Pressluft

Tauchflaschen an einer Füllleiste im Füllraum einer Tauchbasis, daneben ein Hochdruckkompressor.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Pressluft ist verdichtete, gefilterte und getrocknete Umgebungsluft — das Standardatemgas des Sporttauchens. Ihre Zusammensetzung entspricht der Luft, die wir an Land atmen; verändert wird beim Verdichten nur der Druck, nicht das Mischungsverhältnis. Welche Reinheit sie haben muss, regelt in Europa die DIN EN 12021.

Was in der Flasche ist

Trockene Luft besteht nach den gängigen Angaben zu rund 78,08 Volumenprozent aus Stickstoff, zu 20,95 Prozent aus Sauerstoff, zu 0,93 Prozent aus Argon und zu etwa 0,04 Prozent aus Kohlendioxid, dazu Spuren weiterer Gase. Im Tauchsport wird das üblicherweise auf „21 Prozent Sauerstoff, 79 Prozent Inertgas“ gerundet — für die Rechnung mit Partialdrücken ist das genau genug, solange man weiß, dass die 79 Prozent Stickstoff und Argon enthalten.

Das Verdichten ändert an diesen Anteilen nichts. Was sich ändert, ist der Partialdruck jedes Bestandteils: Er steigt mit dem Umgebungsdruck. Deshalb ist Pressluft in 40 Metern ein anderes Atemgas als an der Oberfläche, obwohl sich an ihrer Zusammensetzung nichts geändert hat — der Sauerstoffpartialdruck nähert sich den Grenzen der Hyperoxie, der Stickstoffpartialdruck treibt die Aussättigung, und die Gasdichte steigt proportional mit.

Zur Wortwahl: Pressluft, Druckluft und Atemluft meinen im Tauchalltag dasselbe Gas. „Atemluft“ ist der Begriff der Norm und bezeichnet Luft, die den Reinheitsanforderungen genügt; „Druckluft“ ist der allgemeine technische Ausdruck und umfasst auch Luft, die man keinesfalls atmen dürfte. Das Gegenstück ist das sauerstoffangereicherte Nitrox.

Was die Norm verlangt — und wo die Angaben auseinandergehen

Die DIN EN 12021 („Atemgeräte — Druckgase für Atemschutzgeräte“, zweite Ausgabe 2014) legt Anforderungen an Sauerstoff-, Kohlendioxid-, Kohlenmonoxid-, Öl- und Feuchtegehalt fest und verlangt außerdem, dass die Atemluft frei von störendem Geruch oder Geschmack ist. Der Normtext selbst ist kostenpflichtig; die Zahlen im Umlauf stammen aus Zusammenstellungen — und die stimmen nicht überein.

Eine Zusammenstellung des Atemschutzlexikons zur Fassung von 2014 nennt: Sauerstoff 21 ± 1 Volumenprozent, Kohlendioxid höchstens 500 ml/m³, Kohlenmonoxid höchstens 5 ml/m³, Schmierstoff als Tröpfchen oder Nebel höchstens 0,5 mg/m³ und einen Wassergehalt von weniger als 50 mg/m³ bei Nenndrücken von 40 bis 200 bar beziehungsweise weniger als 35 mg/m³ bei 300 bar.

Eine über die CMAS Schweiz verbreitete DAN-Übersicht aus demselben Jahr führt teils andere Werte: Sauerstoff 20 bis 22 Prozent, Kohlendioxid 500 ppmv, Kohlenmonoxid 10 ppmv, Kohlenwasserstoffe einschließlich Methan 25 ppmv, Öl und Partikel 0,5 mg/m³ sowie Wasserdampf 62 ppmv bis 20 MPa und 31 ppmv bis 30 MPa.

Beim Kohlenmonoxid liegt zwischen beiden Darstellungen also der Faktor zwei. Wer sich auf eine Zahl beruft, sollte sagen, welche Zusammenstellung er meint — und im Zweifel gilt bei einer Obergrenze der kleinere Wert.

Verunreinigungen und woher sie kommen

DAN Europe bezeichnet Kohlenmonoxid als die gefährlichste Form der Atemgasverunreinigung: Es bindet nach dieser Darstellung 200-mal stärker an den roten Blutfarbstoff Hämoglobin als Sauerstoff, und die Gefahr wächst mit der Tiefe, weil der Partialdruck des CO mit dem Umgebungsdruck steigt. Häufige weitere Verunreinigungen sind Kohlendioxid, Feuchtigkeit, kondensiertes Öl und Partikel; ortsgebunden kommen flüchtige Kohlenwasserstoffe wie Methan vor, selten, aber giftig sind Reinigungsmitteldämpfe, Fahrzeugabgase und schwefelhaltige Stoffe.

Die Ursachen liegen fast immer beim Kompressor: Abgase, die er ansaugt oder selbst erzeugt, überhitztes und zersetztes Schmieröl, erschöpfte Filterpatronen. Die DAN-Übersicht nennt als Empfehlungen die regelmäßige Wartung, die Kontrolle der Filter, eine wiederkehrende Laborprüfung der Luftqualität und die schlichte Regel, ein Gas nicht anzunehmen, das ungewöhnlich riecht.

Was ich an der Füllstation mache

Zwei Dinge kosten nichts und lohnen sich. Erstens: kurz am geöffneten Ventil riechen, bevor die Flasche an den Atemregler kommt. Öliger oder brandiger Geruch ist kein Geschmacksurteil, sondern ein Normverstoß — geruchs- und geschmacksfrei ist eine Anforderung der EN 12021. Zweitens: nachfragen, wann die letzte Luftanalyse war. Eine Basis, die darauf keine Antwort hat, füllt auch sonst nach Gefühl.

Aus meiner Sicht spricht viel dafür, bei Reisezielen mit unbekannter Füllstation ein eigenes Kohlenmonoxid-Messgerät mitzunehmen — DAN Europe empfiehlt persönliche CO-Messgeräte ausdrücklich. Es ist die einzige Verunreinigung, die man weder riecht noch schmeckt und die trotzdem in der Tiefe zuerst wirkt.

Quellen

Ist Pressluft dasselbe wie Atemluft?
Im Tauchalltag ja. „Atemluft“ ist der Begriff der DIN EN 12021 und bezeichnet Luft, die deren Reinheitsanforderungen genügt. „Druckluft“ ist der allgemeine technische Ausdruck und umfasst auch Luft, die nicht atembar ist — etwa aus einem Werkstattkompressor ohne Atemluftaufbereitung.
Warum ist Kohlenmonoxid in der Tiefe gefährlicher?
Weil der Partialdruck jedes Bestandteils mit dem Umgebungsdruck steigt. Eine Konzentration, die an der Oberfläche unauffällig bliebe, wirkt in 30 Metern mit dem vierfachen Partialdruck. DAN Europe weist ausdrücklich darauf hin, dass die Gefahr mit der Tauchtiefe zunimmt.
Wie oft sollte die Luft einer Füllstation geprüft werden?
Die über CMAS Schweiz verbreitete DAN-Übersicht empfiehlt eine quartalsweise Laborprüfung zusätzlich zur laufenden Kontrolle und zur regelmäßigen Kompressorwartung. Wie eine bestimmte Basis das handhabt, erfährt man am schnellsten, indem man danach fragt.