Geisternetz-Bergung vor Rügen: Deko-Tauchgang auf 42 Meter – mit allen Zahlen

Taucher im roten Trockentauchanzug sitzt mit einer Bierflasche in der Hand im Schlauchboot auf der Ostsee, im Hintergrund die Küste von Rügen unter bedecktem Himmel
Nach dem Tauchgang im Schlauchboot, im Hintergrund die Küste von Rügen. In der Hand das Dekobier – zur Einordnung dieser Tradition steht unten ein eigener Absatz. Eigene Aufnahme, Juli 2023.

Ein Wrack in 42 Metern Tiefe in der Ostsee vor Rügen, zwei Teams, eine Dekompressionsverpflichtung und die Aufgabe, die Lage der Netze zu dokumentieren. Dieser Bericht nennt die Zahlen, die in solchen Erzählungen sonst fehlen: Gasvorrat, Atemminutenvolumen, geplante und tatsächliche Grundzeit, Dekostufen – und was der Basenleiter uns vorher über Containerschiffe gesagt hat.


Worum es ging: Geisternetze in der Ostsee

Geisternetze sind verlorene oder zurückgelassene Fischereigeräte. Sie fischen weiter, ohne dass jemand die Fänge einholt. Der WWF Deutschland beziffert den jährlichen Verlust in europäischen Meeren auf 1.700 bis 3.000 Tonnen Fanggerät und nennt für die Ostsee 5.000 bis 10.000 Netzteile pro Jahr (WWF Deutschland, „Geisternetze“).

Beide Zahlen sind Schätzungen der Organisation. Dasselbe gilt für die meistzitierte Angabe des Themas – dass Netze am Meeresgrund „erst nach 400 bis 600 Jahren“ verrotten. Auch das ist eine Schätzung, kein Messwert.

Belegt und behördlich ist dagegen die Einordnung der Fangmethode: Das Bundesamt für Naturschutz nennt die Stellnetzfischerei „eine der Hauptgefährdungsursachen für Seevögel und Schweinswale“ in der Ostsee (BfN, „Stellnetz-Fischerei“) – das bezieht sich allerdings auf aktiv eingesetzte Netze.

Wie groß die Mengen sind, die tatsächlich aus der deutschen Ostsee kommen, zeigen die Bergungen selbst. Der WWF gibt an, vom 21. bis 23. September 2020 vor Sassnitz auf Rügen mehr als neun Tonnen Netzmaterial geborgen zu haben, darunter ein Schleppnetz von drei bis vier Tonnen, rund 30 Meter lang und geschätzt 30 bis 40 Jahre alt (WWF, „Erfolgreiche Bergungsaktion in der Ostsee“). Die Gesellschaft zur Rettung der Delphine birgt seit 2019 regelmäßig rund um Rügen; ihr erster großer Fund war ein über 30 Meter langes Schleppnetz von mehr als 600 Kilogramm (GRD, „Geisternetzbergungsaktionen rund um Rügen“).

Helles Netzgewebe liegt über dicht mit Muscheln bewachsenem Grund, eine orange Leine führt schräg durch das Bild
So sieht ein Geisternetz nach Jahren aus: Das Gewebe ist noch intakt, der Bewuchs hat es mit dem Untergrund verbunden. Eigenes Standbild aus einer GoPro-Aufnahme.

Der Rahmen: zwei Teams, ein Wrack auf 42 Metern

Der Einsatz fand im Juli 2023 statt. Geführt wurde die Bergungsaktion von der Scientific Diving Association e. V., einer 2009 gegründeten, ehrenamtlich getragenen Forschungstauchervereinigung, die seit 2015 ein eigenes Geisternetzprojekt betreibt und ausdrücklich nur tauchgestützt bergt – ohne Netzeggen und Schleppgeschirre (SDA, Projekt Geisternetze). Gesponsert wurde das Projekt von One Earth – One Ocean e. V., der Münchner Umweltorganisation hinter der „Maritimen Müllabfuhr“.

Die Gaslogistik lief über die Tauchbasis Prora auf Rügen. Ihr Betreiber Wolfgang Frank – IDDA Advanced Scuba Trainer, DIWA Open Water Scuba Instructor, seit 1994 vor Ort und in der Region der Mann für Wracks und Geisternetze (tauchen-ruegen.de) – hat außerdem alle Taucher mit Hinweisen versorgt, auf die man von außen nicht kommt. Der wichtigste davon steht weiter unten und hat den Tauchgang mehr geprägt als jedes Ausrüstungsteil.

