Rekompression

Eine Druckkammer, wie sie zur Behandlung von Dekompressionsunfaellen und fuer experimentelle Tauchgaenge eingesetzt wird.
Hyperbaric Chamber Used For Experimental Diving.jpg — Tim Sheerman-Chase, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hyperbaric_Chamber_Used_For_Experimental_Diving.jpg

Die Rekompression ist die erneute Druckerhöhung nach einem Tauchunfall, in aller Regel in einer Druckkammer und unter Atmung von reinem Sauerstoff. Sie verkleinert vorhandene Gasblasen, beschleunigt das Auswaschen des Inertgases und verbessert die Sauerstoffversorgung des geschädigten Gewebes. Sie ist die ursächliche Behandlung der Dekompressionskrankheit und der arteriellen Gasembolie.

Was der Druck bewirkt

Drei Wirkungen greifen ineinander. Die erste ist reine Physik: Nach dem Gesetz von Boyle-Mariotte verhält sich das Volumen einer Blase umgekehrt zum Druck. Wer von 100 kPa an der Oberfläche auf die 280 kPa der Standardbehandlung geht, drückt eine Blase rechnerisch auf gut ein Drittel ihres Volumens zusammen. Kleinere Blasen verlegen weniger Gefäße und bieten dem Blut weniger Angriffsfläche.

Die zweite Wirkung ist der Sauerstoff selbst. Wird statt Luft reiner Sauerstoff geatmet, fällt der Inertgasanteil im Atemgas praktisch auf null; das Gefälle zwischen Gewebe und Blut wird so groß wie möglich, und der Stickstoff wird schneller ausgewaschen. Die dritte ist die Versorgung: Gewebe, das hinter einer Blase minderdurchblutet ist, erhält über den physikalisch gelösten Sauerstoff wieder Nachschub.

Behandlungsdruck und Tabellen

Die deutschsprachige S2k-Leitlinie „Tauchunfall“ nennt als Standard-Behandlungstabelle die US Navy Treatment Table 6 mit einem initialen Behandlungsdruck von 280 kPa — das sind 2,8 bar absolut und entspricht einer Wassertiefe von rund 18 Metern. Gehen die Symptome innerhalb der ersten zehn Minuten vollständig zurück, kann nach der Leitlinie auf die kürzere US Navy Treatment Table 5 oder eine entsprechende Tabelle gewechselt werden.

Wann behandelt wird

Die Leitlinie sieht die Indikation bei milden Symptomen dann, wenn diese auch nach 30 Minuten Atmung von 100 Prozent Sauerstoff nicht rückläufig sind. Bei schweren Symptomen besteht sie grundsätzlich. Die erste Behandlung soll so schnell wie möglich erfolgen — und zugleich hält die Leitlinie ausdrücklich fest, dass auch ein verzögerter Beginn, selbst nach Tagen, noch eine Besserung bewirken kann. Beides gehört zusammen: Eile ist geboten, Resignation nie.

Was vor der Kammer kommt

  • Sauerstoff, sofort. Die Leitlinie verlangt die sofortige Atmung von 100 Prozent Sauerstoff oder des Atemgases mit dem höchsten verfügbaren Sauerstoffanteil — unabhängig davon, welches Gemisch beim Tauchgang geatmet wurde.
  • Flüssigkeit. Bei schweren Symptomen nennt die Leitlinie 0,5 bis 1 Liter Flüssigkeit pro Stunde intravenös, bevorzugt Vollelektrolytlösungen.
  • Transport. Eine prinzipielle Präferenz für ein bestimmtes Transportmittel gibt es nicht; maßgeblich ist die Gesamt-Transportzeit, und zwar mit dem schnellsten und zugleich schonendsten Mittel.

Nasse Rekompression: nein

Die Leitlinie ist an diesem Punkt eindeutig: Eine „nasse Rekompression“ — In Water Recompression — soll nicht durchgeführt werden. Sie bleibt professionellen Teams vorbehalten, und auch dort nur, wenn eine Druckkammer nicht innerhalb weniger Stunden erreichbar ist. Das erneute Abtauchen eines Verunglückten durch Sporttaucher ist keine Erstmaßnahme, sondern ein zweiter Notfall in Vorbereitung. Eine Anleitung dazu findet sich hier bewusst nicht.

Was das für die Basis heißt

Als Tauchlehrer interessiert mich an diesem Thema vor allem, was vor der Kammer passiert, denn darauf haben wir Einfluss. Der Sauerstoffkoffer muss gefüllt und auffindbar sein, jemand muss ihn bedienen können, und der Notfallplan muss die zuständige Leitstelle und die tauchmedizinische Beratung benennen. Die Notrufnummern zitiere ich grundsätzlich nicht aus dem Gedächtnis — sie stehen in der Kurzfassung der Leitlinie, und die gehört ausgedruckt in den Ordner der Basis.

Dieser Eintrag erklärt ein tauchmedizinisches Behandlungsverfahren. Er ersetzt weder eine Rettungsausbildung noch ärztliche Beratung und ist keine Handlungsanweisung für den Notfall.

Quellen

Warum hilft die Druckkammer auch noch Tage später?
Weil der Schaden nicht nur aus der Blase selbst besteht. An ihr laufen Entzündungs- und Gerinnungsvorgänge ab, und dahinterliegendes Gewebe bleibt minderversorgt — daran setzt der hyperbare Sauerstoff auch dann noch an, wenn die ursprüngliche Blase längst verschwunden ist. Die Leitlinie hält ausdrücklich fest, dass ein verzögerter Behandlungsbeginn, auch nach Tagen, noch eine Besserung bewirken kann. Das ist kein Argument fürs Abwarten, sondern eines gegen das Aufgeben.
Ist Rekompression dasselbe wie hyperbare Oxygenierung?
Nicht ganz. Hyperbare Oxygenierung ist der Oberbegriff für die Sauerstoffatmung unter erhöhtem Umgebungsdruck; sie wird auch bei Indikationen eingesetzt, die mit Tauchen nichts zu tun haben. „Rekompression“ betont die Rich­tung: Der Verunglückte wird auf einen höheren Druck zurückgeführt, von dem er zu schnell gekommen ist. Beim Tauchunfall fällt beides zusammen — rekomprimiert wird unter Sauerstoff.
Warum ist 100 Prozent Sauerstoff schon vor der Kammer so wichtig?
Weil er dasselbe Prinzip nutzt wie die Kammer, nur schwächer: Ohne Stickstoff im Atemgas wird das Gefälle zwischen Gewebe und Blut maximal, und das gelöste Inertgas wird schneller abgeatmet. Die Leitlinie verlangt ihn sofort und unabhängig vom geatmeten Tauchgas. Außerdem ist die Reaktion darauf ein diagnostisches Zeichen: Symptome, die nach 30 Minuten Sauerstoff nicht rückläufig sind, begründen nach der Leitlinie die Indikation zur Druckkammer.