Dehydratation

Ein Taucher trinkt in der Oberflächenpause im Schatten an Deck Wasser aus einer unbedruckten Flasche.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Dehydratation bezeichnet den Wassermangel des Körpers. Im Tauchen gilt sie als Risikofaktor für die Dekompressionskrankheit — und sie ist zugleich der Risikofaktor, über dessen Gewicht sich die Fachwelt am deutlichsten uneinig ist. Umgangssprachlich sagt man meist „Dehydrierung“; in der Chemie bezeichnet dieses Wort etwas anderes, nämlich den Entzug von Wasserstoff.

Warum Taucher überhaupt Flüssigkeit verlieren

Drei Wege wirken zusammen, und alle drei sind dem Tauchen eigen:

  • Immersion. Der Wasserdruck verschiebt Blut aus den Beinen in den Rumpf, der Körper deutet das als Überfluss und scheidet aus. Verstärkt wird das durch Kälte — siehe Kältediurese. Deshalb muss man nach einem Tauchgang oft dringender, als man es an Land täte.
  • Trockenes Atemgas. Luft aus der Flasche ist getrocknet; sie wird in den Atemwegen befeuchtet, und dieses Wasser geht mit jedem Ausatemzug verloren.
  • Schwitzen im Anzug. Der Teil, den man am ehesten unterschätzt, spielt sich an Land ab: fertig angezogen in der Sonne auf das Briefing warten.

Was die Lehrbücher sagen

Das MSD Manual führt „Dehydratation“ in seiner Aufzählung der Risikofaktoren der Dekompressionskrankheit, gemeinsam mit „Tauchgänge bei kalten Temperaturen“, „sportliche Betätigung nach dem Tauchen“, Fatigue, Fliegen nach dem Tauchen, Fettleibigkeit, höherem Alter und kardialen Rechts-Links-Shunts. Als Aufzählung ist das unstrittig. Strittig ist die Gewichtung.

Hier gehen die Quellen auseinander — und das ist der interessante Teil

DAN wird in seinem Kapitel zu den Einflussfaktoren auf die Dekompressionsbelastung ungewöhnlich deutlich: „Dehydration gets a substantial amount of attention in the lay diving community as a risk factor for DCS, but probably more than is warranted.“ Tauchprofil, thermische Belastung und Anstrengung seien „far more important risk factors“. Und: Wer nach einem Zwischenfall Flüssigkeitsmangel feststellt, verwechsle leicht Ursache und Folge — der Flüssigkeitsverlust ist bei einer Dekompressionskrankheit auch deren Folge.

Alert Diver von DAN Europe liest sich anders. Dort steht der Satz von Alessandro Marroni „More water, fewer bubbles“, und die Begründung lautet, gute Hydration verbessere Blutfluss und Gastransport.

Bemerkenswert ist, dass dieselbe Quelle eine Studie anführt, die in die entgegengesetzte Richtung zeigt: Bei Blatteau und Mitarbeitern (2008) saßen die Probanden eine Stunde vor der Kammerexposition (30 msw, 25 Minuten) in der Trockensauna — und danach waren weniger zirkulierende Blasen nachweisbar. Die Deutung dort: Die hitzebedingte Dehydration verringerte die Inertgasaufnahme. Die einfache Erzählung „viel trinken schützt“ trägt damit nicht. Eine weitere Arbeit zur Trinkmenge vor dem Tauchgang (Han und Mitarbeiter, 2021) wird dort in der Literaturliste geführt, im Text aber nicht erläutert; ich habe sie nicht eingesehen.

Alert Diver selbst räumt ein, dass optimale Menge, Zeitpunkt und Häufigkeit der Flüssigkeitsaufnahme unbekannt sind, und dass DAN Europe dazu noch forscht. Das ist der ehrliche Stand: Der Faktor ist plausibel, seine Größe ist es nicht.

Zu viel ist auch nichts

Alert Diver warnt ausdrücklich vor Überhydration, weil sie das Risiko eines Immersionslungenödems erhöht. Das literweise „Vorladen“ vor dem Tauchgang, das man auf Tauchbooten gelegentlich sieht, ist also keine harmlose Vorsichtsmaßnahme.

Was mit besserem Beleg wirkt: Wärme und Anstrengung

Wer den Hebel sucht, findet ihn nicht an der Wasserflasche. DAN beschreibt ein klares Muster: Warm während des Abstiegs erhöht die Gasaufnahme, warm während des Aufstiegs fördert die Abgabe; das „cool-warm pattern“ ist sicherer als das umgekehrte. Alert Diver zitiert dazu die NEDU-Arbeit von Gerth und Mitarbeitern (2007) mit dem Ergebnis, ein um 10 °C wärmerer Aufstieg sei „equivalent to reducing bottom time by 50 %“ — das entspricht einer halbierten Grundzeit.

Bei der Anstrengung ist die Aussage ebenso klar: Arbeit am Grund erhöht die Gasaufnahme deutlich, und nach dem Tauchgang gilt „any exercise, particularly exercise involving high joint forces, should be avoided as long as possible“.

Was ich Tauchschülern dazu sage

Normal trinken über den ganzen Tauchtag, nicht kurz vorher literweise nachladen. Nicht fertig angezogen in der Sonne stehen. Und sich merken, dass der Durst nach dem Tauchgang ein normaler Körpervorgang ist und kein Alarmzeichen. Wer seine Dekompressionsbelastung wirklich senken will, arbeitet an Profil, Wärme, Anstrengung und Oberflächenpause — dort ist die Datenlage besser.

Hinweis: Dieser Eintrag erklärt einen Begriff und ersetzt keine tauchmedizinische Beratung. Wer Vorerkrankungen hat oder Medikamente nimmt, die den Flüssigkeitshaushalt beeinflussen, bespricht das mit einem Tauchmediziner.

Häufige Fragen

Heißt es Dehydratation oder Dehydrierung?
Medizinisch heißt der Wassermangel Dehydratation; so führt ihn auch das MSD Manual. „Dehydrierung“ ist der geläufigere Alltagsausdruck, bezeichnet in der Chemie aber den Entzug von Wasserstoff. Verstanden wird man mit beiden Wörtern.
Soll ich vor dem Tauchgang besonders viel trinken?
Dafür gibt es keine belegte Menge. Alert Diver schreibt ausdrücklich, dass optimale Menge, Zeitpunkt und Häufigkeit unbekannt sind, und warnt zugleich vor Überhydration wegen des Risikos eines Immersionslungenödems. Gleichmäßiges Trinken über den Tag ist der unauffälligere Weg.
Ist Dehydratation eine häufige Ursache der Dekompressionskrankheit?
DAN hält den Faktor für übergewichtet und nennt Tauchprofil, thermische Belastung und Anstrengung als deutlich wichtiger. Hinzu kommt, dass ein Flüssigkeitsdefizit nach einem Zwischenfall auch dessen Folge sein kann und nicht zwingend seine Ursache war.

Quellen