Spannungspneumothorax

Taucher sitzt nach dem Auftauchen mit Atemnot an der Bordwand, eine Hand stuetzt ihn an der Schulter.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Der Spannungspneumothorax ist die lebensbedrohliche Form des Pneumothorax: Luft gelangt über einen Ventilmechanismus in den Pleuraspalt, kann aber nicht mehr entweichen. Der Druck im Brustkorb steigt mit jedem Atemzug, die Lunge wird zusammengedrückt, das Mittelfell zur Gegenseite verschoben und der Blutrückstrom zum Herzen behindert. Unbehandelt endet das im Schock.

Der Ventilmechanismus

Das MSD Manual beschreibt den Spannungspneumothorax als „Ansammlung von Luft im Pleuraraum unter Druck, Kompression der Lunge und abnehmender venöser Rückfluss zum Herzen“. Der Unterschied zum einfachen Pneumothorax liegt allein in diesem Ventil: Bei der Einatmung strömt Luft in den Pleuraspalt, bei der Ausatmung wird die undichte Stelle von innen zugedrückt, und die Luft bleibt drin. Mit jedem Atemzug wird es mehr.

Die Folge ist keine reine Atemstörung, sondern ein Kreislaufproblem. Der steigende Druck im Brustkorb verschiebt das Mittelfell, komprimiert die Lunge der Gegenseite und drückt die großen Venen zusammen, über die das Blut zum Herzen zurückfließt. Deshalb bricht der Kreislauf zusammen, bevor der Sauerstoffmangel es tut.

Warum das Tauchen ihn begünstigt

Am Anfang steht in aller Regel ein Lungenüberdruckunfall. Das MSD Manual nennt als Entstehung „Überdehnung und alveoläre Ruptur“, wenn während eines schnellen Auftauchens der Atem angehalten wird. Aus der gerissenen Lunge tritt Gas in den Pleuraspalt über.

Und dann kommt der Umstand hinzu, der die Sache beim Tauchen besonders macht: Der Aufstieg ist noch nicht zu Ende. Nach dem Gesetz von Boyle-Mariotte dehnt sich das eingeschlossene Gas aus, während der Umgebungsdruck fällt — und zwar relativ am stärksten auf den letzten Metern vor der Oberfläche. Ein Pneumothorax, der in zehn Metern Tiefe entsteht, hat bis zum Auftauchen das doppelte Volumen. Was unter Wasser als beherrschbarer Befund beginnt, kann an der Oberfläche ein Notfall sein.

⚠️ Zur Häufigkeit ist Zurückhaltung geboten: Das MSD Manual hält fest, dass ein Spannungspneumothorax „selten beim Barotrauma“ vorkommt. Er ist also nicht die Regel, sondern der seltene und dann sehr ernste Verlauf.

Woran man ihn erkennt

Die Zeichen nach dem MSD Manual:

  • gestaute Halsvenen und Blutdruckabfall
  • einseitig fehlende Atemgeräusche
  • hypersonorer Klopfschall über der betroffenen Seite
  • Verlagerung der Luftröhre zur Gegenseite — ein spätes Zeichen
  • die betroffene Brustkorbhälfte wirkt „aufgetrieben, gespannt und schlecht komprimierbar“

Beim einfachen Pneumothorax stehen dagegen „Dyspnoe, Brustschmerzen und einseitige Abnahme der Atemgeräusche“ im Vordergrund, ohne die Kreislaufzeichen. Der entscheidende Satz des MSD Manuals lautet, dass der Spannungspneumothorax „durch klinische Befunde diagnostiziert werden“ soll — auf ein Röntgenbild wird nicht gewartet.

Was geschieht

Die Versorgung ist Sache des Rettungsdienstes und der Klinik. Das MSD Manual beschreibt die sofortige Nadeldekompression mit einer „großlumigen Kanüle (z. B. 14 oder 16 Gauge) im zweiten Interkostalraum in der Medioklavikularlinie“ oder alternativ im vierten bis fünften Interkostalraum in der mittleren Axillarlinie; anschließend wird eine Thoraxdrainage gelegt.

