu sammeln.

Was dabei meist unterschätzt wird, ist die Atemseite. Das Lehrbuch für Forschungstaucher führt Strömung ausdrücklich unter den Faktoren, die die CO₂-Produktion erhöhen — neben Arbeit, mangelnder Kondition, zu viel Blei, Kälte und Angst. Zusammen mit der steigenden Gasdichte in der Tiefe ist das der Weg in die Hyperkapnie. Deshalb ist der wichtigste Satz zum Strömungstauchen nicht technisch, sondern taktisch, und PADI formuliert ihn am kürzesten: „Do not fight the current, relax and go with the flow.“

Woran erkenne ich unter Wasser eine Abwärtsströmung?
Am sichersten an den eigenen Ausatemblasen: Steigen sie nicht auf, sondern werden sie nach unten mitgenommen, steht man in einem Downwelling. Ein zweites Zeichen sind Fische, die nicht mehr waagerecht schwimmen, sondern senkrecht abgetrieben werden. Beides ist ein Grund, sofort seitlich aus der Zone heraus- und in Richtung Riff zu gehen.
Ist die Strömung in der Tiefe schwächer als im Flachwasser?
Nicht zwangsläufig. Nahe am Grund und im Strömungsschatten hinter Hindernissen ist sie in aller Regel schwächer — an den Seiten und oberhalb eines Riffs wird das Wasser dagegen beschleunigt. An tiefen Steilabfällen kann die Strömung in der Tiefe zudem in eine andere Richtung laufen als oben.
Wann ist an Nord- und Ostsee mit wenig Gezeitenstrom zu rechnen?
Um die Kenterzeit, also beim Wechsel von Flut- auf Ebbstrom und umgekehrt, sind die Gezeitenströme am schwächsten und kommen teilweise ganz zum Stillstand. Zur Nipptide fällt der Gezeitenstrom insgesamt schwächer aus als zur Springtide. Für die Deutsche Bucht veröffentlicht das BSH dazu einen eigenen Gezeitenstromatlas.

Quellen

Zur Quellenlage: Die Grenzwerte in Knoten stammen aus unterschiedlichen Zusammenhängen und sind nicht gegeneinander austauschbar — DANs ein Knoten ist eine Empfehlung fürs Sporttauchen, die Angabe des VDST bezieht sich auf Ausbildungstauchgänge, und die 1,0 m/s des Forschungstaucher-Lehrbuchs sind eine dienstrechtliche Einsatzgrenze. Die Einschätzung der Strömungsstärke am Verhalten der Schwarmfische ist verbreitete Praktikererfahrung und in keiner Verbandsquelle normiert. Originalstandards der CMAS zum Strömungstauchen waren für diesen Eintrag nicht zugänglich.