Mein erster Eistauchgang – Magie unter der gefrorenen Oberfläche

Blick von unten durch ein in die Eisdecke gesägtes Loch, darüber die Silhouette einer Person, links die Sicherungsleine
Von unten ist das gesägte Loch der einzige Ausgang – links im Bild die Sicherungsleine. Foto: Svetlana Obysova / Pexels

In der Reihe „Mein erster Tauchgang“ erzählt euch Jonas, wie sein erster Eistauchgang damals für ihn ablief. Mit unserer Artikelserie wollen wir Taucheinsteigern ein Gefühl dafür geben, wie euer erstes Taucherlebnis ablaufen kann.

Mein erster Eistauchgang hat nicht am See angefangen, sondern drei Wochen vorher an einem Tisch mit einer aufgemalten Skizze darauf. Das ist die erste Sache, die ich über Eistauchen gelernt habe: Der Teil unter Wasser ist der kürzeste und der einfachste. Alles, was ihn möglich macht, passiert vorher und oben.

Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon einiges gesehen. Tiefe, Nacht, Strömung, und den Trockentauchanzug hatte ich auch hinter mir – ohne den geht unter Eis ohnehin nichts. Trotzdem war das hier eine andere Kategorie, und ich habe an diesem Tag verstanden, warum.


Warum es dafür einen Kurs gibt

Unter dem Eis gibt es keinen Weg nach oben. Das ist der ganze Unterschied, und er ist größer, als er klingt. Bei jedem anderen Tauchgang ist die Oberfläche die letzte Reserve – wenn gar nichts mehr geht, taucht man auf. Unter einer geschlossenen Eisdecke ist über einem eine Wand, und der einzige Ausgang ist ein Loch, das jemand hineingesägt hat. Damit ist Eistauchen eine Überkopfumgebung, genau wie das Innere eines Wracks oder eine Höhle.

Deshalb steht davor ein Spezialkurs, und deshalb besteht der zum größten Teil aus Organisation. Wer wo steht. Wer was macht, wenn jemand nicht mehr am Signal zieht. Wie die Leine geführt wird. Was passiert, wenn ein Automat abbläst. Ich hatte mit einem Kurs über Kälte gerechnet und einen über Abläufe bekommen.


Der Aufbau an der Oberfläche

Am Tag selbst war ich überrascht, wie viele Leute für zwei Taucher im Wasser gebraucht werden. Das Loch wurde als großes Dreieck gesägt – groß genug, dass zwei Taucher mit Gerät gleichzeitig hindurchpassen –, die herausgehobenen Platten wurden weit weg geschoben, damit sie nicht zurückrutschen, und die Kanten wurden markiert. Um das Loch herum lag eine Plane, damit man nicht auf blankem Eis kniet.

Wie dick das Eis sein muss, damit man das überhaupt macht, hatte der Verein vorher geprüft. Das ist keine Frage, die man am Tauchtag stellt, und es ist auch keine, die man aus einem Blogtext beantwortet – das entscheiden die Leute vor Ort, die die Bedingungen des Sees kennen.

Neben dem Loch stand ein Taucher komplett fertig ausgerüstet, mit angelegtem Gerät und Leine – der Sicherungstaucher. Er ging nicht ins Wasser. Er stand da, damit er sofort hinterher kann, falls etwas ist. Ein zweiter Mann, der Leinenführer, hatte meine Leine in der Hand und ließ sie durch die Finger laufen. Für mich war das der Moment, in dem der Ernst der Sache ankam: Diese beiden Leute stehen eine halbe Stunde in der Kälte, damit ich zwanzig Minuten unter Eis tauchen kann.


Die Leine liegt nicht in der Hand

Das ist der Punkt, den ich mir vorher komplett falsch vorgestellt hatte. Ich dachte, man hält die Sicherungsleine fest. Tut man nicht – sie wird am Brustgeschirr befestigt, und zwar so, dass sie hält, auch wenn man selbst nichts mehr tut. Eine Leine in der Hand nützt genau so lange etwas, wie man bei Bewusstsein ist und zupacken kann.

Die Verständigung läuft über Züge an der Leine, und die Bedeutung dieser Züge wird vorher besprochen und geübt, damit sie zwischen Leinenführer und Taucher wirklich dieselbe ist. Wir haben das an Land durchgespielt, bis es saß. Unter Wasser ist die Leine dann kein Seil mehr, sondern eine Telefonleitung: Man spürt am anderen Ende einen Menschen, der aufpasst.


Die Automaten spielen die Hauptrolle

Was ich vorher unterschätzt hatte, war die Ausrüstungsseite. Bei Wassertemperaturen um den Gefrierpunkt kann ein Atemregler vereisen und dann dauerhaft abblasen – ein Freiflow, der sich nicht von selbst wieder beruhigt und der einen Zehn-Liter-Vorrat schneller leert, als man denkt.