Für den Taucher am Unfallort zählt anderes. Die deutsche S2k-Leitlinie „Tauchunfall“ führt den „(Spannungs-)Pneumothorax“ als tauchbedingte Erkrankung, die differentialdiagnostisch zu bedenken ist, und nennt bei schweren Symptomen im ABCDE-Schema ausdrücklich den „Ausschluss/Behandlung eines Spannungspneumothorax“. Sie enthält zudem einen Hinweis, der in der Ersten Hilfe beim Tauchunfall leicht übersehen wird: Beim Masken-CPAP und bei nichtinvasiver Beatmung ist „das Risiko bei v. a. Pneumothorax“ zu beachten — Überdruck von außen kann einen bestehenden Pneumothorax verschlimmern.

Und die Druckkammer?

Hier treffen zwei Behandlungen aufeinander. Ein Tauchunfall mit neurologischen Ausfällen gehört in die Rekompression — ein Pneumothorax dagegen ist ein Befund, der eine Druckkammerbehandlung riskant macht. Die Leitlinie verlangt: „Bei Verdacht auf Pneumothorax soll eine bildgebende Diagnostik erfolgen: Thorax-Röntgen, Sonographie oder Computertomographie“, und nennt als mögliche Maßnahme die Pleuradrainage.

Aus meiner Sicht ist der Grund unmittelbar einsichtig, auch wenn ich ihn so ausformuliert in keiner Leitlinie gefunden habe: In der Kammer schrumpft das Pleuragas beim Aufdrucken — und dehnt sich beim Ausschleusen wieder aus. Ohne Drainage würde die Dekompressionsphase der Behandlung genau den Vorgang wiederholen, der den Spannungspneumothorax erst erzeugt hat. Wie im Einzelfall entschieden wird, entscheidet der Tauchmediziner — nicht der Taucher und nicht dieses Lexikon.

Abgrenzung

Ein und dasselbe Grundereignis — die Ruptur von Lungengewebe unter Überdruck — zeigt sich je nachdem, wohin das Gas ausweicht, in verschiedenen Formen: als Pneumothorax, als Mediastinalemphysem, als Hautemphysem oder als arterielle Gasembolie. Der Spannungspneumothorax ist keine eigene Erkrankung, sondern die Verlaufsform des Pneumothorax, bei der die Luft nicht mehr entweichen kann.

Hinweis: Dieser Eintrag erklärt einen tauchmedizinischen Begriff. Er ersetzt weder eine ärztliche Beurteilung noch eine Erste-Hilfe-Ausbildung. Bei Verdacht auf einen Tauchunfall gilt: Notruf, Sauerstoff, tauchmedizinische Beratung — die aktuellen Notrufnummern stehen in der Kurzfassung der Leitlinie „Tauchunfall“.

Was unterscheidet ihn vom gewöhnlichen Pneumothorax?
Der Ventilmechanismus. Beim einfachen Pneumothorax steht eine bestimmte Menge Luft im Pleuraspalt, beim Spannungspneumothorax kommt mit jedem Atemzug Luft hinzu, ohne dass etwas entweicht. Deshalb treten hier Kreislaufzeichen hinzu — Halsvenenstauung, Blutdruckabfall —, die beim einfachen Pneumothorax fehlen.
Kann er noch unter Wasser entstehen?
Der Lungenriss entsteht beim Aufstieg, wenn Gas nicht entweichen kann. Das Pleuragas dehnt sich danach mit jedem weiteren Höhenmeter im Wasser weiter aus — nach Boyle-Mariotte auf den letzten Metern am stärksten. Die Verschlechterung fällt deshalb oft mit dem Auftauchen oder kurz danach zusammen.
Darf ein Taucher mit Verdacht auf Pneumothorax in die Druckkammer?
Nicht ohne vorherige Abklärung. Die Leitlinie „Tauchunfall“ verlangt bei Verdacht eine bildgebende Diagnostik — Röntgen, Sonographie oder CT — und nennt die Pleuradrainage als mögliche Maßnahme. Die Entscheidung trifft der behandelnde Tauchmediziner.

Quellen