Das Wrack liegt auf 42 Metern, am Rand des Offshore-Windparks Arcadis Ost 1 nordöstlich von Rügen. Ausgangspunkt war der Jachthafen Lohme; ausgelaufen sind wir um 13:00 Uhr, wieder eingelaufen um 17:16 Uhr.

Die nächste Windenergieanlage stand keine 300 Meter entfernt – eine Vestas V174 mit 174 Metern Rotordurchmesser auf 107 Metern Nabenhöhe. Sie war zu diesem Zeitpunkt seit dem 12. April 2023 in Betrieb, also gerade drei Monate. Man taucht dort unter etwas ab, das jünger ist als der eigene Sommerurlaub, und findet unten ein Wrack mit Netzen, die seit Jahrzehnten dort liegen.

Wir waren zwei Teams. Das erste Team stieg zuerst ab und legte eine Führungsleine von der Shotline zum Wrack – rund 20 bis 25 Meter. Diese Leine ist keine Bequemlichkeit: Bei dieser Sicht findet man den Rückweg sonst nicht.

Vor uns gingen zwei Taucher mit anderem Gerät: einer mit einem Dolphin-Rebreather von Dräger, einer mit Trimix. Wir beide fuhren den ganzen Tauchgang mit Luft.

Unsere Aufgabe war die Dokumentation, nicht die Arbeit am Netz. Wir sollten die Lage der Netze am Wrack filmen, damit die eigentliche Bergung später geplant werden kann. Ich hatte meine GoPro, mein Mittaucher ein deutlich leistungsfähigeres Kamerarig. Das ist eine wichtige Unterscheidung, weil sie den ganzen Tauchgang prägt – wer dokumentiert, arbeitet anders als jemand, der schneidet.

Und noch eine Ehrlichkeit vorweg: Ich habe ohne eine spezielle Ausbildung zum Bergen von Geisternetzen mitgemacht. Wie das üblicherweise geregelt ist, steht weiter unten – die Organisationen, die das regelmäßig tun, bilden dafür aus.


Die Konfiguration: Sidemount, zwei 12er, eine Stage

Getaucht bin ich in Sidemount-Konfiguration mit zwei 12-Liter-Stahlflaschen von Faber, dazu eine Alu-Stage mit 80 Kubikfuß. Alle drei Flaschen beim Einstieg ins Wasser mit 200 bar, alle drei mit Luft.

Das ergibt in den beiden Hauptflaschen 4.800 Liter Atemgas – 2 × 12 Liter × 200 bar. Die Stage kommt mit rund 2.200 Litern dazu. Warum eine dritte Flasche an einem Tauchgang mitgeht, der rechnerisch mit zweien locker gepasst hätte, steht im übernächsten Abschnitt; die Antwort hat nichts mit der Tiefe zu tun.

Zur Flaschenwahl gibt es hier einen eigenen Beitrag: Sidemount Tauchflaschen – Stahl oder Aluminium?


Der Plan: warum wir nach Tabelle getaucht sind

Im Team hatten wir zwei nicht kompatible Dekompressionsmodelle. Ein Taucher rechnete nach Bühlmann, mein Mares Quad nach RGBM. Zwei solche Computer nebeneinander zeigen bei einem Dekotauchgang nicht dieselben Zahlen – und zwei Taucher, die sich an unterschiedliche Zahlen halten, sind kein Team mehr.

Die Lösung war die klassische: Wir sind nach der DECO-2000-Tabelle getaucht. Die Runtime haben wir vorher aufgeschrieben und auf einer wasserfesten Schreibtafel am Unterarm mitgeführt. Die Computer liefen mit, aber sie waren nicht die Grundlage.

Geplant waren 16 Minuten Grundzeit auf 42 Metern. Bei DECO 2000 ist die Grundzeit die Zeit vom Verlassen der Oberfläche bis zum Beginn des Austauchens – der Abstieg zählt also mit (tauchsucht.net, Dekotabelle). Das ist kein Detail: Wer den Abstieg nicht mitrechnet, plant zu knapp.

Aufgeteilt war die Zeit so: drei Minuten Abstieg an der Shotline, zwei Minuten über die Führungsleine zum Wrack. Zusammen fünf. Der Rest gehörte dem Wrack.

