Die äquivalente Narkosetiefe — im Tauchsport fast immer als END nach dem englischen equivalent narcotic depth abgekürzt — ist die Tiefe, in der Luft dieselbe narkotische Wirkung hätte wie das tatsächlich geatmete Gemisch. Sie ist die Kenngröße, mit der beim Trimixtauchen festgelegt wird, wie viel Helium ein Gemisch braucht.
Wozu die END gebraucht wird
Stickstoff wirkt mit steigendem Partialdruck narkotisch. Die CMAS beschreibt den Verlauf in ihrem Fact Sheet zur maximalen Tiefe als progressiv „ab 35 bis 60 m bei Lufttauchgängen, ohne Schwelleneffekt, und systematisch über 60 m“. Wer tiefer will, muss den Stickstoffanteil senken — und da Sauerstoff wegen der Hyperoxie nicht beliebig erhöht werden darf, bleibt nur ein drittes Gas: Helium. Helium gilt als praktisch nicht narkotisch.
Die END beantwortet dann die Frage, die sich der Tauchgangsplaner stellt: Wie tief fühlt sich dieser Tauchgang an? Ein Gemisch für 60 Meter mit einer END von 30 Metern soll den Taucher geistig so klar lassen, wie er es aus 30 Metern mit Luft kennt.
Die Formel
In der gebräuchlichen metrischen Fassung, wie sie die englischsprachige Wikipedia führt, lautet sie:
END = (Tiefe + 10) × (1 − Heliumanteil) − 10
Imperial entsprechend mit 33 statt 10. Ein Beispiel aus derselben Quelle: 60 Meter mit 40 Prozent Helium ergeben eine END von 32 Metern. Ein zweites, gerechnet für ein Trimix 18/45 auf 60 Metern: (60 + 10) × (1 − 0,45) − 10 = 28,5 Meter. Wer sichergehen will, rundet hier auf — eine zu niedrig angesetzte END unterschätzt die Narkose, und bei einer Sicherheitsgrenze rundet man nie zum eigenen Vorteil.
Der Streitpunkt: Zählt Sauerstoff als narkotisch?
Die Formel oben zieht allein das Helium ab. Damit unterstellt sie, dass Sauerstoff genauso narkotisch wirkt wie Stickstoff. Das ist nicht unumstritten. Die englischsprachige Wikipedia ordnet die Verbände so zu: gleich narkotisch wie Stickstoff bei CMAS, GUE und PADI; weniger narkotisch bei PSAI; nicht narkotisch bei BSAC, IANTD, NAUI und TDI. ⚠️ Diese Zuordnung stammt aus der Wikipedia-Darstellung und ist hier nicht gegen die Standards der einzelnen Verbände geprüft worden — wer nach einem bestimmten System taucht, sollte sie im eigenen Kursmaterial nachschlagen.
Praktisch bedeutet der Unterschied: Wird Sauerstoff mitgerechnet, ist die END höher und die Planung konservativer. Wird er herausgerechnet, tritt an die Stelle des Heliumabzugs das Verhältnis des Stickstoffanteils zu 0,79 — die Rechnung fällt dann mit der Formel der äquivalenten Lufttiefe zusammen. Das ist eine eigene Herleitung aus beiden Formeln, keine zitierte Fundstelle.
END, EAD und MOD sind drei verschiedene Dinge
Die drei Kennzahlen werden regelmäßig verwechselt, weil alle drei eine Tiefe in Metern ausgeben:
- END betrifft die Narkose — also den Kopf des Tauchers.
- EAD betrifft die Dekompression — also die Nullzeit und die Stopps.
- MOD betrifft die Sauerstofftoxizität — also die harte Tiefengrenze des Gemischs.
Ein Gemisch kann eine bequeme END haben und trotzdem an der MOD scheitern, und umgekehrt. Alle drei werden getrennt gerechnet, und die MOD gewinnt immer: Sie ist eine Grenze, die anderen beiden sind Planungsgrößen.
Was die END nicht leistet
Sie sagt nichts über die Gasdichte und damit über die Atemarbeit. Die CMAS nennt dafür eine eigene Grenze: Die Dichte des Atemgases soll 9 g/l nicht überschreiten, was bei Luft rund 60 Metern entspricht. Helium senkt beides zugleich — Narkose und Dichte —, das macht es als Beimischung so wertvoll.
Und sie ist keine individuelle Prognose. Der Verlauf ohne Schwelleneffekt bedeutet, dass es keine Tiefe gibt, ab der die Narkose „anfängt“; die Empfindlichkeit schwankt zwischen Personen und zwischen Tagen. ⚠️ Verbreitet ist eine Zielvorgabe von etwa 30 Metern END, doch die genannte Wikipedia-Darstellung hält solche Standardempfehlungen selbst für „basically arbitrary“ — eine verbandsübergreifend belegte Zahl habe ich nicht gefunden. Als Tauchlehrer würde ich deshalb nie sagen: Bis zu dieser END ist alles gut. Ich würde sagen: Diese END ist die, die du dir zutraust, wenn unter Wasser etwas schiefgeht.
Schließlich: Nitrox ist kein Mittel gegen die Narkose. Der Ersatz von Stickstoff durch Sauerstoff verschiebt die Narkosegrenze nicht verlässlich, weil Sauerstoff selbst narkotisch wirkt — genau der Punkt, um den der Streit oben kreist.
Quellen
- Wikipedia: Equivalent narcotic depth — metrische und imperiale Formel, Rechenbeispiel, Zuordnung der Verbände zur Frage der Sauerstoffnarkose, Einordnung der Standardempfehlungen
- CMAS: Max Depth — progressive Narkose ab 35 bis 60 m ohne Schwelleneffekt, Grenze der Gasdichte von 9 g/l
- DAN: Nitrox — zur Frage, ob Nitrox die Narkose verschiebt
- Wikipedia: Equivalent air depth — zur Abgrenzung von der äquivalenten Lufttiefe
