Sauerstoffdekompression

Taucher auf einem flachen Dekompressionsstopp atmet aus einer seitlich geführten Zusatzflasche.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Sauerstoffdekompression bezeichnet das Verfahren, an den Dekompressionsstopps ein sauerstoffreiches Gemisch oder reinen Sauerstoff zu atmen, um die Abgabe des Inertgases zu beschleunigen und die Dekompressionszeit zu verkürzen. Sie gehört zum technischen Tauchen und setzt eine eigene Ausbildung, ein zweites Atemgas und eine geübte Gaswechselprozedur voraus.

Der Mechanismus: ein Atemgas ohne Inertgas

Die Entsättigung läuft über ein Druckgefälle: Solange der Partialdruck des Inertgases im Gewebe höher ist als im Atemgas, wandert Gas aus dem Gewebe ins Blut und von dort in die Lunge. Der DAN beschreibt den Weg schlicht als Umkehrung der Aufnahme — Inertgas wandert „from the body’s tissues into the bloodstream and then into the lungs, where it is exhaled“.

Wer auf einem Stopp Luft atmet, führt mit jedem Atemzug wieder Stickstoff zu und bremst damit sein eigenes Ausgasen. Wer stattdessen ein Gas atmet, das gar keinen oder kaum Stickstoff enthält, macht den Gradienten so groß, wie er auf dieser Tiefe überhaupt werden kann. Das ist der ganze Kerngedanke. Alles andere — Sauerstofffenster, Blasendynamik — kommt obendrauf.

Das Sauerstofffenster (oxygen window), 1967 von Albert R. Behnke benannt, beschreibt den Umstand, dass der Körper Sauerstoff verstoffwechselt und dadurch auf der venösen Seite ein Partialdruckdefizit entsteht, das zusätzlich Inertgas aufnehmen kann. Alert Diver Europe hält fest, höhere Sauerstoffpartialdrücke vergrößerten dieses Fenster. Die Praktikerseite dekostop.ch widerspricht der üblichen Überhöhung allerdings ausdrücklich: Für das technische Tauchen habe das Sauerstofffenster „keine grosse Relevanz“, die Entsättigung laufe über den Gasgradienten. Ich halte diese Einordnung für die ehrlichere — die Sauerstoffdekompression funktioniert schon deshalb, weil kein Stickstoff nachgeliefert wird.

Warum reiner Sauerstoff auf sechs Metern geatmet wird

Die Grenze setzt der Sauerstoffpartialdruck. Die CMAS nennt in ihrem Fact Sheet zur maximalen Tiefe zwei Werte: für das Bodengas höchstens 1,4 bar ppO₂, für Dekompressionsgase höchstens 1,6 bar. Dieselbe Obergrenze von 1,6 bar führt die ISO 11107 für den Ausbildungstauchgang.

Daraus folgt die übliche Tiefe der Sauerstoffstufe unmittelbar. Auf sechs Metern beträgt der Absolutdruck 1 bar + 6 m / 10 m pro bar = 1,6 bar. Wer dort reinen Sauerstoff atmet, steht exakt an der Grenze für Dekompressionsgase; einen Meter tiefer wäre sie überschritten. Das ist eine reine Rechnung aus den beiden genannten Werten — keine Verbandsvorgabe für genau sechs Meter, sondern die Tiefe, die sich aus der Grenze ergibt. Nach der Rundungsregel für Obergrenzen wird hier abgerundet, nicht aufgerundet.

Zwischenstufen werden entsprechend mit Nitroxgemischen belegt — EAN50 etwa an einem Stopp, auf dem reiner Sauerstoff noch zu hoch läge. Die maximale Einsatztiefe jedes einzelnen Dekogases wird dabei einzeln gerechnet.

Wo der Gewinn liegt — und wo die Gefahr

Der Gewinn ist eine kürzere Gesamtdekompressionszeit bei gleichem oder besserem Sicherheitsniveau. Bei längeren Dekompressionsprofilen macht das den Unterschied zwischen einem durchführbaren und einem nicht durchführbaren Tauchgang aus — nicht zuletzt, weil Auskühlung und Gasvorrat mit der Zeit an der Stufe wachsen.

Die Gefahr ist die Hyperoxie. Oberhalb von etwa 1,6 bar ppO₂ droht die zentralnervöse Form der Sauerstoffvergiftung, deren schwerste Ausprägung der Sauerstoffkrampf ist. Ein Krampfanfall unter Wasser bedeutet in aller Regel den Verlust des Atemreglers. Deshalb gilt bei der Sauerstoffdekompression dreierlei:

  • Tiefengenauigkeit. Die Sauerstoffstufe ist keine Zone, sondern eine Tiefe. Wellengang und schlechte Tarierung sind hier ein Sicherheitsproblem, nicht nur ein Schönheitsfehler — eine Leine oder eine Stufe hilft.
  • Gasverwechslung. Der häufigste ernste Fehler ist nicht die Tiefe, sondern der Griff zur falschen Flasche. Jedes Dekogas wird analysiert, beschriftet und beim Wechsel gegen die angezeigte Tiefe gegengeprüft.
  • Expositionsbuchhaltung. Sauerstoff wirkt kumulativ. Die zentralnervöse Belastung führt die CNS-Uhr, die pulmonale die OTU-Rechnung.

Hinzu kommt die Sauerstoffkompatibilität der Ausrüstung: Flasche, Ventil und Atemregler für hohe Sauerstoffanteile müssen dafür vorbereitet und sauber sein.

Ausbildung

Sauerstoffdekompression ist kein Bestandteil der Grundausbildung. Bei TDI ist sie im Kurs Decompression Procedures Diver verortet; dessen Standard begrenzt den Ausbildungstauchgang auf einen „planned stage decompression dive not exceeding a maximum depth of 45 Metres/150 Feet“ und führt als Dekompressionsoptionen ausdrücklich „Air. Nitrox. Oxygen“ auf. Welches Gas ein Taucher tatsächlich führen darf, richtet sich nach seiner jeweiligen Brevetierung.

Hinweis: Dieser Eintrag erklärt ein Verfahren des technischen Tauchens und ersetzt keine Ausbildung. Sauerstoffdekompression ohne entsprechende Qualifikation und ohne geübte Gaswechselprozedur ist gefährlich.

Verkürzt Sauerstoff auch den Sicherheitsstopp beim Sporttauchen?
Der Sicherheitsstopp ist ohnehin freiwillig und kurz; ihn zu verkürzen bringt nichts. Sinnvoll ist Sauerstoff dort, wo echte Dekompressionsverpflichtung besteht — also jenseits der Nullzeit.
Warum nicht einfach schon in größerer Tiefe Sauerstoff atmen?
Weil der Sauerstoffpartialdruck mit der Tiefe steigt. Bei 10 Metern läge er mit reinem Sauerstoff bereits bei 2,0 bar und damit deutlich über der von CMAS und ISO 11107 genannten Grenze von 1,6 bar für Dekompressionsgase. Für tiefere Stopps nimmt man deshalb Nitroxgemische mit geringerem Sauerstoffanteil.
Ist Sauerstoff nach dem Tauchgang an der Oberfläche dasselbe?
Nein. Sauerstoffgabe an der Oberfläche ist eine Erstmaßnahme bei Verdacht auf einen Tauchunfall und gehört in einen ganz anderen Zusammenhang — sie ist Behandlung, nicht Dekompressionsplanung. Die Physik dahinter ähnelt sich, der Anlass nicht.

Quellen