Gradientenfaktoren sind zwei Prozentwerte, mit denen die Grenzwerte eines nach Bühlmann rechnenden Tauchcomputers abgesenkt werden: GF Low gilt für den tiefsten Dekompressionsstopp, GF High für das Auftauchen an die Oberfläche. Sie verändern nicht das Modell selbst, sondern nur den Sicherheitsabstand, mit dem innerhalb seiner Grenzen getaucht wird.
Was dabei abgesenkt wird
Der Bühlmann-Algorithmus weist jedem seiner 16 Kompartimente einen M-Wert zu: den höchsten Inertgasdruck, den dieses Kompartiment bei einem gegebenen Umgebungsdruck noch tolerieren soll. Ein Aufstieg gilt als zulässig, solange kein Kompartiment seinen M-Wert überschreitet.
Ein Gradientenfaktor von 70 % bedeutet: Es wird nur der Anteil des rechnerisch zulässigen Übersättigungsgradienten ausgeschöpft, der 70 % entspricht – die restlichen 30 % bleiben als Reserve stehen. 100 % wäre der unveränderte M-Wert, 0 % würde bedeuten, gar keine Übersättigung zuzulassen. Je niedriger der Wert, desto länger die Stopps und desto kürzer die Nullzeiten.
Was die beiden Werte jeweils steuern
- GF Low wirkt auf den tiefsten Stopp. Er bestimmt, wie früh im Aufstieg der erste Halt kommt: Ein niedriger GF Low erzwingt einen tieferen ersten Stopp.
- GF High wirkt auf den oberflächennächsten Stopp und damit darauf, mit wie viel Restsättigung man auftaucht. Ein niedriger GF High verlängert die flachen Stopps.
Zwischen beiden Punkten interpoliert der Computer linear. Geschrieben wird das Paar als GF Low/GF High, etwa 85/85 oder 30/70.
Die verbreitete Empfehlung – und warum die CMAS ihr widerspricht
In Foren, Videos und älteren Ratgebertexten wird bis heute eine Einstellung wie 30/85 als konservativer Standard genannt. Das klingt plausibel: Ein niedriger erster Wert wirkt vorsichtig. Tatsächlich beschreibt er aber genau das Gegenteil dessen, was er verspricht.
Denn ein GF Low, der deutlich unter dem GF High liegt, erzwingt tiefe Stopps. Die CMAS formuliert das in ihrem Fact Sheet zu Gradientenfaktoren unmissverständlich: Ein GF Low kleiner als der GF High – genannt werden ausdrücklich 40/85 und 30/70 – zwinge zu tiefen Stopps, was bei Luft und Nitrox das Risiko einer Dekompressionskrankheit erhöhe. Sie verweist dazu auf Untersuchungen der französischen Marine von 2005 und der US Navy von 2011.
Die genannte US-Navy-Untersuchung ist die NEDU-Studie von Doolette, Gerth und Gault: Bei gleicher Gesamtstoppzeit von 174 Minuten traten unter dem Plan mit tiefen Stopps 11 Fälle von Dekompressionskrankheit auf 198 Tauchgänge auf, unter dem Plan mit flachem Schwerpunkt 3 auf 192.
Was die CMAS stattdessen empfiehlt
| Atemgas | Empfehlung der CMAS | Begründung |
|---|---|---|
| Luft und Nitrox | GF Low = GF High, mindestens 90/90; bei Risikofaktoren 85/85 oder 80/80 | keine erzwungenen tiefen Stopps; die Konservativität wirkt dort, wo sie messbar hilft – im flachen Bereich |
| Trimix und Heliox | GF Low 30 bis 50, GF High 70 bis 80 | hier sind tiefe Stopps nach Auffassung der CMAS sinnvoll |
Das ist der entscheidende Punkt, und er wird selten deutlich gesagt: Beim Tauchen mit Luft und Nitrox macht man einen Computer konservativer, indem man beide Werte gemeinsam absenkt – von 90/90 auf 85/85 auf 80/80 –, nicht indem man den ersten Wert allein nach unten zieht.
Prüfvorbehalt: Nicht alle Ausbildungsorganisationen und Hersteller haben diese Position übernommen; die Werkseinstellungen einzelner Computer weichen davon ab. Wer sein Gerät umstellt, sollte das mit dem eigenen Tauchlehrer oder Verband abstimmen und nicht anhand einer Tabelle im Internet entscheiden – auch nicht anhand dieser.
Wann eine konservativere Einstellung naheliegt
Faktoren, die das Risiko unabhängig vom Rechenmodell erhöhen, sprechen für eine gemeinsame Absenkung beider Werte: Kälte, körperliche Anstrengung während oder nach dem Tauchgang, mehrere Tauchgänge über mehrere Tage, unzureichender Schlaf, Flüssigkeitsmangel, höheres Lebensalter, ein bekanntes persistierendes Foramen ovale.
Als Tauchlehrer rate ich zu einem einfachen Vorgehen: eine Einstellung wählen, sie über eine ganze Tauchsaison beibehalten und nicht mitten in einer Tauchwoche ändern. Wer die Werte laufend anpasst, verliert das Gefühl dafür, was sein Computer normalerweise anzeigt – und genau dieses Gefühl ist es, das eine Abweichung überhaupt erst auffallen lässt.
Häufige Fragen zu Gradientenfaktoren
Siehe auch: Bühlmann-Algorithmus · Dekompressionsalgorithmus · Dekompressionsstopp · Dekompression
Quellen und weiterführende Links
- CMAS Fact Sheet: Gradient Factors (GF) and dive computers – Wirkung von GF Low und GF High auf die M-Werte, Warnung vor GF Low kleiner GF High bei Luft und Nitrox, empfohlene Werte für Stickstoff- und Heliumgemische
- Doolette, Gerth, Gault: NEDU Technical Report TR 11-06 (2011) – Vergleich tiefer und flacher Dekompressionsstopps bei gleicher Gesamtstoppzeit
- CMAS: Fact Sheet „Deep Stops“ – Empfehlung, Deep-Stop-Funktionen bei Luft und Nitrox abzuschalten
- CMAS Fact Sheet: Bühlmann ZH-L – Einordnung der Bezeichnung „ZH-L16C GF“
