Kompartiment

Oberflächenpause an Deck: Zwei Taucher sitzen von hinten gesehen auf der Bank, dahinter die aufgereihten Tauchgeräte.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Ein Kompartiment ist im Dekompressionsmodell ein gedachtes Gewebe, das Inertgas mit einer festgelegten Halbwertszeit aufnimmt und wieder abgibt. Es ist kein Organ und kein Messwert, sondern eine Rechengröße. Tauchcomputer führen mehrere solcher Kompartimente parallel; das jeweils kritischste bestimmt Nullzeit, Stopptiefe und Stoppzeit.

Warum das Wort „Gewebe“ in die Irre führt

Der DAN formuliert es in seinem Referenzkapitel zur Dekompressionskrankheit unmissverständlich: Der Begriff Kompartiment sei nicht als genaue Entsprechung realer Gewebe gemeint, sondern als mathematisches Konstrukt, um abzuschätzen, was in verschiedenen Teilen des Körpers geschieht. Von hypothetischen Kompartimenten ist dort die Rede.

Viele Darstellungen beschriften die Kompartimente trotzdem mit Organen — dekostop.ch etwa nennt für ZH-L16 das schnellste „Blut“ und das langsamste „Sehnen“. Diese Etiketten veranschaulichen die Spannweite, mehr nicht: Gemessen wurde an diesen Geweben nichts, und das Modell selbst kennt je Kompartiment nur eine Halbwertszeit und zwei Koeffizienten. Wer die Kompartimente für Organe hält, erwartet vom Tauchcomputer eine Auskunft über seinen Körper, die dieser nicht geben kann.

Was die Halbwertszeit besagt

Die Halbwertszeit ist die Zeit, in der ein Kompartiment die Hälfte der Differenz zwischen seinem eigenen Gasdruck und dem Umgebungsdruck ausgleicht. Die Annäherung verläuft also asymptotisch, nicht linear: Nach einer Halbwertszeit sind rechnerisch 50 Prozent der Differenz abgebaut, nach vier rund 94 Prozent, nach sechs rund 98 Prozent. Deshalb gilt ein Kompartiment nach etwa sechs Halbwertszeiten als praktisch gesättigt oder entsättigt. Für das schnellste Kompartiment sind das Minuten, für das langsamste mehr als zwei Tage.

ZH-L16: sechzehn Kompartimente

Das im Sporttauchen verbreitetste Modell ist Bühlmanns ZH-L16. Nach der Darstellung von dekostop.ch rechnet es mit sechzehn Kompartimenten und Stickstoff-Halbwertszeiten von vier bis 635 Minuten. Für Helium hat Bühlmann die Stickstoff-Halbwertszeiten nach dem CMAS-Fact-Sheet zu ZH-L durch 2,645 geteilt, entsprechend dem Verhältnis der Molekulargewichte der beiden Gase. Helium sättigt in dieser Rechnung also deutlich schneller auf und wieder ab als Stickstoff — was beim Trimixtauchgang die ganze Zeitrechnung verschiebt.

Was ein Kompartiment darf: a, b und der M-Wert

Jedem Kompartiment sind zwei Koeffizienten zugeordnet, a und b. Aus ihnen ergibt sich der M-Wert, also der Inertgasdruck, den dieses Kompartiment bei einem gegebenen Umgebungsdruck noch tragen darf. Das CMAS-Fact-Sheet gibt die Umrechnung als M0 (bar) = a + (Patm/b) und Delta M (bar/m) = 1 / (b × 10) an; die Zahl im Namen ZH-L16 bezeichnet danach die sechzehn Paare solcher Koeffizienten. Die Varianten unterscheiden sich in diesen Werten: A ist die Experimentalfassung, B die für Tabellen, C die für Tauchcomputer.

Das Kompartiment, das seinem M-Wert am nächsten kommt, ist das führende. Es bestimmt in diesem Moment die Stopptiefe und die verbleibende Nullzeit — und es wechselt im Verlauf eines Tauchgangs.

Schnell und langsam in der Praxis

Bei einem kurzen tiefen Tauchgang führen die schnellen Kompartimente: Sie füllen sich rasch und leeren sich in der Oberflächenpause ebenso rasch wieder. Bei langen, wiederholten oder über mehrere Tage aneinandergereihten Tauchgängen verschiebt sich das Gewicht zu den langsamen. Sie nehmen wenig auf, geben aber auch wenig ab — in der Modellrechnung tragen sie am Abend eines Tauchtages noch einen erhöhten Gasdruck, und genau daran hängen die Wartezeiten vor dem Flug nach dem Tauchen.

Was ich daraus für die Praxis ziehe

Erstens: Der Computer rechnet ein Modell, keinen Körper. Er weiß nichts über Schlaf, Kälte, Anstrengung oder Tagesform — das gehört in die eigene Planung, nicht in die Erwartung an das Gerät.

Zweitens: Wer konservativer tauchen will, senkt beide Gradientenfaktoren gemeinsam ab. Die CMAS empfiehlt in ihrem Fact Sheet zu Gradientenfaktoren für Luft und Nitrox, GF Low und GF High gleich zu setzen — mindestens 90/90, bei Risikofaktoren 85/85 oder 80/80 — und tiefe Stopps dem Heliumtauchen vorzubehalten. Ein niedriger GF Low allein macht ein Profil nicht sicherer, sondern verlagert nur Zeit in die Tiefe.

Quellen

Entsprechen die sechzehn Kompartimente echten Geweben?
Nein. Der DAN bezeichnet sie ausdrücklich als mathematisches Konstrukt und spricht von hypothetischen Kompartimenten. Die verbreiteten Beschriftungen mit „Blut“ oder „Sehnen“ sind Veranschaulichungen der Spannweite von schnell bis langsam. Ein Kompartiment ist im Modell durch eine Halbwertszeit und zwei Koeffizienten vollständig beschrieben — eine Anatomie hat es nicht.
Warum rechnet Helium schneller als Stickstoff?
Weil Bühlmann die Halbwertszeiten für Helium nach dem CMAS-Fact-Sheet aus denen für Stickstoff abgeleitet hat, indem er sie durch 2,645 teilte — das Verhältnis der Molekulargewichte. Ein Kompartiment mit 40 Minuten Stickstoff-Halbwertszeit rechnet für Helium also mit rund 15 Minuten. Praktisch heißt das: Helium ist schnell drin und schnell wieder draußen, und beide Richtungen muss die Planung berücksichtigen.
Warum wird meine Nullzeit am dritten Tauchtag kürzer?
Weil die langsamen Kompartimente über Nacht nicht leer werden. Sie nehmen wenig auf, geben aber ebenso wenig ab; über mehrere Tauchtage sammelt sich in der Modellrechnung ein Sockel, der die Nullzeit von Tag zu Tag schmaler macht. Das ist kein Fehler des Geräts, sondern genau das, was ein Mehr-Kompartiment-Modell leisten soll.