Barotrauma

Vier Quadrate zeigen, wie ein abgeschlossenes Gasvolumen mit der Tiefe schrumpft: 100 Prozent an der Oberfläche bei 1 bar, 50 Prozent auf 10 Metern, 33 Prozent auf 20 Metern und 25 Prozent auf 30 Metern.
Nach dem Gesetz von Boyle-Mariotte halbiert sich das Volumen schon auf den ersten zehn Metern.

Ein Barotrauma ist eine Verletzung von Körpergewebe, die durch einen Druckunterschied zwischen einem luftgefüllten Hohlraum und der Umgebung entsteht. Beim Tauchen betrifft es vor allem Mittelohr, Nasennebenhöhlen, Lunge und Magen-Darm-Trakt – also die Räume, deren Gasvolumen sich mit dem Umgebungsdruck verändert.

Die Physik dahinter

Der Begriff setzt sich aus den griechischen Wörtern baros (Druck) und trauma (Verletzung) zusammen. Die Ursache ist immer dieselbe: das Gesetz von Boyle-Mariotte. Gas verhält sich umgekehrt proportional zum Druck – in zehn Metern Tiefe herrscht der doppelte Absolutdruck, das Gasvolumen halbiert sich, in zwanzig Metern beträgt es ein Drittel.

Feste und flüssige Gewebe geben diesen Druck praktisch unverändert weiter und bleiben unversehrt. Die luftgefüllten Hohlräume tun das nicht: Sie müssen Gas nachbekommen oder abgeben, sonst entsteht eine Druckdifferenz zur Umgebung, und diese Differenz zieht, drückt oder zerreißt das Gewebe, das den Hohlraum begrenzt.

Daraus folgt die wichtigste Einteilung – nicht nach Organ, sondern nach Richtung: Beim Abtauchen entsteht ein Unterdruck im Hohlraum (der „Squeeze“), beim Auftauchen ein Überdruck.

Barotrauma beim Abtauchen

  • Mittelohr. Die häufigste Form. Gelingt der Druckausgleich über die Eustachische Röhre nicht, wird das Trommelfell nach innen gezogen; es schmerzt stechend, kann einbluten und im Extremfall reißen. Anzeichen sind Ohrenschmerz, Hörminderung, Schwindel und gelegentlich Blut im Gehörgang.
  • Nasennebenhöhlen. Ist der Zugang zur Nebenhöhle durch Schleim oder eine Entzündung verlegt, entsteht dort ein Unterdruck. Typisch sind Stirn- oder Wangenschmerz und Nasenbluten nach dem Auftauchen.
  • Innenohr. Meist Folge eines zu kräftigen Valsalva-Manövers. Es äußert sich anders als das Mittelohrbarotrauma – mit Drehschwindel, Hörverlust und Ohrgeräuschen – und gehört unverzüglich in fachärztliche Behandlung.
  • Maske. Wird der Luftraum unter der Maske nicht durch Ausatmen über die Nase mit Druck versorgt, wirkt sie als Saugglocke. Folge sind Einblutungen in Lidhaut und Bindehaut.
  • Zahn. Unter einer undichten Füllung oder Krone eingeschlossene Luft erzeugt Schmerz beim Ab- oder Auftauchen.
  • Trockentauchanzug. Eine nicht ausgeglichene Falte im Anzug zieht sich in die Haut und hinterlässt einen deutlichen Bluterguss.

Barotrauma beim Auftauchen

Die Umkehrblockierung ist der Spiegelfall des Mittelohrbarotraumas: Die Luft im Mittelohr dehnt sich beim Aufstieg aus, findet aber durch eine zugeschwollene Röhre nicht hinaus und drückt das Trommelfell nach außen. Manöver, die Luft ins Ohr hineindrücken, helfen hier nicht – das Toynbee-Manöver mit seiner Sogwirkung ist die Technik, die in dieser Lage überhaupt in Betracht kommt.

Der Lungenüberdruckunfall ist die gefährlichste Form und die einzige, die unmittelbar lebensbedrohlich ist. Die Leitlinie „Tauchunfall“ beschreibt den Mechanismus: Komprimiertes Gas bleibt in der Lunge eingeschlossen, der Umgebungsdruck sinkt beim Aufstieg, das Gas dehnt sich aus, die Alveolarkapillarmembranen reißen, und Gas tritt in das Lungengefäßsystem über. Daraus können entstehen:

  • arterielle Gasembolie (AGE) – Gasblasen gelangen über den Lungenkreislauf in die Arterien und verlegen Gefäße, häufig im Gehirn;
  • Pneumothorax – Luft tritt in den Pleuraspalt, die Lunge kollabiert;
  • Mediastinal- und Hautemphysem – Luft verteilt sich im Mittelfellraum oder unter der Haut.

Die Symptome zeigen sich meist innerhalb weniger Minuten nach dem Auftauchen: Brustschmerz, Atemnot, Husten mit blutigem Auswurf, Schwindel, Sprach- oder Sehstörungen, Lähmungen, Bewusstlosigkeit. Ein Lungenüberdruckunfall braucht keine große Tiefe – er ist bereits aus wenigen Metern möglich, wenn beim Aufstieg die Luft angehalten wird.