Deshalb taucht man dort nicht mit dem, was im Sommer im Steinbruch reicht. Es kommt ein Gerät mit zwei getrennten Abgängen zum Einsatz, an denen zwei vollständig eigenständige Automaten hängen, und beide Wege lassen sich einzeln absperren. Bläst einer ab, wird er zugedreht, und man atmet am zweiten weiter und geht raus. Die Automaten selbst sind kaltwassertaugliche Modelle, und sie werden vor dem Tauchgang trocken gehalten – nicht schon an Land probeatmen, kein Wasser im zweiten Stufengehäuse, das dort gefrieren kann.

Der zweite Punkt ist der Anzug. Ein Trockentauchanzug muss unter Eis dicht sein, und zwar wirklich dicht – nicht „hält im Großen und Ganzen“. Manschetten und Reißverschluss werden vorher geprüft, die Unterzieher sind darauf abgestimmt, Kopf und Hände bekommen ihre eigene Aufmerksamkeit. Was bei zwölf Grad ein unangenehmer nasser Fleck wäre, ist bei null Grad unter einer Decke aus Eis ein Grund, den Tauchgang abzubrechen. Wie sich der Umstieg auf den Trocki anfühlt, habe ich in meinem ersten Trockentauchgang beschrieben – unter Eis ist er keine Komfortfrage mehr, sondern Voraussetzung.


Der Einstieg

Als ich schließlich am Rand des Dreiecks saß und die Beine ins Wasser hängen ließ, war ich ruhiger, als ich erwartet hatte. Das lag an genau dem, was mich vorher genervt hatte: Es war alles besprochen. Ich wusste, wer oben steht, ich wusste, was ich mache, wenn etwas abbläst, und ich wusste, dass am anderen Ende der Leine jemand mitzählt.

Der erste Eindruck unter Wasser war nicht die Kälte – der Anzug hielt, was er sollte –, sondern das Licht. Die Eisdecke war nicht gleichmäßig. Manche Stellen waren klar wie Fensterglas und ließen Sonne hindurch, andere waren milchig und dämpften alles zu einem gleichmäßigen Blau. In den klaren Stellen sah man die Landschaft oben als verzerrte Silhouette.


Die Welt unter dem Eis

Was mich am meisten beeindruckt hat, waren die Luftblasen. Sie steigen auf, kommen an der Unterseite des Eises an und bleiben dort. Sie sammeln sich zu silbrigen Flächen, die wie Quecksilber über den Kopf wandern, wenn man sich bewegt. Wer darunter schwimmt und nach oben schaut, sieht sich selbst darin gespiegelt.

Dazu die Stille. Kein Wellengang, keine Boote, kein Wind an der Oberfläche. Nur der eigene Atem und, wenn man einen Moment innehält, gar nichts.

Das Wasser war klar wie sonst nie. Im Winter steht das Leben im See auf Sparflamme, und was die Sicht sonst trübt, ist abgesunken oder eingestellt. Die wenigen Fische, die ich sah, standen fast bewegungslos und ließen sich von uns überhaupt nicht beeindrucken.


Kurz, und das aus gutem Grund

Ich hätte gern länger geschaut. Eistauchgänge sind aber kurz, und das ist keine Vorsicht um der Vorsicht willen. Man kühlt aus, auch im Trocki, und mit der Auskühlung lässt die Feinmotorik nach – ausgerechnet dort, wo man sie bräuchte. Dazu steigt mit jeder Minute die Wahrscheinlichkeit, dass sich an einem Automaten Eis bildet.

Als das Signal kam, war ich innerlich noch nicht so weit. Der Weg zurück zum Loch dauerte keine Minute – die Leine zeigte ihn. Von unten sah das Dreieck aus wie ein hell beleuchteter Ausschnitt in einer Decke. Als ich den Kopf herausstreckte, fühlte sich die Winterluft warm an.


Was bleibt

Von allen Tauchgängen dieser Serie ist der Eistauchgang der, bei dem der Unterschied zwischen Erlebnis und Voraussetzung am größten ist. Zwanzig Minuten unter dem Eis sind mit nichts zu vergleichen, was ich sonst gesehen habe. Und sie haben einen Kurs, einen Leinenführer, einen angelegten Sicherungstaucher, zwei getrennte Atemregler und einen dichten Trockenanzug gekostet.

Wer sich für kaltes Wasser interessiert, muss nicht gleich unters Eis. Der Winter im heimischen See hat auch ohne geschlossene Decke einiges zu bieten – dazu haben wir einen eigenen Beitrag über Kaltwassertauchen im Winter. Ich bin seitdem mehrfach unter Eis gewesen, in verschiedenen Seen und bei ganz unterschiedlichem Licht. Der Ablauf oben war jedes Mal derselbe. Genau deshalb konnte ich unten jedes Mal schauen.

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