Seegraswiese

Taucher schwebt waagerecht knapp über einer dichten Seegraswiese aus langen grünen Blättern im flachen, sonnendurchfluteten Ostseewasser.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Eine Seegraswiese ist ein zusammenhängender Bestand von Seegräsern auf weichem Grund im Flachwasser. Seegräser sind Blütenpflanzen mit Wurzeln, Rhizomen und Samen, keine Algen. Für Taucher sind ihre Wiesen Kinderstube, Sichtfilter und empfindlicher Untergrund zugleich – und in Europa an vielen Stellen ein geschützter Lebensraum.

Welche Arten wo wachsen

In Nord- und Ostsee kommen nach dem Hintergrundpapier des NABU von den weltweit sechzehn Zostera-Arten nur zwei vor: das Gewöhnliche Seegras (Zostera marina) und das Zwergseegras (Zostera noltii). Heute beschränken sich die Bestände fast ausschließlich auf Zostera marina. Die Blätter werden bis zu hundert Zentimeter lang und wirken als natürliche Wellenbarriere.

Im Mittelmeer bildet das Neptungras Posidonia oceanica die großen Wiesen. Der Managementbericht der Europäischen Kommission zum Natura-2000-Lebensraumtyp 1120 beziffert ihre Ausdehnung auf 2,5 bis 4,5 Millionen Hektar – knapp ein Viertel der Mittelmeerfläche flacher als fünfzig Meter – und führt den Lebensraumtyp als prioritär nach der FFH-Richtlinie.

Tiefe und Licht

Seegras ist lichtgebunden, und das bestimmt die Tiefengrenze. Der NABU nennt für die heimischen Bestände eine optimale Tiefe zwischen 0,5 und sechs Metern; einzelne Vorkommen reichen vor Hiddensee bis elf Meter, wo das Licht tiefer eindringt. Für Posidonia oceanica gibt der Natura-2000-Bericht eine Spanne von unter einem Meter bis über vierzig Meter an, an offenen Küsten meist ab drei bis zehn Metern, und einen Mindestlichtbedarf von 0,1 bis 2,8 Mol PAR-Photonen je Tag und Quadratmeter. Die Triebdichte fällt mit der Tiefe: über tausend Triebe je Quadratmeter im Flachen, etwa siebzig bis achtzig in dreißig Metern.

Weil die Pflanze auf Licht angewiesen ist, schlägt jede Trübung unmittelbar durch. Was die Sichtweite senkt, senkt auch die Tiefengrenze der Wiese – die Sichttiefe ist hier nicht nur eine Komfortgröße, sondern ein Maß für den Lebensraum.

Wie stark die Bestände zurückgegangen sind

Die Zahlen gehen je nach Gebiet und Quelle auseinander, die Richtung nicht. Für die Ostsee nennt der NABU nach HELCOM einen Rückgang von über fünfundzwanzig Prozent in den letzten fünfzig Jahren und hält fest, dass die Vorkommenstiefe von sechs Metern im Jahr 1960 rund zwanzig Jahre später auf zwei Meter gesunken war. Rund dreihundert Quadratkilometer des deutschen Ostseebodens sind danach noch mit Seegras bedeckt. Im niedersächsischen Wattenmeer schwankte die Fläche stark: 18,8 Quadratkilometer 2008, 37,6 im Jahr 2013, 8,6 im Jahr 2019. Weltweit gingen zwischen 1970 und 2000 etwa dreißig Prozent der Wiesen verloren.

Im Mittelmeer sind nach dem Natura-2000-Bericht sechsundvierzig Prozent der Bestände in Ausdehnung, Dichte oder Deckung zurückgegangen, zwanzig Prozent seit den 1970er Jahren stark. Dass die Erholung Jahrhunderte dauern kann, liegt am Wachstum: Die Rhizome legen ein bis sechs Zentimeter im Jahr zu.

Warum die Wiese so viel Kohlenstoff bindet

Der NABU führt nach dänischen Arbeiten an, dass ein Hektar Seegraswiese so viel Kohlenstoff speichert wie zehn Hektar Wald, und beziffert den Anteil der Seegraswiesen am gesamten im Ozean gespeicherten Kohlenstoff auf rund fünfzehn Prozent. Für deutsche Bestände sind Speicherkapazitäten von 6,27 bis 43,24 Tonnen Kohlendioxid je Hektar gemessen worden; unter Ostsee-Hotspots lag im Sediment bis zu fünfzigmal mehr Kohlendioxid als unter bloßem Sand. Der Grund ist der Wurzelfilz, der Schwebstoffe festhält und sauerstoffarm konserviert.

Was das für den Tauchgang bedeutet

Der Schaden, den ein Taucher anrichten kann, entsteht fast immer über den Grund. Der Natura-2000-Bericht nennt für Grundschleppnetze hundert- bis dreihundertsechzigtausend herausgerissene Triebe je Stunde und beschreibt, dass Muringsgewichte kahle Kreise hinterlassen, die viele Jahre bestehen bleiben; eine Zahl für den Einzelanker gibt er nicht an. Für die Praxis folgt daraus dreierlei: über der Wiese schweben statt stehen, nicht ankern, wo eine Boje liegt, und den Flossenschlag so führen, dass er das Sediment nicht aufwirbelt. Eine ruhige Tarierung ist hier kein Stilthema. Wer mit aufgewirbeltem Sediment durchzieht, nimmt der Pflanze für Stunden genau das Licht, von dem sie lebt.

Der NABU nennt auch eine Temperaturgrenze: optimal sind zehn bis zwanzig Grad, ab fünfundzwanzig Grad steigt die Sterblichkeit in der westlichen Ostsee, über dreißig Grad traten im Labor Absterbeerscheinungen auf. In warmen Sommern sieht man die Folgen am braun werdenden Bestand.

Der Gegenwert ist das, weshalb man überhaupt hinfährt: In den Wiesen des Greifswalder Boddens laicht der Hering, Jungfische und Seenadeln leben darin, und wer langsam genug über einer strömungsarmen Wiese treibt, sieht mehr als über jedem Sandgrund. Für die tropische Entsprechung – ein anderes System mit derselben Empfindlichkeit – siehe Korallenriff und Korallenbleiche.

Quellen

Ist Seegras eine Alge?
Nein. Seegräser sind Blütenpflanzen mit Wurzeln, Rhizomen, Blüten und Samen, die sekundär ins Meer zurückgekehrt sind. Algen haben keine echten Wurzeln und nehmen Nährstoffe über die gesamte Oberfläche auf. Der Unterschied erklärt auch, warum Seegras auf weichen Grund angewiesen ist, viele Algen dagegen auf Fels.
Warum ist Ankern über einer Seegraswiese ein Problem?
Der Anker und vor allem die über den Grund schleifende Kette reißen Rhizome heraus, und die wachsen nach dem Natura-2000-Bericht nur ein bis sechs Zentimeter im Jahr nach. Dauerhafte Muringsgewichte hinterlassen nach derselben Quelle kahle Kreise, die viele Jahre bestehen bleiben. Wo Bojen liegen, gehört das Boot an die Boje.
Wo gibt es in Deutschland Seegraswiesen?
Nach dem NABU-Hintergrundpapier sind rund dreihundert Quadratkilometer des deutschen Ostseebodens mit Seegras bedeckt; Bestände stehen außerdem im Wattenmeer, dessen niedersächsische Fläche zwischen 2008 und 2019 stark geschwankt hat. Die Wiesen liegen meist zwischen einem halben und sechs Metern Tiefe – also im Bereich, in dem auch Schnorchler sie erreichen.
Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.