Grundzeit

Ein Taucher löst sich vom sandigen Grund und beginnt den Aufstieg; mit diesem Moment endet die Grundzeit.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Die Grundzeit ist die Zeitspanne vom Verlassen der Wasseroberfläche bis zum Beginn des Aufstiegs. Mit ihr rechnet jede Dekompressionstabelle — und sie ist nicht dasselbe wie die Gesamtdauer des Tauchgangs. Wer beides verwechselt, geht mit der falschen Zahl in die Tabelle und liest die falsche Zeile ab. Der Unterschied klingt klein und ist es nicht.

Wann die Uhr läuft

Die GTÜM beschreibt die Zeitkonvention bei der Nullzeit und meint damit dieselbe Messung: „Die Null-Zeit beginnt mit dem Verlassen der Wasseroberfläche und endet mit dem Beginn des Aufstiegs, wenn mit der vorgeschriebenen Auftauchgeschwindigkeit aufgestiegen wird.“

Die Uhr läuft also ab dem Abtauchen — nicht erst, wenn man den Grund erreicht. Das ist der Punkt, an dem sich der Name rächt: „Grundzeit“ klingt nach der Zeit am Grund, gemeint ist aber alles ab dem Moment, in dem der Kopf unter Wasser verschwindet. Der Abstieg zählt voll mit, und er zählt zu Recht mit, denn gesättigt wird ab dem ersten Meter.

Nullzeit und Grundzeit sind dabei nicht dasselbe: Die Nullzeit ist die größte Grundzeit, die in einer bestimmten Tiefe noch ohne Dekompressionsstopp zulässig ist.

Zwei Formulierungen, ein kleiner Unterschied

Die deutschsprachige Wikipedia beschreibt die Grundzeit als „den Zeitraum vom Verlassen der Wasseroberfläche (Abtauchen, Kompressionsphase) bis zum Verlassen der maximalen Tiefe“. Die GTÜM lässt die Zeit mit dem Beginn des Aufstiegs enden.

Bei einem Rechteckprofil fällt beides zusammen. Bei einem Mehrstufenprofil, das erst tief und dann flacher geführt wird, nicht — und genau deshalb unterstellt die Tabelle sicherheitshalber, die gesamte Grundzeit sei in der größten Tiefe verbracht worden. Wikipedia weist darauf ausdrücklich hin. Das ist konservativ und beabsichtigt.

Grundzeit ist nicht Tauchzeit

Die Tauchzeit, die am Ende im Logbuch steht, läuft bis zum Auftauchen. Sie enthält den Aufstieg, den Sicherheitsstopp und alle Dekompressionsstopps. Die Grundzeit enthält nichts davon. Bei einem Tauchgang auf 30 Meter mit 20 Minuten Grundzeit, drei Minuten Sicherheitsstopp und einem ruhigen Aufstieg stehen am Ende leicht 27 oder 28 Minuten im Logbuch — in die Tabelle gehören aber die 20.

Wie gerundet wird

Tabellen sind Raster, und man geht in ein Raster immer auf der sicheren Seite hinein: bei der Tiefe die nächsttiefere Zeile, bei der Grundzeit die nächsthöhere. Wer 23 Minuten getaucht ist und die Tabelle kennt nur 20 und 25, rechnet mit 25. Wer auf 27 Meter war und die Tabelle kennt 24 und 30, rechnet mit 30. Beides führt zu einer höheren angenommenen Belastung als der tatsächlichen — und das ist die Richtung, in die ein Rundungsfehler gehen darf.

Ich bin hier unsicher und sage es: Ob die Tabellenwerke von SSI und CMAS darüber hinaus eine ausdrückliche Vorgabe machen, auf die nächste volle Minute aufzurunden, habe ich nicht am Original geprüft.

Tabellen mischt man nicht

Die GTÜM nennt als gebräuchliche Tabellenwerke Bühlmann, Comex, DECO ’92, NAUI, PADI, YMCA und BS-AC und bescheinigt ihnen ein vergleichbar hohes Sicherheitsniveau — ausdrücklich unter der Bedingung, dass man die jeweils eigenen Rahmenbedingungen einhält. Eine Grundzeit aus der einen Tabelle in die Wiederholungsgruppe einer anderen zu tragen, hält diese Bedingung nicht ein.

Was der Tauchcomputer daraus gemacht hat

Der Computer braucht die Grundzeit als Größe nicht mehr. Er rechnet das reale Profil Sekunde für Sekunde und fällt deshalb regelmäßig günstiger aus als die Tabelle, die das Rechteckprofil unterstellt. Verschwunden ist der Begriff damit nicht:

  • Er ist die Währung der Planung vor dem Tauchgang — Gasbedarf, Nullzeitabschätzung, Umkehrpunkt.
  • Er ist die Rückfallebene, wenn ein Computer ausfällt und der Tauchgang über Tiefenmesser und Uhr zu Ende gebracht werden muss.
  • Er ist die Größe, über die sich ein Team verständigt, bevor jemand ins Wasser geht.

In der Ausbildung unterrichte ich die Grundzeit deshalb weiterhin, auch wenn im Kurs längst jeder einen Computer trägt. Wer nie mit ihr gerechnet hat, versteht nicht, was sein Gerät eigentlich tut — und fällt es aus, hat er kein Ersatzverfahren.

Grundzeit und Wiederholungstauchgang

Beim zweiten Tauchgang des Tages zählt die Grundzeit nicht allein. Sie wird zusammen mit der Oberflächenpause und dem Reststickstoff ausgewertet — in Tabellen über einen Zeitzuschlag oder eine Wiederholungsgruppe. Einzelheiten dazu stehen unter Wiederholungstauchgang.

Häufige Fragen

Zählt der Abstieg zur Grundzeit?
Ja. Die Zeitmessung beginnt mit dem Verlassen der Wasseroberfläche, nicht mit dem Erreichen des Grundes. Der Name führt hier in die Irre; gesättigt wird ab dem ersten Meter, deshalb zählt der Abstieg mit.
Zählt der Sicherheitsstopp zur Grundzeit?
Nein. Die Grundzeit endet mit dem Beginn des Aufstiegs. Sicherheitsstopp und Dekompressionsstopps gehören zur Tauchzeit, die im Logbuch steht, nicht zu der Zahl, mit der man in die Tabelle geht.
Brauche ich die Grundzeit noch, wenn ich einen Tauchcomputer habe?
Für die laufende Berechnung nicht — der Computer rechnet das tatsächliche Profil und fällt dabei meist günstiger aus als die Tabelle mit ihrem unterstellten Rechteckprofil. Für die Planung vor dem Tauchgang und als Rückfallebene bei einem Geräteausfall bleibt sie nützlich.

Quellen

  • GTÜM: Dekompressionstabellen — Zeitkonvention vom Verlassen der Wasseroberfläche bis zum Beginn des Aufstiegs, Liste der gebräuchlichen Tabellenwerke, Hinweis auf die jeweils eigenen Rahmenbedingungen
  • Wikipedia: Grundzeit (Tauchen) — Abgrenzung zur Tauchzeit, unterstelltes Rechteckprofil der Tabellen, Vergleich mit dem Tauchcomputer (Wiki-Quelle, nicht am Original gegengeprüft)