Der Lungenüberdruckunfall ist eine Verletzung des Lungengewebes, die beim Aufstieg entsteht, wenn sich die Atemluft in der Lunge ausdehnt und nicht abgeatmet werden kann. Der Überdruck reißt Lungenbläschen ein, das austretende Gas gelangt in den Brustraum, ins Mittelfell, unter die Haut oder in die Arterien. Er ist der Tauchunfall, der schon aus wenigen Metern tödlich enden kann.
Warum die letzten Meter die gefährlichsten sind
Die Ursache steckt im Gesetz von Boyle-Mariotte. Von zehn Metern an die Oberfläche fällt der Umgebungsdruck von rund zwei auf ein bar – das Gasvolumen verdoppelt sich. Zwischen vierzig und dreißig Metern fällt er dagegen nur von fünf auf vier bar, das Volumen wächst um ein Viertel. Die größte relative Ausdehnung passiert also genau dort, wo Taucher sich am sichersten fühlen: kurz unter der Oberfläche.
Wie groß die Druckdifferenz sein muss, damit eine Alveole tatsächlich reißt, nennen weder aqua med noch das Merck Manual in ihren Darstellungen. Ich setze hier deshalb bewusst keine Meterzahl. Belegt ist der Mechanismus, nicht ein Schwellenwert – und für die Praxis ist der Mechanismus die eigentliche Botschaft: Die Lunge ist der einzige Hohlraum, der beim Aufstieg aktiv entleert werden muss.
Die vier Erscheinungsformen
aqua med ordnet das pulmonale Barotrauma nach dem Weg, den das ausgetretene Gas nimmt:
- Pneumothorax – Gas tritt in den Spalt zwischen Lunge und Brustwand. Merck nennt als Zeichen Atemnot, Brustschmerz und ein einseitig abgeschwächtes Atemgeräusch.
- Mediastinalemphysem und Pneumoperikard – Gas sammelt sich im Mittelfell, also um Luftröhre, Speiseröhre und Herz. Nach Merck ist das die häufigste Form; typisch sind Nacken- und atemabhängige Brustschmerzen.
- Hautemphysem – Gas wandert unter die Haut, meist am Hals und über dem Schlüsselbein. Es knistert unter dem Finger, und die Stimme kann sich verändern.
- Arterielle Gasembolie – Gas gelangt in die Lungenvenen und von dort in den arteriellen Kreislauf. Das ist die gefährlichste Form.
Die arterielle Gasembolie ist der Notfall
Die S2k-Leitlinie „Tauchunfall“ beschreibt die arterielle Gasembolie als Folge davon, dass komprimiertes Gas in der Lunge eingeschlossen wird, während der Umgebungsdruck beim Aufstieg sinkt. Erreichen die Blasen die Hirnarterien, fällt der Taucher aus – Bewusstlosigkeit, Krampfanfall oder Halbseitenlähmung unmittelbar beim oder kurz nach dem Auftauchen sind die klassische Konstellation.
Für die Erstversorgung ist die Abgrenzung zur Dekompressionskrankheit ohne Belang, und genau dafür gibt es den Sammelbegriff DCI (Decompression Illness): Er fasst Dekompressionskrankheit und arterielle Gasembolie zusammen, weil die Erstmaßnahmen dieselben sind. Wer am Beckenrand steht, muss nicht differenzieren, sondern handeln.
Wer besonders gefährdet ist
aqua med nennt neben dem Luftanhalten beim Aufstieg vor allem Vorerkrankungen der Lunge: obstruktive, entzündliche und angeborene Veränderungen, florides Asthma, spontaner Pneumothorax in der Vorgeschichte, kavitierende Läsionen, Emphyseme und andere Hohlräume wie Bullae. Auch Anstrengung unter Wasser wird als Risiko benannt, etwa das Bergen schwerer Gegenstände oder Arbeit an Bojenleinen.
Dazu kommt eine Situation, die viele unterschätzen: eine Umkehrblockierung, bei der Gas beim Aufstieg irgendwo nicht entweichen kann. Bei einem verlegten Bronchus ist der Effekt derselbe wie beim Luftanhalten, nur ohne dass der Taucher etwas falsch macht.
Was ich in der Ausbildung darauf lege
Als Tauchlehrer sehe ich den kritischen Moment fast nie beim normalen Aufstieg – da atmen die Leute. Er liegt bei den Übungen, in denen der Automat aus dem Mund kommt: Wechselatmung, Reglerbergung, Maske ausblasen unter Stress. Wer dabei die Luft anhält, tut es unbewusst, und wenn er dann gleichzeitig einen halben Meter aufsteigt, ist der Mechanismus vollständig. Deshalb lasse ich bei jeder Übung ohne Atemregler im Mund sichtbar ausblasen – eine Blasenkette ist der einzige Nachweis, den man von außen hat.
Der zweite Punkt ist der Panikaufstieg. Wer ohne Luft nach oben schießt, hält reflexhaft an. Ein sauber trainierter kontrollierter Notaufstieg mit durchgehendem Ausatmen ist deshalb keine Schikane im Kurs, sondern die einzige Übung, die diesen Reflex überschreibt.
Erstmaßnahmen
Die Leitlinie „Tauchunfall“ der GTÜM ist hier eindeutig: sofort 100 % Sauerstoff atmen lassen, beziehungsweise das Gas mit dem höchsten verfügbaren Sauerstoffanteil, unabhängig davon, was im Tauchgang geatmet wurde. Dazu Flüssigkeit, oral oder intravenös, in einer Größenordnung von 0,5 bis 1 Liter pro Stunde. Der Betroffene wird ruhig gelagert und nicht unnötig bewegt; bei Bewusstseinsstörung in die Seitenlage. Die Druckkammerbehandlung erfolgt nach der Leitlinie bei einem Behandlungsdruck von 280 kPa.
Der Notruf läuft über die tauchmedizinischen Hotlines. Die aktuellen Nummern stehen in der Kurzfassung der Leitlinie – dort nachsehen, nicht aus dem Gedächtnis wählen.
Dieser Eintrag erklärt einen tauchmedizinischen Begriff und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Verdacht auf einen Lungenüberdruckunfall gehört der Betroffene unverzüglich in ärztliche Behandlung.
Quellen
- aqua med: Pulmonales Barotrauma – Entstehung, Risikofaktoren und die vier Erscheinungsformen
- GTÜM: S2k-Leitlinie „Tauchunfall“, Kurzfassung (PDF) – Definition der arteriellen Gasembolie, Erstmaßnahmen, Behandlungsdruck, Notrufnummern
- Merck Manual Professional: Pulmonary Barotrauma – Symptome der einzelnen Formen, Diagnostik