Und wir hatten nicht nur die geplante Zeile notiert, sondern auch die daneben. Warum, zeigt sich gleich.


Was der Basenleiter uns vorher gesagt hat

Das Wrack liegt in der Fahrwasserlinie der Handelsschifffahrt. Nördlich von Rügen verläuft das Verkehrstrennungsgebiet „North of Rügen“, über das der Verkehr aus der östlichen in die westliche Ostsee läuft (Fachgutachten Schifffahrt für das BSH, S. 19 f.). Wir hatten die Taucherflagge gesetzt, und der Kapitän blieb auf dem RIB über uns.

Im Briefing hat der Basenleiter auf Rügen – ein sehr erfahrener Mann – uns auf etwas hingewiesen, das ich vorher so nicht auf dem Schirm hatte. Sinngemäß:

Wenn ein Containerschiff über euch hinwegfährt, kommt eine fast stehende Wand aus Sediment auf euch zu. Die Sicht geht auf null. Und ihr könnt nicht auftauchen, solange das Schiff über euch ist – bleibt dann mindestens auf zwanzig Metern, diese Schiffe haben enormen Tiefgang.

Der Satz mit den zwanzig Metern klingt willkürlich, bis man nachrechnet. Ein großes Containerschiff hat einen Tiefgang in der Größenordnung von zehn bis sechzehn Metern – die drei Frachter, die an jenem Nachmittag tatsächlich an unserem Seegebiet vorbeiliefen, meldeten über AIS 5,8, 7,5 und 10,2 Meter. Dazu kommt der Sog der Schraube, und der wirkt deutlich tiefer als der Rumpf. Zwanzig Meter sind deshalb keine großzügige Marge, sondern das Minimum – und wer sie einhalten muss, während oben ein Schiff durchläuft, braucht Gas für die Wartezeit.

Am Horizont kam während unserer Vorbereitung tatsächlich eines auf.

Nachgeprüft, weil es sich nachprüfen lässt: Die dänische Seeschifffahrtsbehörde stellt historische AIS-Daten frei zur Verfügung. Für den Nachmittag unseres Tauchgangs zeigen sie drei Frachter von 175 bis 180 Metern Länge, die sich unserem Seegebiet bis auf vier bis fünf Kilometer genähert haben – der erste um 13:49 Uhr mit zwölf Knoten, während wir uns fertig machten, der zweite um 14:55 mit 16,5 Knoten, der dritte um 15:35. Über uns hinweggefahren ist keiner. Das Briefing beschrieb einen Fall, der nicht eintrat – und die Vorbereitung darauf war trotzdem richtig.

Genau deshalb ging die Stage mit. Nicht, weil der geplante Tauchgang sie gebraucht hätte – mit den beiden 12ern wäre er locker ausgegangen –, sondern für den Fall, dass wir unten festsitzen, während oben ein Schiff passiert.

Was das rechnerisch bedeutet, ist der Punkt, an dem diese Vorsorge aufhört, ein Bauchgefühl zu sein. Ein Aufenthalt auf 20 Metern kostet bei einem Umgebungsdruck von 3 bar und einem konservativ angesetzten Atemminutenvolumen von 25 Litern rund 75 Liter Gas pro Minute. Die Stage allein trägt damit knapp 30 Minuten Zwangsaufenthalt auf 20 Metern, bei realistischeren 18 Litern über 40 Minuten – zusätzlich zu allem, was in den Hauptflaschen übrig ist. Das ist die Antwort auf die Frage, warum man eine Flasche mitnimmt, die man nicht braucht.

Angefasst habe ich sie an diesem Tag nicht.


Wie der Tauchgang tatsächlich lief

Die geplanten fünf Minuten für Abstieg und Traverse haben wir nicht gehalten. Gebraucht haben wir sechs. Das klingt nach nichts. Eine Minute Verzug am Anfang lässt sich am Wrack aber nicht wieder einsparen – sie hängt sich hinten an.

Am Wrack haben wir zwölf Minuten für eine Runde gebraucht, filmend. Auf dem Rückweg zur Shotline mussten wir dann richtig Gas geben.

Am Ende standen 19 Minuten Grundzeit statt der geplanten 16. Wir sind in die nächste Zeile der Tabelle gerutscht.

