Reststickstoff ist der Anteil des beim Tauchen aufgenommenen Stickstoffs, der nach dem Auftauchen noch über dem Gleichgewicht in den Geweben gelöst ist. Er entscheidet darüber, wie ein Wiederholungstauchgang berechnet werden muss, und er ist der Grund dafür, dass der zweite Tauchgang eines Tages mit einer kürzeren Nullzeit auskommen muss als der erste.
Warum nach dem Auftauchen etwas übrig bleibt
Während des Tauchgangs nimmt der Körper Stickstoff auf, weil der Partialdruck des Stickstoffs im Atemgas mit der Tiefe steigt (Sättigung). Beim Aufstieg kehrt sich der Gradient um, und die Entsättigung beginnt. Sie ist an der Oberfläche aber nicht abgeschlossen. Die Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin (GTÜM) formuliert das nüchtern: Nach jedem Tauchgang verbleibt in den verschiedenen Körpergeweben „eine gewisse Restübersättigung mit N2″. Genau diese Restübersättigung ist der Reststickstoff.
Wichtig für das Verständnis: Reststickstoff ist kein Messwert. Niemand misst am Ausstieg, wie viel Stickstoff noch im Gewebe steckt. Es ist eine Rechengröße aus einem Dekompressionsmodell — beim Bühlmann-Algorithmus etwa der Zustand der sechzehn Kompartimente am Ende des Tauchgangs. Die Zahl, die ein Tauchcomputer daraus macht, ist so gut wie das Modell dahinter und keinen Deut besser.
Wie schnell der Reststickstoff verschwindet
Der Abbau folgt der Halbwertszeit des jeweiligen Kompartiments. Nach einer Halbwertszeit ist die Hälfte des Überschusses weg, nach zweien drei Viertel, nach dreien 87,5 Prozent; die Schweizer Praktikerseite dekostop.ch führt die Leiter bis 98,4 Prozent nach sechs Halbwertszeiten. Da die Kompartimente des ZH-L16 nach derselben Quelle Halbwertszeiten von rund vier bis 635 Minuten tragen, heißt das: Die schnellen Gewebe sind nach einer knappen halben Stunde praktisch fertig, das langsamste braucht mehr als zwei Tage, um denselben Anteil abzubauen.
Dass die Entsättigung nicht gleichmäßig läuft, sagt die GTÜM ausdrücklich: Sie ist „durch erhöhtes N2-Blasenaufkommen in der Lunge besonders während der ersten drei Stunden nach Tauchgangsende verzögert“. Für die vollständige Rückkehr ins Gleichgewicht nennt sie eine Faustzahl, die sich mit der Angabe des Divers Alert Network (DAN) deckt: Von einer kompletten Wiederherstellung könne bei Sporttauchgängen „in der Regel nach einer Tauchpause von 24 Stunden ausgegangen werden“. Der DAN schreibt, der weitaus größte Teil des Inertgases werde innerhalb weniger Stunden abgeatmet und nahezu alles verlasse den Körper eines Sporttauchers „within about 24 hours“.
Reststickstoff in der Tabelle
Tabellenwerke rechnen den Reststickstoff nicht in Litern oder bar, sondern über eine Wiederholungsgruppe: Nach dem ersten Tauchgang liefert die Tabelle aus Tiefe und Grundzeit einen Buchstaben oder eine Kennziffer. Mit der Oberflächenpause wandert man in eine günstigere Gruppe, und mit dieser Gruppe geht man in den nächsten Tauchgang — der dort mit einer verkürzten Nullzeit oder mit einem Zuschlag auf die Grundzeit belegt wird. Die GTÜM begründet das Verfahren so: Tauchgänge „eines nicht komplett entsättigten Tauchers“ müssten hinsichtlich der erforderlichen Dekompression anders berechnet werden.
Die konkreten Buchstaben, Zeitschwellen und Zuschläge sind tabellenspezifisch. Sie lassen sich nicht zwischen Bühlmann, PADI und den übrigen gebräuchlichen Werken übertragen. Als Tauchlehrer sage ich das im Kurs immer zweimal: Man rechnet einen Tauchtag mit einer Tabelle durch, nicht mit zweien.
Reststickstoff im Tauchcomputer
Ein Tauchcomputer führt die Kompartimente an der Oberfläche einfach weiter. Er zeigt den Reststickstoff selten als Zahl, sondern verrechnet ihn direkt in der Nullzeit des nächsten Tauchgangs. Daraus folgen drei Dinge, die in der Praxis regelmäßig schiefgehen:
- Gerätewechsel zwischen zwei Tauchgängen. Ein frisch eingeschalteter oder geliehener Computer kennt den ersten Tauchgang nicht und rechnet mit einem unbelasteten Körper. Der Reststickstoff ist trotzdem da.
- Weitergeben des Geräts. Aus demselben Grund taugt ein Computer nicht für zwei Personen an einem Tag.
- Der zweite Tauchgang ist der tiefere. Verbreitete Praxis ist die umgekehrte Reihenfolge — erst tief, dann flach —, weil das den Reststickstoff berücksichtigt statt gegen ihn zu arbeiten.
Was daraus für den Tauchtag folgt
Reststickstoff ist der gemeinsame Nenner mehrerer Regeln, die im Kurs oft einzeln gelernt werden: die Oberflächenpause, die verkürzte Nullzeit des Wiederholungstauchgangs, der Rat der GTÜM, nach spätestens sechs Tauchtagen einen freien Tag einzulegen, und das Flugverbot nach dem Tauchen. Alle vier laufen auf dieselbe Frage hinaus: Wie viel Stickstoff trage ich noch mit mir, wenn die nächste Druckentlastung kommt?
Der Sicherheitsstopp senkt den Reststickstoff übrigens nur wenig — er wirkt vor allem auf die Blasenbildung. Wer den Reststickstoff wirklich drücken will, verlängert die Oberflächenpause; das ist das Stellrad mit dem größten Hebel.
Quellen
- GTÜM: Dekompressionstabellen — Restübersättigung nach dem Tauchgang, verzögerte Entsättigung in den ersten drei Stunden, 24-Stunden-Faustzahl, Berechnung von Wiederholungstauchgängen
- DAN: Inert Gas Washout — Weg des Inertgases aus dem Gewebe über Blut und Lunge, Zeitrahmen von etwa 24 Stunden
- DAN: Contributing Factors (Decompression Sickness) — Einordnung des Trinkverhaltens
- dekostop.ch: Bühlmann ZH-L16 — Entsättigung — Prozentleiter der Halbwertszeiten, Spannweite der Kompartimente. Praktikerquelle, keine Verbands- oder Buchfundstelle
- CMAS: Bühlmann ZH-L — Aufbau des Modells und Zahl der Kompartimente
