Wechselatmung

Zwei Taucher unter Wasser: Einer reicht dem anderen seinen Lungenautomaten zum Atmen.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Wechselatmung ist ein Notverfahren, bei dem zwei Taucher abwechselnd aus einem einzigen Lungenautomaten atmen, weil einem von beiden das Atemgas ausgegangen ist. Sie war jahrzehntelang Pflichtstoff der Grundausbildung und ist dort weitgehend durch die alternative Luftversorgung über einen zweiten Atemregler abgelöst worden. Als Rückfallebene wird sie in fortgeschrittenen Kursen weiter geübt.

Wie das Verfahren abläuft

Beide Taucher teilen sich ein Mundstück. Die deutschsprachige Wikipedia beschreibt den eingeübten Rhythmus so, dass jeder zwei Atemzüge nimmt und den Lungenautomaten dann weiterreicht. Der Taucher mit der funktionierenden Ausrüstung führt dabei das Mundstück, während sich der Partner an ihm festhält — so bleibt beiden eine Hand für die Tarierung und für die Instrumente frei.

Der entscheidende Punkt ist nicht der Griff, sondern der Takt. Wer das Mundstück abgibt, atmet für mehrere Sekunden nicht und muss in dieser Zeit ausatmen, weil sich das Gas in der Lunge beim Aufstieg ausdehnt. Genau hier liegt die Schwäche des Verfahrens: Die Luftversorgung ist unterbrochen, und zwar für jeden von beiden mehrfach hintereinander. Die Wikipedia benennt die psychische Belastung durch diese nicht unterbrechungsfreie Versorgung als den Weg, auf dem aus einer Übung eine Panik und daraus ein unkontrollierter Aufstieg wird.

Warum die Grundausbildung sie nicht mehr verlangt

Seit der zweite Automat am Atemregler — im Sprachgebrauch der Oktopus — zur Regelausstattung gehört, gibt es ein Verfahren, bei dem niemand auf Gas verzichten muss: Beide atmen gleichzeitig, jeder aus einem eigenen Mundstück. Nach der Darstellung der deutschsprachigen Wikipedia führen SSI und PADI die Wechselatmung deshalb nicht mehr zwingend in den Anfängerkursen, während CMAS und NAUI sie in fortgeschrittenen Programmen und in der Rettungsausbildung behalten haben.

Die Ausrüstungsnormung ist demselben Weg gefolgt. Die Schweizer Praktikerseite dekostop.ch fasst die EN 250:2014 so zusammen, dass ein Oktopus nicht die bevorzugte Konfiguration ist, wenn die Tiefe über 30 Metern oder die Wassertemperatur unter 10 Grad Celsius liegt; für diese Bedingungen wird ein vollständig unabhängiges zweites System empfohlen. Erste Stufen, die für den Betrieb mit einem zweiten Automaten geeignet sind, tragen danach die Kennzeichnung „A“, nicht kaltwassertaugliche Regler die Angabe „>10 °C“.

Was die Unfalldaten sagen

DAN hat für einen Beitrag über Notaufstiege 964 tödliche Tauchunfälle ausgewertet. In 30 Prozent der Fälle — 288 an der Zahl — war ein Notaufstieg beteiligt. In 189 dieser Notaufstiege wurde ein schneller Aufstieg von mehr als 60 Fuß pro Minute (rund 18 Meter pro Minute) beobachtet oder aufgezeichnet, in 10 Prozent stieg der Taucher ganz ohne Gasquelle auf. Wechselatmung war an 8 Prozent der tödlichen Notaufstiege beteiligt.

Woran die Taucher gestorben sind, benennt derselbe Beitrag: arterielle Gasembolie in 54 Prozent der Fälle, Ertrinken in 18 Prozent, akute Herzereignisse in 7 Prozent und Dekompressionskrankheit in 5 Prozent. Das ist die eigentliche Lehre: Die Wechselatmung steht nicht am Ende einer Unfallkette, sondern an ihrem Anfang — gestorben wird an dem, was aus ihr folgt.

Für den Ernstfall nennt DAN eine Rangfolge: zuerst der normale, kontrollierte Aufstieg mit dem Atemregler im Mund; dann die zweite Gasquelle des Partners; und erst, wenn der Partner nicht erreichbar ist oder selbst kein Gas mehr hat, der eigenständige kontrollierte Notaufstieg.

Was in der Übung schiefgeht

In der Ausbildung sehe ich immer wieder dieselben drei Fehler. Der erste: Der Taucher ohne Gas greift nach dem Mundstück, statt zu signalisieren und abzuwarten — aus einer geordneten Übergabe wird ein Gerangel. Der zweite: Beide vergessen die Tarierung, weil die Hände beschäftigt sind, und das Paar steigt unbemerkt. Der dritte: Der Abgebende hält die Luft an, statt auszuatmen.

Als Tauchlehrer halte ich die Wechselatmung trotzdem für übungswürdig — nicht, weil sie das Mittel der Wahl wäre, sondern weil sie den Fall abbildet, in dem die Ausrüstung des Partners nicht so aussieht wie im Lehrbuch: ein geliehener Regler ohne Oktopus, ein Kreislaufgerät, ein vereister Automat. Wer den Takt einmal geübt hat, verliert die Ruhe nicht, wenn er ihn braucht.

Abgrenzung zur alternativen Luftversorgung

Beides wird im Gespräch oft in einen Topf geworfen. Der Unterschied ist einfach: Bei der alternativen Luftversorgung atmen beide gleichzeitig aus zwei Automaten an einem Gerät, bei der Wechselatmung nacheinander aus einem. Noch einmal davon getrennt ist die vollständig unabhängige Reserve — ein eigenes kleines Gerät oder eine zweite erste Stufe an einer zweiten Flasche, die dekostop.ch für Tiefe und Kaltwasser empfiehlt.

Quellen

Ist die Wechselatmung heute noch Prüfungsstoff?
Nicht mehr durchgängig. Nach der Darstellung der deutschsprachigen Wikipedia verlangen SSI und PADI sie in den Anfängerkursen nicht mehr zwingend, während CMAS und NAUI sie in fortgeschrittenen Programmen und in der Rettungsausbildung beibehalten haben. Welcher Stand für einen bestimmten Kurs gilt, steht im jeweils gültigen Verbandsstandard.
Warum ist das Ausatmen beim Abgeben so wichtig?
Weil sich das Gas in der Lunge beim Aufstieg ausdehnt. Wer das Mundstück abgibt und dabei die Luft anhält, riskiert eine Lungenüberdehnung. Die DAN-Auswertung zu Notaufstiegen führt die arterielle Gasembolie mit 54 Prozent als häufigste Todesursache — genau das ist der Mechanismus dahinter.
Ist eine eigene Reserveflasche die bessere Lösung?
Für Tiefe und kaltes Wasser spricht einiges dafür. dekostop.ch gibt die EN 250:2014 so wieder, dass der Oktopus jenseits von 30 Metern oder unter 10 Grad Celsius nicht die bevorzugte Konfiguration ist und ein vollständig unabhängiges System empfohlen wird. Für den warmen Flachwassertauchgang bleibt der Oktopus das übliche und ausreichende Mittel.