Neptungras (Posidonia oceanica) ist eine ausschließlich im Mittelmeer vorkommende Seegrasart, die dort auf Sand- und Schlickböden ausgedehnte, dauerhafte Wiesen bildet.
Wer im Mittelmeer taucht, schwimmt über Neptungras, lange bevor er es benennen kann: dunkelgrüne, bandförmige Blätter in dichten Büscheln, die sich in der Strömung legen. Für Taucher ist die Pflanze gleich doppelt interessant — sie trägt einen großen Teil des Lebens im Flachwasser, und sie reagiert empfindlich auf das, was Boote und Flossen anrichten.
Eine Pflanze, kein Tang
Neptungras ist keine Alge, sondern eine Blütenpflanze mit Wurzeln, Rhizomen und Blättern. Linné beschrieb sie 1767 als Zostera oceanica; gültig benannt wurde sie 1813 durch Delile. Sie gehört zur Familie der Neptungrasgewächse (Posidoniaceae), deren übrige Arten sämtlich in Australien heimisch sind — Posidonia oceanica ist die einzige Art der Gattung im Mittelmeer und kommt nirgendwo sonst vor.
Die deutsche Wikipedia gibt die Blattlänge mit 40 bis 50 Zentimetern und die Breite mit 5 bis 9 Millimetern an, die Blattscheide mit 3 bis 5 Zentimetern; die Blätter tragen 13 bis 17 Längsadern. Das ist der Grund, warum man Neptungras auch aus einiger Entfernung von Algenbewuchs unterscheiden kann: Es steht in Halmen, nicht in Lappen.
Wie tief, wie groß, wie langsam
Zur Tiefenverbreitung gehen die deutsche und die englische Wikipedia auseinander. Die deutsche Wikipedia nennt Flachwasser bis etwa 40 Meter und bei sehr klarem Wasser 50 bis 60 Meter; die englische Wikipedia gibt 1 bis 35 Meter an, abhängig von der Wasserklarheit. Beide Angaben hängen an derselben Größe — an der Sichtweite, denn die Untergrenze ist dort erreicht, wo zu wenig Licht ankommt.
Die englische Wikipedia beziffert die Gesamtfläche der Wiesen auf rund 38.000 Quadratkilometer und damit auf etwa drei Prozent des Mittelmeerbeckens. Gewachsen ist diese Fläche in sehr kleinen Schritten: Für die waagerecht kriechenden Rhizome nennt dieselbe Quelle 1 bis 6 Zentimeter im Jahr, für die senkrecht aufwachsenden 0,1 bis 4 Zentimeter; an anderer Stelle steht dort etwa 7 Zentimeter im Jahr für die waagerechten Rhizome, was zur erstgenannten Spanne nicht passt. Ein einzelnes neues Blatt braucht nach derselben Darstellung ungefähr 51 Tage.
Unter der Wiese liegt kein Sand, sondern die sogenannte Matte: ein dichtes Geflecht aus Wurzeln, Rhizomen, zersetzten Stängeln und eingeschlossenem Sediment, das über Jahrhunderte aufwächst und terrassenartige Kanten bilden kann. Die englische Wikipedia nennt Rhizome, die bis etwa 150 Zentimeter unter die Oberfläche reichen. Wer am Rand einer solchen Wiese taucht, sieht die Kante als Absatz im Grund — und sie ist, anders als sie aussieht, kein Sandwall, sondern gewachsene Pflanze.
Das Alter: zwei Zahlen, eine Größenordnung
Neptungras vermehrt sich überwiegend durch Ausläufer. Dadurch entstehen riesige, genetisch identische Bestände. Die deutsche Wikipedia nennt Klone von bis zu 15 Kilometern Länge und leitet daraus, einer Arbeit um Sophie Arnaud-Haond folgend, ein Alter von bis zu 80.000 Jahren ab. Die englische Wikipedia beschreibt denselben Fund südlich von Ibiza als etwa acht Kilometer breit und schätzt ihn auf ungefähr 100.000 Jahre. Die beiden Zahlen sind nicht dieselbe Angabe, und keine der beiden Quellen nennt die andere.