Erstmaßnahmen bei Verdacht

Bei Ohren- oder Nebenhöhlenbeschwerden gilt: Tauchgang beenden, an diesem Tag nicht mehr tauchen, ärztlich abklären lassen – bei Blutung, Hörverlust oder Schwindel zwingend.

Bei Verdacht auf einen Lungenüberdruckunfall oder eine Gasembolie gelten die Vorgaben der S2k-Leitlinie „Tauchunfall“ (GTÜM, Fassung 2023):

  • Notruf absetzen und die Rettungskette in Gang setzen.
  • Sauerstoff in der höchsten verfügbaren Konzentration, angestrebt werden 100 %.
  • Flach lagern, keine Kopftieflagerung; bei Bewusstlosigkeit stabile Seitenlage. Den Betroffenen ruhig halten, nicht laufen lassen.
  • Kein erneutes Abtauchen zur „Rekompression im Wasser“.

Die weitere Behandlung ist ärztlich: Die Leitlinie sieht die Gabe von Vollelektrolytlösung intravenös in einer Größenordnung von 0,5 bis 1 Liter pro Stunde vor sowie die Druckkammerbehandlung mit 280 kPa.

Vorbeugen

Barotraumen sind unter den Tauchunfällen diejenigen, die sich am zuverlässigsten vermeiden lassen. Als Tauchlehrer halte ich drei Punkte für entscheidend:

Früh und häufig ausgleichen. Der erste Druckausgleich erfolgt schon an der Oberfläche, weitere fortlaufend während des Abstiegs – nicht erst, wenn es drückt. Wer wartet, bis es weh tut, arbeitet bereits gegen einen Unterdruck, der die Röhre zusätzlich verschließt.

Nicht krank tauchen. Eine verstopfte Nase ist kein Detail, sondern die häufigste Vorgeschichte eines Barotraumas. Abschwellende Nasensprays verschieben das Problem nur: Lässt die Wirkung in der Tiefe nach, droht die Umkehrblockierung beim Aufstieg.

Beim Aufstieg niemals die Luft anhalten. Das ist die einzige Regel im Tauchen ohne Ausnahme. Zur Aufstiegsgeschwindigkeit gibt es keine einheitliche Vorgabe: Divers Alert Network verweist darauf, dass U.S. Navy und NOAA 30 Fuß pro Minute – rund 9 Meter – ansetzen, während die Ausbildungsverbände 30 bis 60 Fuß, also etwa 9 bis 18 Meter pro Minute, zulassen. Entscheidend sei ohnehin weniger die genaue Zahl als die Kontrolle über den Aufstieg.

Häufige Fragen zum Barotrauma

Ab welcher Tiefe kann ein Barotrauma entstehen?
Schon in den ersten Metern. Die stärkste relative Volumenänderung liegt genau dort: Zwischen Oberfläche und zehn Metern halbiert sich das Gasvolumen, zwischen zwanzig und dreißig Metern ändert es sich nur noch um ein Viertel. Deshalb gehen Ohrprobleme fast immer auf die ersten Meter zurück – und deshalb ist auch ein Lungenüberdruckunfall aus wenigen Metern möglich.
Was ist der Unterschied zwischen Barotrauma und Dekompressionskrankheit?
Beim Barotrauma reißt Gewebe, weil ein Gasvolumen sich nicht anpassen konnte – ein mechanischer Schaden. Bei der Dekompressionskrankheit perlt zuvor im Gewebe gelöstes Inertgas aus, weil der Druck zu schnell fällt. Beide können neurologische Symptome verursachen und werden notfallmäßig gleich behandelt – Sauerstoff und Druckkammer –, die Entstehung ist aber eine völlig andere.
Darf ich mit einer Erkältung tauchen?
Nein. Eine geschwollene Schleimhaut verlegt Eustachische Röhre und Nebenhöhlenzugänge – genau die Wege, über die der Druckausgleich läuft. Das Risiko liegt dabei weniger im Abstieg als im Aufstieg: Wenn ein abschwellendes Spray in der Tiefe nachlässt, sitzt die Luft im Mittelohr fest und drückt das Trommelfell von innen nach außen.
Wie erkenne ich ein Innenohrbarotrauma?
Am Symptommuster: Drehschwindel, Hörverlust und Ohrgeräusche, oft einseitig, häufig nach einem kräftigen Valsalva-Manöver. Das unterscheidet es vom Mittelohrbarotrauma, das vor allem schmerzt. Ein Innenohrbarotrauma gehört unverzüglich zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt – am besten zu einem mit tauchmedizinischer Erfahrung, weil die Abgrenzung zur Dekompressionskrankheit des Innenohrs schwierig ist.

Siehe auch: Druckausgleich · Valsalva-Manöver · Toynbee-Manöver · Dekompressionskrankheit

Quellen und weiterführende Links