Pneumothorax

Ärztin betrachtet von hinten gesehen Thorax-Röntgenaufnahmen an einem Leuchtkasten.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Ein Pneumothorax ist eine Luftansammlung im Pleuraspalt zwischen Lunge und Brustwand, durch die die betroffene Lunge teilweise oder vollständig zusammenfällt. Beim Tauchen kann er als Form des Lungenüberdruckunfalls entstehen; als Spannungspneumothorax ist er unmittelbar lebensbedrohlich. Ein durchgemachter Spontanpneumothorax berührt außerdem die Frage der Tauchtauglichkeit.

Hinweis: Dieser Eintrag erklärt Begriffe und Zusammenhänge. Er ersetzt keine ärztliche Beurteilung — weder im Notfall noch bei der Frage, ob jemand nach einem Pneumothorax wieder tauchen darf.

Was im Brustkorb passiert

Zwischen Lunge und Brustwand liegt der Pleuraspalt. Gelangt dort Luft hinein, verliert die Lunge den Verbund mit der Brustwand und kollabiert ganz oder teilweise. Das MSD Manual beschreibt den Pneumothorax entsprechend als Luftansammlung im Pleuraspalt, die zum partiellen oder kompletten Lungenkollaps führt.

Unterschieden wird nach der Ursache: der primäre Spontanpneumothorax bei Menschen ohne bekannte Lungenerkrankung, der sekundäre Spontanpneumothorax bei vorbestehender Lungenerkrankung, der traumatische Pneumothorax nach stumpfer oder penetrierender Verletzung und der iatrogene nach einem medizinischen Eingriff. Das MSD Manual nennt als typische Betroffene des primären Spontanpneumothorax große, schlanke Männer im Teenageralter und in den Zwanzigern und als Mechanismus die Ruptur subpleuraler apikaler Bläschen.

Wie er beim Tauchen entsteht

Der tauchspezifische Weg führt über die Lungenüberdehnung. Dehnt sich das Gas in der Lunge beim Aufstieg aus und kann nicht abströmen — klassisch beim angehaltenen Atem —, reißen Alveolen. Das MSD Manual beschreibt genau das: Überdehnung und alveoläre Ruptur treten auf, wenn während eines sehr schnellen Auftauchens der Atem angehalten wird. Dass sich das Gas überhaupt ausdehnt, ist die Wirkung des Gesetzes von Boyle-Mariotte.

Je nachdem, wohin die austretende Luft wandert, entstehen unterschiedliche Bilder: ein Mediastinal- oder Hautemphysem, eine arterielle Gasembolie — oder eben ein Pneumothorax. Alle drei sind Erscheinungsformen desselben Grundereignisses, des Lungenüberdruckunfalls.

Beim Tauchen kommt eine Verschärfung hinzu, die es an Land so nicht gibt: Die Luft, die schon im Pleuraspalt liegt, dehnt sich beim weiteren Aufstieg mit aus. Alert Diver beschreibt das so — beim Aufstieg zur Oberfläche verschärft sich die Situation durch die Gasausdehnung. Aus einem kleinen Pneumothorax in der Tiefe kann auf dem Weg nach oben ein großer werden.

Der Spannungspneumothorax

Wirkt die Verletzung wie ein Ventil — Luft tritt bei jedem Atemzug ein, kann aber nicht mehr heraus —, steigt der Druck im Pleuraspalt weiter an. Alert Diver bezeichnet das als den kritischsten Zustand: Die im Pleuraraum vorhandene Luft übt Druck auf Herz und Lunge aus; das sei äußerst ernst und erfordere notfallmedizinische Maßnahmen.

Das MSD Manual nennt als Zeichen Blutdruckabfall, Halsvenenstauung, hypersonoren Klopfschall und — als späten Befund — eine Trachealverschiebung. Es hält zugleich fest, dass der Spannungspneumothorax klinisch diagnostiziert wird, ohne auf eine Röntgenaufnahme zu warten, und dass der Verdacht mit einer Nadeldekompression behandelt wird. Beim Barotrauma ist der Spannungspneumothorax nach MSD selten — was ihn nicht weniger bedrohlich macht, wenn er eintritt.

Woran man ihn erkennt

  • Atemnot, einseitiger, oft stechender Brustschmerz
  • einseitig abgeschwächtes oder fehlendes Atemgeräusch (MSD)
  • bei kleinen Pneumothoraces auch: gar keine Beschwerden
  • beim Spannungspneumothorax zusätzlich Kreislaufversagen und gestaute Halsvenen

Die Diagnostik läuft über bildgebende Verfahren. Die S2k-Leitlinie „Tauchunfall“ nennt bei Verdacht auf Pneumothorax vor einer Druckkammerbehandlung ausdrücklich Thorax-Röntgen, Sonographie oder Computertomographie.

