Entsättigung

Taucher hält auf einem flachen Stopp an der Aufstiegsleine seine Position, während Blasen langsam an ihm vorbei zur Oberfläche steigen.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Entsättigung bezeichnet die Abgabe des in Blut und Gewebe gelösten Inertgases, sobald der Umgebungsdruck sinkt. Sie ist der Gegenvorgang zur Sättigung und läuft nach demselben Gefälleprinzip, nur in die andere Richtung. Der Unterschied liegt nicht in der Physik, sondern in der Gefahr: Aufsättigen kann man beliebig schnell, entsättigen nicht.

Derselbe Vorgang, umgekehrtes Gefälle

Bei der Sättigung ist der Inertgaspartialdruck im Atemgas höher als im Gewebe, das Gas wandert hinein. Beim Aufstieg fällt der Umgebungsdruck, und das Vorzeichen dreht sich: Jetzt steht im Gewebe mehr Gas unter Druck, als die Umgebung trägt — der Zustand, den man Übersättigung nennt. Dieses Gefälle treibt das Gas wieder heraus, über das Blut zur Lunge und mit der Ausatemluft nach draußen. Übersättigung ist damit kein Unfall, sondern die Voraussetzung dafür, dass überhaupt entsättigt wird.

Die Praktikerseite dekostop.ch beschreibt Sättigung und Entsättigung als denselben exponentiellen Vorgang unter umgekehrtem Druckgradienten. Rechnerisch gilt deshalb dieselbe Leiter der Halbwertszeiten wie bei der Sättigung — 50, 75, 87,5, 93,75, 96,9 und nach sechs Halbwertszeiten 98,4 Prozent —, nur zählt sie hier nicht das Auffüllen, sondern das Leeren. Ein schnelles Kompartiment mit vier Minuten Halbwertszeit ist damit nach gut zwanzig Minuten weitgehend entsättigt, das langsamste des ZH-L16 mit 635 Minuten erst nach rund 64 Stunden.

Warum sie sich nicht beschleunigen lässt

dekostop.ch benutzt das Bild der zu schnell geöffneten Sprudelflasche: Wird der Druck zu rasch weggenommen, perlt das gelöste Gas aus, statt still über die Lunge abgeatmet zu werden. Deshalb müsse „die Druckentlastung nur ganz langsam geschehen (bis zu unter 10 m/min Aufstiegsgeschwindigkeit auf den oberen 10 Metern)“.

⚠️ Eine einheitliche Aufstiegsgeschwindigkeit gibt es allerdings nicht. Der DAN nennt für die U.S. Navy und die NOAA 30 ft/min, also rund 9 m/min, für die Ausbildungsverbände 30 bis 60 ft/min, also etwa 9 bis 18 m/min. Als Tauchlehrer halte ich die Zahl für zweitrangig: Entscheidend ist, dass der Aufstieg jederzeit kontrolliert ist und in den letzten Metern langsamer wird, weil dort die relative Druckänderung je Meter am größten ist.

Was die Übersättigung begrenzt

Entsättigen heißt nicht, das Gefälle so groß wie möglich zu machen. Jedes Kompartiment verträgt nur einen bestimmten Inertgasüberdruck gegenüber der Umgebung, ohne dass sich freie Blasen bilden. Diese Grenze beschreibt der M-Wert. Bühlmann fasst sie in zwei Koeffizienten je Kompartiment: p(tol) = p(amb) × (1/b) + a. Der Koeffizient a hängt an der Halbwertszeit und trägt eine Druckeinheit, b ist dimensionslos und gibt die Steigung der Geraden an.

Wichtig für das Verständnis ist die Richtung: Schnelle Kompartimente vertragen mehr Übersättigung als langsame. Das ist kein Zufall, sondern der Grund, warum ein Aufstiegsprofil überhaupt funktioniert — die schnellen Gewebe dürfen ein großes Gefälle ausnutzen, die langsamen nicht.

