Die Halbwertszeit — im Dekompressionsmodell auch Halbsättigungszeit genannt — gibt an, wie lange ein Gewebekompartiment braucht, um die Hälfte des Weges zwischen seinem eigenen Inertgasdruck und dem gerade anliegenden zurückzulegen. Sie ist die Größe, die ein Kompartiment vom anderen unterscheidet, und sie bestimmt, wie schnell ein Gewebe auf- und wieder absättigt.
Was genau halbiert wird
Hier steckt der häufigste Denkfehler. Halbiert wird nicht der Gasgehalt, sondern der Abstand zwischen dem, was im Gewebe steckt, und dem, was anliegt. dekostop.ch schreibt die Sättigungsgleichung des Bühlmann-Modells so:
p = p0 + (pi − p0) × (1 − 2−t/τ)
Dabei ist p der Gewebeinertgasdruck am Ende des Zeitabschnitts, p0 der zu Beginn, pi der eingeatmete Inertgasdruck, t die Zeit in Minuten und τ die Halbwertszeit des Kompartiments. Der Ausdruck 2−t/τ ist der Rest des Abstands, der nach der Zeit t noch übrig ist. Bühlmann hat die Exponentialfunktion über die Basis 2 geschrieben, obwohl Zerfalls- und Wachstumsvorgänge sonst üblicherweise über e beschrieben werden — rechnerisch dasselbe, aber am Modell leichter abzulesen.
Die verkürzte Merkformel „nach einer Halbwertszeit ist das Gewebe zu 50 Prozent gesättigt“ stimmt genau dann, wenn man bei völliger Entsättigung beginnt und der anliegende Druck konstant bleibt. Im echten Tauchgang mit wechselnden Tiefen gilt sie so nicht.
Sechs Halbwertszeiten, dann gilt es als voll
Weil sich der Abstand immer nur halbiert, wird er nie null. Man braucht also eine Konvention. dekostop.ch nennt die gebräuchliche: „Nach insgesamt 6 Halbwertzeiten wird ein Kompartiment als gesättigt bezeichnet (98,4%).“ Die Reihe dorthin ist einfach:
- 1 Halbwertszeit: 50 Prozent
- 2: 75 Prozent
- 3: 87,5 Prozent
- 4: 93,75 Prozent
- 5: rund 96,9 Prozent
- 6: rund 98,4 Prozent
Dasselbe gilt in die andere Richtung: Entsättigung folgt derselben Gleichung, nur mit umgekehrtem Vorzeichen des Gradienten. Manche Modelle weichen davon bewusst ab und rechnen die Entsättigung mit längeren Halbwertszeiten als die Sättigung; Erik C. Baker führt diese „asymmetrischen Halbzeiten“ ausdrücklich als eine der üblichen Methoden auf, ein Modell konservativer zu machen.
Die Spanne im ZH-L16
Der Bühlmann-Algorithmus ZH-L16 arbeitet mit sechzehn Kompartimenten. Ihre Stickstoff-Halbwertszeiten reichen nach dekostop.ch von vier Minuten beim schnellsten bis 635 Minuten beim langsamsten. Für Helium hat Bühlmann die Stickstoff-Halbwertszeiten durch 2,645 geteilt — das Verhältnis der Molekülmassen von Stickstoff zu Helium, wie die CMAS es angibt. Rechnerisch ergibt das eine Spanne von etwa anderthalb bis rund 240 Minuten. Helium sättigt also deutlich schneller auf und wieder ab als Stickstoff.
Die Bandbreite ist der eigentliche Trick des Modells. Sechs Halbwertszeiten des schnellsten Kompartiments sind knapp 24 Minuten; sechs des langsamsten sind rund 3.800 Minuten, also gut zweieinhalb Tage. Ein einziger Rechenansatz deckt damit den kurzen Sprung auf zwölf Meter und die Woche auf einer Tauchsafari ab.
Kompartimente sind keine Organe
Man liest oft, das Vier-Minuten-Kompartiment sei „das Blut“ und das 635-Minuten-Kompartiment „die Sehnen“. Das ist eine Veränschaulichung, keine Zuordnung. Die Kompartimente eines Perfusionsmodells sind Rechengrößen mit unterschiedlichen Zeitkonstanten; sie bilden kein bestimmtes Gewebe ab und wurden auch nie an einem gemessen. Wer sie als Organe liest, wundert sich später, warum sein Computer für „die Muskeln“ etwas anderes anzeigt als sein Empfinden.
Was das in der Praxis bedeutet
Die schnellen Kompartimente bestimmen den kurzen, tiefen Tauchgang und damit die Nullzeit: Sie füllen sich in Minuten und sind es auch, die beim Aufstieg zuerst an ihren M-Wert stoßen. Die langsamen Kompartimente merkt man am zweiten und dritten Tauchtag — sie bauen über die Oberflächenpause kaum ab und sind der Grund, warum Wiederholungstauchgänge kürzere Nullzeiten haben.
Als Tauchlehrer erkläre ich das gern an der Oberflächenpause: Eine Stunde an Deck leert die schnellen Kompartimente fast vollständig und rührt an die langsamen kaum. Deshalb fühlt sich der zweite Tauchgang gleich an, während der Computer eine andere Rechnung aufmacht.
Quellen
- dekostop.ch: Bühlmann ZH-L16 — Inertgassättigung — Definition der Halbwertszeit, die Regel von sechs Halbwertszeiten, Spanne von 4 bis 635 Minuten
- dekostop.ch: Bühlmann ZH-L16 — Sättigungsgleichung — die Gleichung, ihre Variablen und die Wahl der Basis 2
- dekostop.ch: Bühlmann ZH-L16 — eine Einleitung — Zahl der Kompartimente und die Varianten des Modells
- CMAS Fact Sheet: Bühlmann ZH-L — Umrechnung der Halbwertszeiten auf Helium über den Faktor 2,645
- Erik C. Baker: Understanding M-values (PDF) — asymmetrische Halbwertszeiten als Konservatismusmethode
