Integriertes Blei bezeichnet Bleigewichte, die nicht an einem eigenen Gurt um die Hüfte, sondern in herausziehbaren Taschen des Tarierjackets getragen werden. Zwei Haupttaschen vorn lassen sich im Notfall abwerfen, kleinere Trimmtaschen am Rücken in der Regel nicht. Das System verteilt die Last auf die Schultern und verändert zugleich, wie der Bleiabwurf abläuft.
Wie ein integriertes Bleisystem aufgebaut ist
Die beiden Haupttaschen sitzen links und rechts in Hüfthöhe am Tarierjacket. Jede Tasche wird von vorn in eine Führung geschoben und dort von einer Schnalle, einem Klettverschluss oder einem Stift gehalten; ein Griff an der Außenseite zieht sie wieder heraus. Die enzyklopädische Darstellung zu Bleisystemen nennt für solche Taschen eine übliche Aufnahme von etwa sechs Kilogramm je Seite und weist darauf hin, dass das bei dicken Unterziehern im Kaltwasser nicht reichen muss. Der Gesamtbedarf eines Sporttauchers liegt nach derselben Quelle meist zwischen zwei und fünfzehn Kilogramm, einzelne Bleistücke wiegen zwischen 0,45 und 1,81 Kilogramm.
Dazu kommen Trimmtaschen am Flaschengurt oder an den Schulterträgern. Sie fassen typischerweise ein halbes bis ein Kilogramm und sind nach derselben Darstellung in der Regel nicht schnell abwerfbar. Sie dienen dem Trimm, also der Lage im Wasser, nicht dem Gewichtsausgleich im eigentlichen Sinn.
Was die Norm dazu sagt
Tarierjackets fallen in Europa unter die Norm EN 1809, deren deutscher Titel lautet: „Tauchzubehör – Tarierhilfen – Funktionelle und sicherheitstechnische Anforderungen, Prüfverfahren“. Die Fassung DIN EN 1809:2014-09 führt Austrian Standards als zurückgezogen; in Kraft ist die Fassung EN 1809:2014+A1:2016. Das Bleisystem eines Jackets ist damit Teil eines genormten und CE-gekennzeichneten Produkts – nicht Zubehör, das beliebig umgebaut werden dürfte.
Warum der Abwurf der eigentliche Punkt ist
Blei abzuwerfen ist eine Grundfertigkeit, die schon im Einsteigerkurs trainiert wird. Die Unfallzahlen zeigen, wie selten sie im Ernstfall greift. Das Lehrbuch Diving Medicine for Scuba Divers von Edmonds und Mitarbeitern (2015) hält fest, dass neunzig Prozent der tödlich Verunglückten ihren Bleigurt noch angelegt hatten und ebenso neunzig Prozent ihr Blei nicht abgeworfen haben. Zweiundfünfzig Prozent hatten Tarierprobleme, vierzig Prozent waren an der Oberfläche deutlich überbleit, fünfzig Prozent hatten ihr Jacket nicht aufgeblasen. Die DAN-Auswertung von Denoble und Mitarbeitern (2008) über 947 Todesfälle der Jahre 1992 bis 2003 nennt Auftriebsprobleme bei dreizehn Prozent als das unmittelbar wirksame Mittel; negativer Auftrieb kam darin häufiger vor als positiver.
Die Gründe für das Scheitern sind banal und genau deshalb lehrreich: Gewichte hatten sich verhakt, der Gurt lag unter anderer Ausrüstung, der Auslöser war blockiert oder aus der erreichbaren Lage weggedreht, einzelne Mechanismen haben schlicht versagt. Beim integrierten Blei kommt hinzu, dass jeder Hersteller seinen eigenen Griff baut – mal ein Zuggriff nach vorn, mal nach außen, mal eine Schnalle, die erst geöffnet werden muss. Wer die Tasche eines fremden Leihjackets im Notfall ziehen soll, muss vorher wissen, wo sie sitzt und in welche Richtung sie geht. Genau dafür ist der Buddy-Check da.
Trimmtaschen sind kein Notfallgewicht
Wer einen Teil seines Bleis nach hinten in die Trimmtaschen verlagert, verbessert die Wasserlage und verringert zugleich die Menge, die sich im Notfall abwerfen lässt. Das ist kein Fehler, solange die Rechnung aufgeht: Es muss genug abwerfbares Gewicht bleiben, um an der Oberfläche sicher positiv zu werden – und zwar mit der leeren Flasche am Ende des Tauchgangs, nicht mit der vollen am Anfang. Im Trockentauchanzug mit dickem Unterzieher ist diese Rechnung die wichtigste des ganzen Aufbaus.
Umgekehrt gilt: Blei abzuwerfen ist kein harmloser Griff. Ein Abwurf in der Tiefe führt zu einem unkontrollierten Aufstieg mit dem Risiko eines Lungenüberdruckunfalls und einer Dekompressionskrankheit. Er gehört an die Oberfläche oder in die Lage, in der die Alternative schlimmer ist – die Selbstrettung ordnet ihn genau so ein.
Aus der Ausbildung
Als Tauchlehrer achte ich auf drei Dinge. Erstens: Die Tasche muss hörbar und spürbar einrasten; ein halb eingeschobenes Paket fällt beim Sprung ins Wasser heraus, und dann fehlen sechs Kilogramm. Zweitens: Nach jedem Umsetzen am Boot wird der Sitz noch einmal kontrolliert, weil das Jacket beim Tragen am Griff gern auf einer Seite aufgeht. Drittens: Wer ein Leihjacket bekommt, zieht die Tasche einmal an Land heraus und schiebt sie wieder hinein – ein Handgriff, der zehn Sekunden kostet und den Unterschied macht.
Ein praktischer Nebeneffekt des Systems wird regelmäßig unterschätzt: Wer das Jacket mit vollem Blei an Bord hebt, hebt zwanzig Kilogramm statt zwölf. Deshalb werden die Taschen vor dem Ausstieg gezogen und einzeln angereicht, nicht hinterher.
Quellen
- Diving weighting system (englische Wikipedia) – Bauformen, Aufnahmemengen der Taschen, Gewichtsspannen, Gründe für das Scheitern des Abwurfs. Enzyklopädische Quelle.
- Scuba diving fatalities (englische Wikipedia) – die Zahlen von Edmonds u. a. (2015) und Denoble u. a. (2008). Beide Arbeiten liegen diesem Eintrag nicht im Original zugrunde, sondern in der dortigen Zusammenfassung.
- DIN EN 1809:2014-09 bei Austrian Standards – Titel und Statusangabe der Norm. Der Normtext selbst ist nicht frei zugänglich; dieser Eintrag gibt deshalb nur den Titel wieder und keine Prüfwerte.