Abschnitt geplant tatsächlich
Abstieg an der Shotline 3 min zusammen 6 min
Traverse über die Führungsleine 2 min
einmal um das Wrack, filmen — 12 min
Rückweg zur Shotline — Rest
Grundzeit 16 min 19 min

Dass das kein Drama war, lag an einer einzigen Vorbereitung: Beide Zeilen standen auf der Schreibtafel. Wer nur eine Zahl mitnimmt, muss unter Wasser rechnen, wenn es anders kommt – und auf 42 Metern rechnet niemand gern.


Die Zahlen: Gasverbrauch

Mein Atemminutenvolumen liegt bei solchen Tauchgängen zwischen 15 und 18 Litern – die Tiefe, die Dunkelheit und das Wissen, in einer Fahrrinne zu liegen, treiben es nach oben. Für die Planung haben wir sicherheitshalber mit bis zu 25 Litern gerechnet.

Die folgende Rechnung ist eine Nachrechnung mit ein paar Annahmen, die ich offenlege: Aufstieg mit 10 Metern pro Minute, je eine halbe Minute für die Stufenwechsel, Abstieg linear gerechnet, Verbrauch über den absoluten Umgebungsdruck. Der Aufstieg ist getrennt gerechnet, weil die Grundzeit bei DECO 2000 mit dem Beginn des Austauchens endet.

Abschnitt Dauer mittlere Tiefe Verbrauch
Abstieg an der Shotline 3 min 21 m 9,3 bar·min
Traverse zum Wrack 3 min 42 m 15,6 bar·min
einmal ums Wrack 12 min 42 m 62,4 bar·min
Rest der Grundzeit 1 min 42 m 5,2 bar·min
Aufstieg und Dekostufen ~21 min — 37,1 bar·min
gesamt rund 130 bar·min

Umgerechnet auf die drei Verbrauchsannahmen, bezogen auf die 4.800 Liter in den beiden 12ern:

Atemminutenvolumen Verbrauch Rest in den Hauptflaschen
15 l/min 1.940 l 2.860 l ≈ 119 bar
18 l/min 2.330 l 2.470 l ≈ 103 bar
25 l/min (Sicherheitsansatz) 3.240 l 1.560 l ≈ 65 bar

Selbst mit dem konservativsten Ansatz blieben rund 65 bar in den Hauptflaschen – plus die vollständig unangetastete Stage. Zusammen war am Ende mehr Gas in Reserve, als der ganze Tauchgang bei ruhiger Atmung gekostet hat. Wir hätten deutlich länger unten bleiben und deutlich länger Deko machen können. Genau so war es gerechnet.


Die Zahlen: Dekompression

Die erste Zahl, die man kennen muss, steht ganz oben in der Spalte: Die Nullzeit auf 42 Metern beträgt sieben Minuten. Wir waren neunzehn unten – alles Weitere ist folglich Dekompression, nicht Sicherheitsstopp.

Das ist die maßgebliche Spalte der DECO-2000-Tabelle für 42 Meter, Meereshöhe 0 bis 700 m, Aufstieg mit 10 m/min (Autor Dr. Max Hahn, © VDST Verband Deutscher Sporttaucher):

Grundzeit 12 m 9 m 6 m 3 m WG
4 min — — — — C
7 min (Nullzeit) — — — — D
10 min — — — 2 E
13 min — — 1 5 E
16 min (geplant) — — 4 6 F
19 min (gefahren) — 2 4 10 F
22 min — 3 6 13 G
25 min 1 4 8 16 G
Spalte 42 m der Austauchtabelle DECO 2000 (0–700 m ü. NN). Stoppzeiten in Minuten, WG = Wiederholungsgruppe.

Zwei Zeilen sind für uns die entscheidenden. Die geplante, 16 Minuten: vier Minuten auf sechs Metern, sechs Minuten auf drei Metern – zusammen zehn Minuten. Und die gefahrene, 19 Minuten: zwei Minuten auf neun Metern, vier auf sechs, zehn auf drei – zusammen sechzehn Minuten.

Drei Minuten mehr Grundzeit haben uns sechs Minuten mehr Dekompression gekostet und eine zusätzliche Stufe auf neun Metern. Das ist der Grund, warum man die Nachbarzeile vorher notiert: Die Kurve ist nicht linear, und nichts davon lässt sich unter Wasser überschlagen.