Schutzstatus
Die Wiesen stehen europarechtlich unter besonderem Schutz: Anhang I der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie 92/43/EWG führt unter dem Code 1120 die „Posidonia-Seegraswiesen (Posidonion oceanicae)“ und kennzeichnet sie mit einem Sternchen als prioritären Lebensraumtyp — die schärfste Kategorie, die die Richtlinie kennt.
Die Einstufungen auf Artebene fallen weniger einheitlich aus: Die Infobox der englischen Wikipedia führt Posidonia oceanica als „Least Concern“ nach IUCN, während die deutsche Wikipedia auf einen Eintrag in der Roten Liste mit einer Bewertung von Pergent und anderen aus dem Jahr 2009 verweist. Auch zum geschützten Welterbegebiet weichen die beiden Darstellungen voneinander ab: Die deutsche Fassung nennt den 1999 eingerichteten Naturpark Ses Salines d’Eivissa i Formentera zwischen Ibiza und Formentera, die englische ein Welterbegebiet von rund 55.000 Hektar um Mallorca und Formentera.
Was die Wiesen zerstört
Der Schaden, den Taucher am ehesten mit eigenen Augen sehen, kommt von oben. Die deutsche Wikipedia schildert einen 2011 gefilmten Fall, in dem eine 100 Meter lange Motoryacht an einem einzigen Tag einen Hektar Seegras vernichtete — ein ankerndes Schiff schleift beim Schwojen eine Schneise durch die Matte, und was dort herausgerissen wird, wächst in den genannten Zentimetern pro Jahr nach. Dieselbe Quelle hält fest, dass die Wiesen im westlichen Mittelmeer bis zur Mitte des Jahrhunderts funktionell aussterben könnten und dass der Sprossenzuwachs nahe den Balearen während einer marinen Hitzewelle deutlich zurückging.
Zur Rolle als Kohlenstoffspeicher liegen zwei sehr unterschiedliche Größenangaben vor: Die deutsche Wikipedia zitiert Carlos Duarte mit der doppelten CO₂-Speicherung gegenüber einer gleich großen Fläche tropischen Regenwalds, die englische Wikipedia nennt die etwa fünfzehnfache Bindung pro Jahr gegenüber einer gleich großen Fläche des Amazonas-Regenwalds. Die Spanne zwischen beiden ist zu groß, um sie zu mitteln.
Aus der Praxis
Über einer Neptungraswiese gilt dasselbe wie über einem Korallenriff: Abstand halten, waagerecht bleiben, keine Flossenspitzen nach unten. Die Blätter stecken Berührung weg, die Matte darunter nicht. Wer in der Wiese etwas sucht — Seepferdchen und Jungfische stehen dort regelmäßig —, schwebt darüber, statt sich aufzustützen. Und der angeschwemmte Blattfilz an den Stränden, aus dem die bekannten runden Seebälle entstehen, ist kein Schmutz, sondern der Winterschutz des Strandes.
Quellen
- Wikipedia: Neptungras — Erstbeschreibung, Blattmaße, Tiefenangabe 40 beziehungsweise 50 bis 60 Meter, Klonlänge und Alterschätzung nach Arnaud-Haond, Ankerschaden 2011, Prognose für das westliche Mittelmeer, CO₂-Angabe nach Duarte, Naturpark Ses Salines.
- Wikipedia (englisch): Posidonia oceanica — Tiefenangabe 1 bis 35 Meter, Fläche 38.000 Quadratkilometer, Wachstumsraten, Blattneubildung, Matte und Rhizomtiefe, Klonbreite und Alter, IUCN-Einstufung, Welterbefläche.
- Richtlinie 92/43/EWG, Anhang I — Lebensraumtyp 1120 Posidonia-Seegraswiesen, Kennzeichnung als prioritär.
- Seegraswiese — der Lebensraum allgemein, über das Mittelmeer hinaus.
Zur Quellenlage: Die biologischen und geografischen Angaben stammen aus zwei enzyklopädischen Quellen, nicht aus meereskundlichen Primärarbeiten; wo sie auseinandergehen, sind beide Werte genannt und zugeordnet. Die Widersprüche bei Tiefe, Wachstumsrate, Klonalter, Welterbegebiet und CO₂-Bindung sind nicht geglättet. Für den Schutzstatus liegt der Richtlinientext selbst zugrunde.
