Die Aufstiegsgeschwindigkeit ist die Rate, mit der ein Taucher am Ende eines Tauchgangs Tiefe abbaut, angegeben in Metern pro Minute. Sie bestimmt, wie schnell der Umgebungsdruck fällt, und entscheidet damit mit darüber, ob gelöstes Inertgas abgeatmet wird oder Blasen bildet.
Es gibt keine einheitliche Zahl
Die verbreitete Regel „maximal 9 Meter pro Minute“ ist nicht erfunden, aber sie gilt nicht allgemein. SSI unterrichtet sie im Open Water Diver ausdrücklich („Tauche nicht schneller als 9 m/min auf“, Instructor Manual, deutsche Ausgabe vom 06.08.2026), NAUI nennt dieselbe Zahl in seinen Standards. PADI dagegen erlaubt in den Standard Safe Diving Practices 18 m/min, CMAS und der VDST schreiben 10 m/min vor, und der britische BSAC nennt gar keine Zahl mehr. Bemerkenswert: In den SSI Training Standards selbst steht überhaupt keine Aufstiegsgeschwindigkeit — die Neun steht im Kursmaterial, nicht im Standard. Bei SDI/TDI, RAID und GUE steht in den öffentlich zugänglichen Standards überhaupt kein Zahlenwert.
Divers Alert Network fasst die Lage so zusammen, dass es sehr wenig direkte Evidenz dazu gebe, welche Rate die sicherste sei; die Empfehlungen der Ausbildungsverbände reichten von 30 bis 60 Fuß pro Minute, also 9 bis 18 m/min. Die vollständige Gegenüberstellung mit Fundstelle und Stand je Verband steht im Beitrag Aufstiegsgeschwindigkeit beim Tauchen.
Warum sie überhaupt begrenzt wird
Während des Tauchgangs löst sich unter erhöhtem Druck Inertgas im Gewebe. Beim Aufstieg muss dieses Gas über die Lunge abgeatmet werden. Fällt der Druck schneller, als das Gewebe abgeben kann, tritt das Gas als freie Blase aus der Lösung.
Entscheidend ist dabei nicht der absolute, sondern der relative Druckabfall. Zwischen 40 und 30 Metern sinkt der Umgebungsdruck von 5 auf 4 bar, das Gasvolumen wächst um ein Viertel. Zwischen 10 Metern und der Oberfläche sinkt er von 2 auf 1 bar — das Volumen verdoppelt sich. Dieselbe Strecke, doppelter Effekt.
Deshalb staffeln die Regelwerke, sobald sie ins Detail gehen. Die CMAS nennt 10 m/min vom Grund, aber 6 m/min zwischen den Stopps und vom letzten Stopp zur Oberfläche. Der VDST empfiehlt oberhalb von zehn Metern 5 m/min und bei Tauchgängen an der Nullzeitgrenze oberhalb von fünf Metern sogar einen Meter pro Minute. Umgekehrt erlaubt die DGUV-Regel für das Forschungstauchen unterhalb von 30 Metern ausdrücklich 18 m/min. Eine einzige Zahl für den gesamten Aufstieg ist eine Vereinfachung für den Kursbetrieb, keine physiologische Größe.
Was der Tauchcomputer überwacht
Nicht die Vorgabe des Ausbildungsverbands, sondern die Annahme seines Algorithmus. Für Bühlmann ZH-L16 sind das 10 m/min; Shearwater schreibt in seine Bedienungsanleitungen, es werde von einer Aufstiegsrate von 10 m/min ausgegangen. Die Warnschwellen unterscheiden sich je Hersteller: Shearwater zeigt bis 9 m/min grün und ab 18 rot, Suunto wechselt beim D5 bei 8 auf Gelb und bei 10 auf Rot, Garmin warnt bei den Descent-Modellen ab 9,1 m/min.
In der Praxis ein Tarierungsproblem
Wer zu schnell auftaucht, tut das fast nie mit Absicht. Buzzacott und Kollegen werteten 2012 über tausend Tauchprofile aus Westaustralien aus: Schnelle Aufstiege gingen ganz überwiegend auf einen Verlust der Auftriebskontrolle zurück, nicht auf bewusstes Missachten der Regel. Als Tauchlehrer sehe ich das genauso — die Aufstiegsgeschwindigkeit ist in der Ausbildung kein Wissens-, sondern ein Könnensproblem, und sie entgleitet dort, wo der Anzug in den letzten Metern am stärksten expandiert.
Ein zu langsamer Aufstieg ist im Übrigen nicht automatisch der sicherste. In der Untersuchung von Marroni und Kollegen für das DAN-Europe-Projekt Dive Safety Laboratory erzeugte 2004 ausgerechnet das Profil mit der langsamsten gleichmäßigen Rate ohne Stopps die höchsten Blasenwerte. Wer sehr langsam aufsteigt, nimmt in den tiefen Abschnitten weiter Inertgas auf.
Siehe auch: Sicherheitsstopp · Dekompressionsstopp · Deep Stop · Dekompressionskrankheit
Quellen und weiterführende Links
- CMAS Fact Sheet „Correct Ascent Rate“, Ref. 25-024/CMAS/TC vom 14.08.2025 – gestaffelte Raten und historische Entwicklung
- VDST: Sicherheitsstandards für die Ausübung des Tauchsports, gültig ab 01.01.2026 – 10 m/min als Maximum, 5 bzw. 1 m/min als Empfehlung im flachen Bereich
- PADI: Standard Safe Diving Practices – die Vorgabe von 18 m/min
- Divers Alert Network: Ascent Rates (Alert Diver, 01.02.2012) – Evidenzlage und Spanne der Verbandsempfehlungen
- DGUV Regel 101-023 „Forschungstauchen“, Dezember 2023 – 10 m/min und die Ausnahme von 18 m/min unterhalb 30 m
- Buzzacott u. a.: Rapid ascent and buoyancy problems…, Diving Hyperb Med 2012 (PMID 22437973) – schnelle Aufstiege als Tarierungsproblem
- Aufstiegsgeschwindigkeit beim Tauchen: was die Verbände wirklich vorgeben