Was daran für die Praxis zählt, ist eine Einsicht, die auf dem Manometer nicht auftaucht: Die zusätzliche Dekozeit kostet kaum Gas. Sie wird auf drei und sechs Metern abgeleistet, wo eine Minute nur das 1,3- bis 1,6-fache des Oberflächenverbrauchs kostet. Was sie kostet, ist Zeit im kalten Wasser und in der Strömung – und die Strömung war der Grund, warum wir in der Nähe der Shotline bleiben mussten.

Zwei Taucher hängen im trüben Wasser nebeneinander an einer Leine und sitzen ihre Dekompressionsstufen ab, einer im roten Trockenanzug
Nach dem Tauchgang: mein Mittaucher und ich an der Shotline beim Absitzen der Dekompressionsstufen. Eigenes Standbild aus einer GoPro-Aufnahme.

Am Netz: drei Dinge, die man vorher wissen sollte

Erstens: Die eigene Ausrüstung ist die Verhakungsgefahr. Eine Lampe am Ausleger, ein baumelnder Schlauch, vor allem aber der Karabiner, mit dem etwas gesichert ist – im Netz ist ein Karabiner ein Haken wie jeder andere. Alles, was abstehen kann, gehört eng an den Körper.

Zweitens: Schneidwerkzeug redundant und beidhändig erreichbar. Eines links, eines rechts. Der Grund ist banal und zwingend: Wenn eine Hand im Netz steckt, muss die andere allein schneiden können.

Drittens: Niemals allein. Das gilt am Netz noch mehr als sonst.

Dazu kommt das Sediment. Ein Netz liegt selten frei; es liegt in und auf Ablagerungen, und der erste unbedachte Flossenschlag nimmt der Gruppe die Sicht. Aufgewirbeltes Sediment ist auch der Grund, warum die stärkste Lampe in diesem Moment die nutzloseste ist – dazu weiter unten mehr.

Warum ein Geisternetz weiterfischt

Wer den Ausdruck „Geisternetz“ hört, stellt sich meistens einen Haufen Netz am Boden vor. Das ist der harmlose Fall. Die Netze, die wir dokumentiert haben, standen noch.

Der Grund steckt im Netz selbst. Ein Stellnetz hat oben eine Kopfleine mit Schwimmern und unten eine Bleileine – die Schwimmer ziehen es nach oben, die Bleie halten es unten, und dazwischen steht eine Wand im Wasser. Genau so soll es fischen. Und genau so steht es weiter, wenn niemand es mehr einholt. Ein verlorenes Stellnetz bringt seine eigene Statik mit; es braucht niemanden, der es aufstellt.

Das Foto unten zeigt diesen Zustand unverändert. Die Auftriebskörper, die das bewachsene Netzteil nach oben ziehen, gehören zum Netz – wir haben nichts daran befestigt, sondern nur gefilmt. Deshalb ist die Rede vom „weiterfischenden“ Netz keine Metapher, sondern eine Beschreibung der Bauweise. Erst wenn der Bewuchs schwer genug wird oder die Schwimmer ihren Auftrieb verlieren, legt sich so ein Netz hin – und wird dann irgendwann tatsächlich zum Lebensraum.

Ein dicht mit gelblichem Bewuchs überzogenes Netz steht senkrecht im blauen Wasser auf
Diese Netzteile hängen noch an ihren eigenen Schwimmern: Die Auftriebskörper der Kopfleine ziehen das Netz nach oben – es steht so, wie es beim Fischen stehen soll. Originalzustand, wir haben nichts daran befestigt. Eigenes Standbild aus einer GoPro-Aufnahme.

Der Trockenanzug am Netz – und warum ich ohne Trockenhandschuhe getaucht bin

Ich war im Trockentauchanzug unterwegs. In der Ostsee auf 42 Metern ist das keine Frage des Komforts, sondern der Einsatzdauer – mit Dekompressionsverpflichtung hängt man am Ende noch eine Viertelstunde im Wasser, ohne sich zu bewegen.

Zur Temperatur eine Zahl, die mich selbst überrascht hat, als ich sie nachgeschlagen habe. An der Oberfläche waren es an dem Tag geschätzt um die 21 Grad, in der Tiefe deutlich weniger – ich habe die genauen Werte nicht mehr im Kopf. Was die Messreihen sagen: Das Bodenwasser im Arkonabecken erreichte Ende Juli 2023 rund 15 °C, Anfang August sogar bis 16,5 °C bei 18,5 °C an der Oberfläche (IOW, Marine Science Report No. 128, S. 35 und 42). Das ist für die Ostsee ungewöhnlich warm.