Warum das für die Behandlung eines Tauchunfalls entscheidend ist

Ein Pneumothorax ist beim Tauchunfall nicht bloß eine Begleitverletzung, sondern ein Problem für die Behandlung selbst. Die Leitlinie „Tauchunfall“ führt Punkte auf, die das deutlich machen:

  • Bei Masken-CPAP beziehungsweise nicht-invasiver Beatmung sowie bei CPAP/BiPAP ist das Risiko bei Verdacht auf Pneumothorax zu beachten. Überdruck in den Atemwegen kann einen bestehenden Pneumothorax vergrößern.
  • Medizinisches Fachpersonal soll den Ausschluss beziehungsweise die Behandlung eines Spannungspneumothorax vornehmen.
  • Während der Druckkammerbehandlung ist wiederholt klinisch zu untersuchen, insbesondere nach Drucksenkungen in der Behandlungstabelle — beim Druckabbau dehnt sich eingeschlossene Luft erneut aus.

Die Leitlinie führt den (Spannungs-)Pneumothorax außerdem als mögliche Differentialdiagnose zum reinen Tauchunfall auf. Wer nach einem Tauchgang über Atemnot und Brustschmerz klagt, hat nicht zwangsläufig eine Dekompressionskrankheit. Die Gabe von 100 Prozent Sauerstoff ist in beiden Fällen richtig und bleibt die erste Maßnahme; die Rekompression ist es nicht ohne Weiteres.

Tauchtauglichkeit nach einem Pneumothorax

Hier ist Vorsicht bei pauschalen Aussagen geboten, und ich kennzeichne meine Unsicherheit ausdrücklich. Der Grund für die Zurückhaltung der Tauchmedizin ist gut belegt: Das MSD Manual gibt an, dass die Rezidivraten in großen Studien zwischen 19 und 29 Prozent ein Jahr nach dem ersten primären Spontanpneumothorax lagen. Ein Rezidiv unter Wasser hat andere Folgen als eines an Land.

Alert Diver differenziert nach der Ursache: Nach stumpfen Brustverletzungen ohne Lungenbeteiligung bestehe ein sehr geringes Restrisiko; bei penetrierenden Verletzungen werden ärztliche Untersuchung und Bildgebung empfohlen; bei einem Spontanpneumothorax mit Narbenbildung werde generell vom Tauchen abgeraten.

Ein deutschsprachiger Fachbeitrag bei TAUCHEN.de aus dem Jahr 2009 behandelt den Spontanpneumothorax als absolute Kontraindikation und nennt als Mindestanforderung für eine erneute Beurteilung ein hochauflösendes Spiral-CT der Lunge sowie eine Lungenfunktionsprüfung. Dieser Beitrag ist alt; ob die Fachgesellschaften diese Linie heute unverändert vertreten, ist an einer aktuellen Leitlinie und an der Checkliste der GTÜM nicht abzulesen. Die Frage gehört in die Tauchtauglichkeitsuntersuchung bei einem tauchmedizinisch erfahrenen Arzt und nicht in ein Lexikon.

Kann ein Pneumothorax auch ohne Luftanhalten entstehen?
Ja. Vorbestehende Schwachstellen in der Lunge — etwa subpleurale Bläschen, wie sie das MSD Manual für den primären Spontanpneumothorax beschreibt — können auch bei regelrechter Atmung reißen. Genau darin liegt der Grund, warum die Tauchmedizin einen durchgemachten Spontanpneumothorax so ernst nimmt: Er zeigt, dass eine solche Schwachstelle vorhanden war.
Warum darf man bei Verdacht auf Pneumothorax nicht einfach beatmen?
Weil Überdruck in den Atemwegen die Luftmenge im Pleuraspalt vergrößern kann. Die Leitlinie „Tauchunfall“ weist bei Masken-CPAP, nicht-invasiver Beatmung und CPAP/BiPAP ausdrücklich auf das Risiko bei Verdacht auf Pneumothorax hin. Die Sauerstoffgabe über eine Maske ohne Überdruck ist davon nicht betroffen und bleibt richtig.
Was unterscheidet den Pneumothorax vom Mediastinalemphysem?
Beide entstehen aus derselben Ursache, der Alveolarruptur — es geht um den Ort, an dem die Luft landet. Beim Pneumothorax gelangt sie in den Pleuraspalt und lässt die Lunge kollabieren; beim Mediastinalemphysem sammelt sie sich im Mittelfellraum zwischen den Lungenflügeln. Das Mediastinalemphysem verläuft in der Regel harmloser, der Pneumothorax kann sich zum Spannungspneumothorax entwickeln.

Quellen

Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.