⚠️ Tiefe Stopps beschleunigen die Entsättigung nicht

Lange galt als plausibel, tief eingelegte Stopps würden das Ausperlen bremsen und die Entsättigung glätten. Die Untersuchung des U.S. Navy Experimental Diving Unit (Doolette/Gerth/Gault, TR 11-06, 2011) hat das für Luft- und Nitroxprofile widerlegt: Bei gleicher Gesamtstoppzeit traten unter dem Profil mit tiefen Stopps 11 Fälle von Dekompressionskrankheit auf 198 Tauchgänge auf, unter dem Profil mit flachen Stopps 3 auf 192 (p = 0,030). Die CMAS rät für Luft und Nitrox von tiefen Stopps ausdrücklich ab.

Der Grund liegt in der Sache selbst: Ein tiefer Stopp hält den Umgebungsdruck hoch und damit das Entsättigungsgefälle klein — während die langsamen Kompartimente in dieser Zeit weiter aufsättigen. Man bezahlt also die Schonung der schnellen Gewebe mit einer Mehrbelastung der langsamen.

An der Oberfläche ist sie nicht zu Ende

Wer auftaucht, ist entsättigt bis auf das, was in den langsamen Geweben steckt — und das ist mehr, als die meisten annehmen. Die GTÜM hält fest: „Nach üblichen Sporttauchprofilen ist die N2-Entsättigung durch erhöhtes N2-Blasenaufkommen in der Lunge besonders während der ersten drei Stunden nach Tauchgangsende verzögert.“ Von einer kompletten Wiederherstellung des Gleichgewichts gehe man bei Sporttauchgängen „in der Regel nach einer Tauchpause von 24 Stunden“ aus. Bei mehreren Tauchtagen hintereinander empfiehlt sie, „nach spätestens sechs Tauchtagen einen freien Tag zur kompletten Entsättigung einzulegen“.

Daraus folgt zweierlei: Die Oberflächenpause ist nichts anderes als Entsättigungszeit, und das Flugverbot nach dem Tauchen ist keine Schikane, sondern die Konsequenz daraus, dass in der Kabine der Umgebungsdruck weiter fällt.

Ein Punkt, den Kurse selten nennen

Der Wärmezustand wirkt auf die Entsättigung. Der DAN formuliert es so: Ein relativ warmer Zustand beim Abstieg und in der Tiefe erhöhe die Inertgasaufnahme und wirke „wie ein tieferer und/oder längerer Tauchgang“, während ein relativ warmer Zustand beim Aufstieg und in der Stoppphase die Inertgasabgabe fördere und die Dekompressionsbelastung senke. Praktisch heißt das: nicht überhitzt einsteigen und nicht ausgekühlt dekomprimieren — und den Anzug lieber eine Nummer wärmer wählen, wenn der Aufstieg lang wird.

Kann ich die Entsättigung mit Sauerstoff beschleunigen?
Ja, das ist das Prinzip der Sauerstoffdekompression: Je kleiner der Inertgasanteil im Atemgas, desto größer das Gefälle vom Gewebe zur Lunge. Genau deshalb atmen technische Taucher auf flachen Stopps sauerstoffreiche Gemische, und genau deshalb bekommt ein Tauchunfallpatient Sauerstoff. Die Grenze setzt der Sauerstoff selbst — siehe maximale Einsatztiefe und Hyperoxie.
Warum dauert die Entsättigung länger als die Sättigung?
Rechnerisch tut sie das im Modell ZH-L16 nicht — dieselben Halbwertszeiten gelten in beide Richtungen. Länger dauert sie in der Praxis, weil das Gefälle beim Aufstieg begrenzt werden muss: Der Umgebungsdruck darf nur so schnell fallen, wie die Übersättigungstoleranz es zulässt. Beim Abstieg gibt es keine solche Schranke.
Bin ich nach 24 Stunden sicher entsättigt?
Die GTÜM geht bei üblichen Sporttauchprofilen in der Regel davon aus. „In der Regel“ ist dabei wörtlich zu nehmen: Es ist eine Erfahrungsregel für normale Profile, keine Garantie für lange, tiefe oder mehrtägige Serien. Für den Flug nach dem Tauchen gelten eigene, längere Wartezeiten.

Quellen