Und das ist der eigentliche Punkt: In der Ostsee sagt die Tiefe nichts über die Temperatur. Für dieselbe Position und dieselbe Jahreszeit sind in 40 Metern Werte zwischen 7,5 °C und 16,5 °C dokumentiert – eine Spanne von neun Kelvin. Der Grund ist, dass das Tiefenwasser hier nicht von der Sonne erwärmt wird, sondern über die Darßer Schwelle einströmt und die Temperatur mitbringt, die es beim Überströmen hatte; es kann bis zu drei Monate im Becken liegen bleiben. Gegenläufig kann Auftrieb die Werte binnen Tagen einbrechen lassen – im Juli 2023 fiel die Temperatur an der Arkona-Boje bei einem solchen Ereignis um 6 K. Die Messwerte stammen von der MARNET-Boje rund 20 Seemeilen nordöstlich von Kap Arkona, nicht von unserem Tauchplatz. Wer hier plant, fragt die Basis vor Ort – oder zieht den Trockenanzug an.

Am Netz ist der Trockenanzug allerdings genau das, was kaputtgehen kann. In Geisternetzen hängt nicht nur Netz: Da sind Angelhaken, Bleie, Reste von Vorfächern, dazu die scharfen Kanten des Wracks selbst. Ein Riss im Anzug ist auf 42 Metern kein Sachschaden, sondern ein abgebrochener Tauchgang mit einem durchnässten Taucher, der noch Deko vor sich hat. Ich habe Glück gehabt – der Anzug ist heil geblieben.

Die Konsequenz daraus betraf die Hände. Wir haben ohne Trockenhandschuhe gearbeitet und stattdessen normale Spearfishing-Handschuhe mit Protektoren getragen. Der Grund ist derselbe: Ein Trockenhandschuh ist über den Ring mit dem Anzug verbunden, und was den Handschuh aufreißt, flutet den Anzug gleich mit. Der Preis dafür sind kalte, nasse Hände – und dass ich mir mehrfach einen rostigen Angelhaken in den Finger gehauen habe. Das war zu verschmerzen. Der Anzug wäre es nicht gewesen.

⚠️ Wer so etwas plant, sollte den Tetanusschutz vorher geprüft haben. Verletzungen an rostigem Metall und altem Fischereigerät sind bei dieser Arbeit nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall.


Licht auf 42 Metern in der Ostsee

In dieser Tiefe ist es dunkel, und die Lampe ist keine Bequemlichkeit. Drei Beobachtungen aus diesem Tauchgang:

Viel Licht hilft im Sediment gar nicht. Sobald etwas aufgewirbelt ist, leuchtet eine starke Lampe die Schwebstoffe an und wirft das Licht zurück. Man sieht weniger als mit einer schwachen. Wer glaubt, Lumen lösen ein Sichtproblem, hat noch nie im Trüben gestanden.

Beim Filmen zählt etwas anderes als beim Sehen. Das Auge will Reichweite, die Kamera will Fläche. Ein enger, heller Spot erzeugt im Video ein grelles Loch mit schwarzem Rand. Wer dokumentiert, braucht breites, weiches Licht – auch wenn es sich beim Hinsehen schwächer anfühlt.

Und es gibt Licht, das nicht leuchtet, sondern markiert. Am unteren Ende der Shotline hing eine Blitzlichtmarkierung. Sie beleuchtet nichts. Sie beantwortet nur eine Frage, und zwar die wichtigste des ganzen Tauchgangs: Wo ist der Weg nach oben? In einer Kaufberatung kommt diese Kategorie nicht vor, weil sie mit Lumen nichts zu tun hat.

Der häufigste Grund, die Lampe während des Tauchgangs überhaupt aufzudrehen, war übrigens keiner davon. Es war die Schreibtafel am eigenen Unterarm. Genau in dem Moment, in dem man merkt, dass man in die andere Zeile gerutscht ist, muss man sie lesen können – in 42 Metern, im Trüben, mit Handschuhen.


Wer mitmachen will: was tatsächlich verlangt wird

Geisternetzbergungen sind keine Sache, die man als Sporttaucher allein angeht. Die Organisationen, die das regelmäßig tun, bilden dafür aus und nehmen Taucher nur nach Schulung mit.

