Äquivalente Lufttiefe (EAD)

Zwei Taucher schweben nebeneinander in gleicher Tiefe ueber einem Riffhang, dahinter steigt der Hang ins Flachwasser an.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Die äquivalente Lufttiefe — englisch Equivalent Air Depth, kurz EAD — ist die Tiefe, in der ein Taucher mit Luft denselben Stickstoffpartialdruck einatmen würde wie mit seinem Nitrox-Gemisch in der tatsächlichen Tiefe. Sie übersetzt einen Nitroxtauchgang in einen Lufttauchgang und macht ihn damit für gewöhnliche Lufttabellen rechenbar.

Der Gedanke dahinter

Dekompressionstabellen für Luft sind auf einen Stickstoffanteil von 79 Prozent gerechnet. Nitrox hat weniger davon — EAN32 enthält 68 Prozent Stickstoff, EAN36 nur noch 64. Weil für die Sättigung nicht der Anteil zählt, sondern der Partialdruck, verhält sich der Körper mit Nitrox in 30 Metern so, als wäre er mit Luft in einer geringeren Tiefe unterwegs. Genau diese geringere Tiefe ist die EAD.

Der Ansatz stammt aus der Zeit, in der Nitrox mit Papiertabellen geplant wurde: Statt eigene Nitroxtabellen zu drucken, rechnete man die Tiefe um und benutzte weiter die Lufttabelle. Das Verfahren ist für Modelle vom Haldane-Typ gültig — also für die Rechenverfahren, auf denen die verbreiteten Tabellen beruhen.

Die Formel

EAD = [(1 − FO₂) × (D + 10) ÷ 0,79] − 10

D ist die tatsächliche Tiefe in Metern, FO₂ der Sauerstoffanteil als Dezimalzahl; (1 − FO₂) ist damit der Stickstoffanteil. Der Term (D + 10) macht aus der Tiefe den Absolutdruck in Zehnermetern, die Division durch 0,79 rechnet auf Luft um, und die „− 10“ am Ende führt vom Druck zurück auf die Tiefe. In Füßen gerechnet steht an beiden Stellen 33 statt 10.

SSI führt diese Formel im Nitrox-Schulungsbuch, und sie steht wortgleich in den Formelsammlungen des NOAA-Tauchprogramms. Dass beide unabhängig voneinander dasselbe ergeben, ist der Grund, warum sie hier ohne Vorbehalt steht.

Drei Rechenbeispiele

Gemisch tatsächliche Tiefe Rechnung äquivalente Lufttiefe
EAN32 30 m (0,68 × 40) ÷ 0,79 − 10 24,4 m
EAN36 30 m (0,64 × 40) ÷ 0,79 − 10 22,4 m
EAN36 27 m (0,64 × 37) ÷ 0,79 − 10 20,0 m

Der letzte Fall ist das Standardbeispiel aus der Literatur: Wer mit EAN36 auf 27 Metern taucht, plant nach der Zeile für 20 Meter. Sieben Meter Unterschied bedeuten in jeder Lufttabelle spürbar mehr Grundzeit — das ist der eigentliche Gewinn von Nitrox, und nicht die vielzitierte, nicht belegte geringere Ermüdung.

Wie gerundet wird

Hier liegt ein Fallstrick, der sich lohnt. Bei der maximalen Einsatztiefe wird abgerundet, weil sie eine Obergrenze ist. Bei der äquivalenten Lufttiefe ist es umgekehrt: Sie ist die Tiefe, mit der man in die Tabelle geht, und die sicherere Wahl ist dort immer die nächsttiefere Zeile. Aus 24,4 m wird also nicht 24, sondern die 27-Meter-Zeile, falls die Tabelle in Dreierschritten arbeitet. Dieselbe Grundregel wie bei der MOD, nur andersherum angewandt: Man rundet nie zu seinem eigenen Vorteil.