Die Gesellschaft zur Rettung der Delphine nennt für ihre zweitägigen Bergungs-Workshops folgende Voraussetzungen (GRD, Tauch-Workshops für Geisternetz-Bergungen):

  • mindestens 60 Tauchgänge
  • Trockentauchbrevet beziehungsweise Trockentauchtauglichkeit
  • gültige Tauchtauglichkeitsuntersuchung
  • bestehende Tauchversicherung
  • eigene komplette Ausrüstung, getaucht wird in der Standardkonfiguration

Inhaltlich geht es am ersten Tag um Netztypen, Unterwasserkommunikation und Gefahren, am zweiten um das Auffinden, Anheben und Bergen vorbereiteter Netzstücke – unter anderem mit Hebesäcken. Eine ältere Pressemitteilung derselben Organisation nennt übrigens „ca. 100 Tauchgänge“; die Workshop-Seite mit den 60 ist die aktuellere Angabe. Wer sich bewirbt, sollte im Zweifel die höhere Zahl im Kopf haben.

Der Verband Deutscher Sporttaucher beschreibt es ähnlich: „Erfahrene Sporttaucher werden auf ihre Eignung bei einem ‚Netztraining‘ überprüft“ (VDST, „Geisternetze“). Beim WWF sind es Berufs- und Forschungstaucher, die im Wasser arbeiten; gehoben wird vom Schiff aus mit Kran.

Gefunden werden die Netze nicht durch Suchen im Wasser, sondern mit Seitensichtsonar. Der WWF gibt an, allein 2020 rund 3.500 Hektar Meeresfläche abgesucht zu haben; im schleswig-holsteinischen Pilotprojekt wurden über 35 Quadratkilometer Meeresboden untersucht und mehr als 200 Verdachtsstellen von Tauchern verifiziert (WWF, Meldung August 2026). Die Taucher sind der letzte Schritt, nicht der erste.

Bemerkenswert und wenig bekannt: Es wird nicht jedes Netz geborgen. Die GRD hat einen Fund in rund 20 Metern Tiefe bewusst liegen lassen, weil es flach auflag, keine Gefahr für Tiere darstellte und inzwischen selbst besiedelt war. Eine Bergung hätte mehr zerstört als genützt.


Und wenn man selbst ein Netz findet?

Kurze Antwort: melden, nicht bergen.

Die längere: Ein Fanggerät ist nicht herrenlos. § 14 Absatz 1 des Fischereigesetzes für Mecklenburg-Vorpommern verlangt, dass Fanggeräte so gekennzeichnet sind, „dass ihr Eigentümer sowie ihre Art und Lage zweifelsfrei feststellbar sind“. Das Fischereirecht selbst gibt ein Aneignungsrecht nur an Fischen, nicht an Gerät.

Liegt das Netz an einem Wrack, kommt der Denkmalschutz hinzu. Das Denkmalschutzgesetz Mecklenburg-Vorpommern erfasst Bodendenkmale ausdrücklich auch „in Gewässern“; Nachforschungen mit dem Ziel, Denkmale zu entdecken, sind genehmigungspflichtig, und Funde sind anzuzeigen.

In Windpark-Sicherheitszonen gilt zusätzlich das Befahrens- und Ankerverbot: Sicherheitszonen reichen 500 Meter vom äußeren Rand der Anlagen (§ 53 Windenergie-auf-See-Gesetz), das Ankern darin ist untersagt. Ohne Ankern oder Positionshalten ist eine Bergung praktisch nicht durchführbar.

Ob und unter welchen Voraussetzungen ein Taucher ein gefundenes Netz eigenmächtig bergen darf, beantwortet im Einzelfall die zuständige Stelle – die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung oder die Landesbehörde. Der sichere Weg ist der, den auch die Organisationen gehen: Fund melden und den Leuten überlassen, die dafür ausgerüstet und beauftragt sind.


Das Dekobier – und was die Fachquellen dazu sagen

Auf dem Bild ganz oben sitze ich im Schlauchboot, noch im Trockenanzug, mit einer Flasche Pils in der Hand. Das ist das Dekobier – in der Tauchszene eine feste Größe und meistens der Moment, in dem sich die Anspannung eines solchen Tauchgangs löst.

Weil das hier ein Tauchportal ist und keine Anekdotensammlung, gehört die Einordnung dazu. Was die Fachquellen sagen, betrifft ausdrücklich die Zeit vor dem Tauchgang: DAN Europe hält fest, unter Alkoholeinfluss zu tauchen sei „nie eine gute Idee“, und weist auf die harntreibende Wirkung hin (DAN Europe, Hydrierung). Die GTÜM wird deutlicher: „Dabei führen alkoholische Getränke, vor allem Bier, in größeren Mengen genossen, eher zu einer negativen Flüssigkeitsbilanz, da die Harnproduktion angeregt wird.“ (GTÜM, DCS-Risiken)

Mit dem Auftauchen endet der physiologische Zusammenhang allerdings nicht: Die Entsättigung läuft nach dem Verlassen des Wassers noch Stunden weiter, und ein günstiger Flüssigkeitshaushalt hilft ihr. Wer also nach einem Dekotauchgang etwas trinkt, trinkt sinnvollerweise zuerst Wasser.

Das ist keine Belehrung, sondern die ehrliche Fassung: Die Tradition gibt es, ich halte sie auch, und die Reihenfolge ist der Teil, über den man nachdenken kann.


Was ich mitgenommen habe

Drei Sachen, die über diesen einen Tauchgang hinausgehen.

Die zweite Tabellenzeile ist keine Pedanterie. Sie ist der Unterschied zwischen einer Planänderung und einem Problem. Drei Minuten Verzug entstehen an einem Wrack schneller, als man denkt.

Die Reserve, die man nicht anfasst, ist die, die den Tauchgang ruhig macht. Die Stage war rechnerisch überflüssig und praktisch der Grund, warum niemand von uns während der Deko auf die Uhr des Containerschiffs geschaut hat.

Und das Briefing an Land war mehr wert als jede Ausrüstung im Wasser. Auf die Sedimentwand hinter einem Containerschiff wäre ich von selbst nicht gekommen. Es gibt Gewässer, die man nicht aus Büchern lernt, sondern von jemandem, der dort seit Jahren arbeitet.


Häufige Fragen

Warum tauchte das Team nach Tabelle statt nach Computer?

Weil im Team zwei unterschiedliche Dekompressionsmodelle unterwegs waren – Bühlmann und RGBM. Zwei Taucher, die sich an unterschiedliche Zahlen halten, tauchen nicht mehr gemeinsam. Die Tabelle ist die gemeinsame Grundlage, die beide Computer überstimmt.

Zählt der Abstieg zur Grundzeit?

Bei DECO 2000 ja: Die Grundzeit läuft vom Verlassen der Oberfläche bis zum Beginn des Austauchens. Andere Tabellen und Computer definieren das teils anders – das ist einer der Gründe, warum man Systeme nicht mischt.

Warum eine dritte Flasche, wenn zwei gereicht hätten?

Wegen der Fahrrinne. Passiert ein Containerschiff über der Gruppe, kann man nicht auftauchen und muss auf Tiefe warten. Die Stage deckt diesen Fall ab – rechnerisch rund eine halbe Stunde zusätzlicher Aufenthalt auf 20 Metern.

Braucht man für eine Netzbergung eine spezielle Ausbildung?

Die Organisationen, die regelmäßig bergen, bilden dafür aus und verlangen mindestens 60 Tauchgänge, ein Trockentauchbrevet, gültige Tauchtauglichkeit und Versicherung. Ich selbst habe ohne diese Schulung mitgemacht, aber auch nur dokumentiert und nicht am Netz gearbeitet.

Wie stark trübt sich das Wasser wirklich ein?

Genug, dass ein einziger unbedachter Flossenschlag am Grund die Sicht für alle nimmt – und dass eine starke Lampe dann nichts mehr verbessert, sondern zurückstrahlt.


Hinweis. Dieser Beitrag ist ein Erfahrungsbericht, keine Tauchgangsplanung und keine Ausbildungsunterlage. Die genannten Zeiten, Gasmengen und Dekompressionsstufen gelten für diesen einen Tauchgang, diese Ausrüstung und diesen Taucher. Dekompressionstauchgänge setzen eine entsprechende Ausbildung voraus; Tabellenwerte sind der jeweils gültigen Tabelle zu entnehmen und nicht diesem Text. Die rechtlichen Ausführungen ersetzen keine Auskunft der zuständigen Behörde.

Über Divemaster Tom 29 Artikel
Tom führt zu Tauchplätzen, Wracks und Tauchreisezielen und schreibt auf, was man vor Ort wissen muss: Einstieg, Bedingungen, Regeln. Lange Jahre Divemaster, heute SSI Open Water Scuba Instructor und CMAS-Tauchlehrer.

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