⚠️ Hier eine offene Frage, die ich nicht abschließend klären konnte: SSI führt im Schulungsbuch eine „Äquivalenztiefentabelle“ und hält zu deren Werten fest, sie seien „auf den nächst niedrigeren, ganzen Zahlenwert abgerundet“. Ob sich das auf die äquivalente Lufttiefe bezieht oder auf die maximale Einsatztiefe, geht aus der Angabe allein nicht hervor. Wer nach einer SSI-Tabelle rechnet, sollte das dort nachschlagen, statt sich auf die Verallgemeinerung zu verlassen.

Was die EAD nicht leistet

Die EAD beantwortet genau eine Frage: die nach dem Stickstoff. Sie sagt nichts über alles Übrige, und dieser Punkt geht im Nitroxkurs regelmäßig unter.

  • Sauerstoff wird getrennt gerechnet. Die EAD wird kleiner, der Sauerstoffpartialdruck aber größer. Die maximale Einsatztiefe ist eine eigene Rechnung mit einer eigenen Grenze, und sie gilt für die tatsächliche Tiefe, nicht für die äquivalente.
  • Die Narkose bleibt, wo sie war. Die Stickstoffnarkose richtet sich zwar auch nach dem Stickstoffpartialdruck, aber Sauerstoff wirkt selbst narkotisch. Ein EAN36-Tauchgang auf 30 Metern ist kein 22-Meter-Tauchgang, was den Tiefenrausch angeht.
  • Ausbildungs- und Ausrüstungsgrenzen zählen weiter. Wer nach SSI-Standard auf 30 Meter begrenzt ist, bleibt es auch dann, wenn die EAD 22 Meter ergibt.
  • Kein Rabatt auf den Aufstieg. Aufstiegsgeschwindigkeit und Sicherheitsstopp bleiben unverändert.

Braucht man das heute noch?

Jeder Nitrox-taugliche Tauchcomputer rechnet unmittelbar mit dem eingestellten Sauerstoffanteil und braucht den Umweg über die Lufttabelle nicht. Trotzdem gehört die EAD in jeden Nitroxkurs, und zwar aus zwei Gründen. Sie ist erstens der Ausweg, wenn der Computer ausfällt und nur eine Lufttabelle zur Hand ist. Und sie ist zweitens die einfachste Art zu verstehen, warum Nitrox längere Nullzeiten erlaubt — nicht, weil es „gesünder“ wäre, sondern weil weniger Stickstoff im Gemisch weniger Stickstoff im Gewebe bedeutet. Wer die Rechnung einmal selbst gemacht hat, stellt seinen Computer danach mit mehr Verständnis ein.

Nicht zu verwechseln ist die äquivalente Lufttiefe mit der äquivalenten Narkosetiefe. Die eine übersetzt in Dekompressionsbelastung, die andere in narkotische Wirkung — beim technischen Tauchen mit Helium ist das der gebräuchlichere Wert.

Warum steht in der Formel ausgerechnet 0,79?
Weil Luft zu 79 Prozent aus Stickstoff besteht und die Lufttabellen darauf gerechnet sind. Die Division durch 0,79 fragt: Bei welchem Absolutdruck hätte Luft denselben Stickstoffpartialdruck wie mein Gemisch hier? Streng genommen enthält Luft neben Stickstoff noch Argon und andere Spurengase; in der Tauchphysik werden sie dem Stickstoff zugeschlagen.
Runde ich die äquivalente Lufttiefe auf oder ab?
Auf die nächsttiefere Tabellenzeile, also nach oben. Anders als die maximale Einsatztiefe ist die EAD keine Obergrenze, sondern der Einstieg in eine Tabelle — und dort ist die tiefere Zeile die konservativere. Aus 24,4 m wird die 27-Meter-Zeile, nicht die 24er.
Gilt die EAD auch für die Tiefengrenze meines Gemisches?
Nein, und das ist der häufigste Fehler. Die Sauerstoffgrenze gilt für die tatsächliche Tiefe. Mit EAN36 auf 30 Metern liegt die äquivalente Lufttiefe bei 22 Metern — der Sauerstoffpartialdruck beträgt dort aber 1,44 bar und ist damit bereits über dem empfohlenen Grenzwert von 1,4 bar. Die EAD entlastet beim Stickstoff, nie beim Sauerstoff.

Quellen