Der Sauerstoffkrampf ist ein generalisierter Krampfanfall, den ein zu hoher Sauerstoffpartialdruck im Atemgas auslöst. Er ist die schwerste Erscheinungsform der Sauerstofftoxizität des Zentralnervensystems. Unter Wasser ist er lebensgefährlich – nicht weil der Krampf an sich tödlich wäre, sondern weil der Taucher dabei den Atemregler verliert und ertrinkt.
Was ihn auslöst
Nicht ein einzelner Wert, sondern die Dosis. aqua med formuliert es so: Die Wahrscheinlichkeit steigt mit der Gesamtdosis aus Partialdruck und Expositionszeit, und bei Partialdrücken von 1,6 bar und mehr können Vergiftungserscheinungen des zentralen Nervensystems auftreten. DAN Southern Africa nennt als allgemein akzeptierte Obergrenze im Freizeittauchen 1,4 ata. DAN staffelt den Bereich zusammenfassend: bis 1,4 ata grün, zwischen 1,4 und 1,6 ata Vorsicht, oberhalb von 1,6 ata kritisch.
Wie viel Zeit bei welchem Druck als vertretbar gilt, rechnet die CNS-Uhr aus. Sie ist das Planungswerkzeug, der Krampf ist das Ereignis – und der eine folgt nicht zuverlässig aus dem anderen. aqua med weist ausdrücklich darauf hin, dass die individuelle Sauerstofftoleranz von Tag zu Tag schwankt und von körperlicher Verfassung, Schlaf, Flüssigkeitszustand und Belastung abhängt.
Die Zeichen davor
aqua med nennt: Unruhe, Metallgeschmack auf der Zunge, unkontrolliertes Zucken der Gesichtsmuskeln, Tunnelblick, Benommenheit, Übelkeit und schließlich generalisierte Krämpfe. DAN führt zusätzlich Lichtblitze vor den Augen, Ohrgeräusche, Verwirrtheit, Lethargie, Drehschwindel und Muskelzucken besonders an den Lippen auf.
Meine Bewertung dazu, ausdrücklich als solche gekennzeichnet: Die Quellen führen diese Zeichen als Reihe auf, sie versprechen aber nirgends, dass sie dem Krampf immer vorausgehen oder dass ein Taucher sie unter Wasser bemerkt. Ich behandle sie in der Ausbildung deshalb als Glücksfall, nicht als Frühwarnsystem. Wer sie spürt, hat einen Vorsprung; wer sich auf sie verlässt, hat einen Plan mit einer Lücke.
Warum er unter Wasser tödlich ist und in der Kammer nicht
DAN Southern Africa formuliert es unmissverständlich: Bewusstlosigkeit unter Wasser ist gleichbedeutend mit dem Tod, wenn der Betroffene nicht außergewöhnliches Glück hat. Der Mensch atmet, anders als an Land, im Bewusstlosenzustand unter Wasser nicht weiter – der Regler fällt aus dem Mund, und es folgt das Ertrinken.
Der Vergleich mit der Druckkammer macht das anschaulich. Dort wird routinemäßig mit 2 bis 2,8 ata gearbeitet, zulässig sind bis zu 3 ata – also deutlich mehr, als jeder Taucher atmen dürfte. Zwischenfälle sind dort nach DAN Southern Africa trotzdem sehr selten und im Ereignisfall beherrschbar, weil die Umgebung trocken ist, der Patient beobachtet wird und der Atemweg gesichert werden kann. Der Unterschied liegt nicht im Sauerstoff, sondern im Wasser.
Das Dilemma für den Partner
Hier bin ich bewusst zurückhaltend, weil die von mir ausgewerteten Quellen kein Schrittprotokoll hergeben und ich keines erfinde. Was sie festhalten, ist der Konflikt:
- DAN Southern Africa nennt als Hauptrisiko beim Krampfanfall unter Wasser das Luftanhalten während des Anfalls – damit werde ein Lungenüberdruckunfall zu einem hohen Risiko. Ein sofortiger Aufstieg während der Krampfphase ist also nicht folgenlos.
- Umgekehrt verlängert jedes Verweilen auf Tiefe die Sauerstoffexposition, die den Anfall ausgelöst hat.
- Und: Die erste Aufmerksamkeit gehört der Sicherheit des Retters. Ein zweiter Verunglückter hilft niemandem.
Wie dieser Konflikt aufzulösen ist, gehört in die praktische Rettungsausbildung des jeweiligen Verbandes und wird dort mit Handgriffen geübt, die man nicht aus einem Lexikoneintrag lernt. Ich verweise darauf und schreibe hier bewusst keine Anleitung.
Wo er praktisch vorkommt
Nicht beim Nitroxtauchgang innerhalb der maximalen Einsatztiefe – dort ist der Partialdruck begrenzt. Gefährlich wird es, wenn diese Begrenzung ausfällt: beim Unterschreiten der Einsatztiefe mit einem sauerstoffreichen Gemisch, beim Griff zur falschen Dekoflasche und beim Kreislaufgerät, wenn der Sollwert oder die Messzellen nicht stimmen. Allen drei Fällen ist gemeinsam, dass nicht der Sauerstoff versagt hat, sondern die Kontrolle über ihn.
Was ich dagegen setze
Drei Gewohnheiten, die im Kurs nicht verhandelbar sind: Das Gas wird selbst analysiert, nicht abgelesen, was jemand aufgeklebt hat. Die maximale Einsatztiefe wird nach der Analyse am Gerät eingetragen, bevor es ins Wasser geht. Und jede zusätzliche Flasche wird beschriftet und vor dem Wechsel vom Partner gegengelesen. In der Planung arbeite ich mit 1,4 bar als Arbeitswert; den Bereich zwischen 1,4 und 1,6 bar kennzeichnet DAN als Vorsichtsbereich, und alles darüber als kritisch.
Dieser Eintrag erklärt einen tauchmedizinischen Begriff und ersetzt weder eine Ausbildung im Umgang mit sauerstoffangereicherten Gemischen noch eine Rettungsausbildung noch ärztlichen Rat.
Quellen
- aqua med: Sauerstoff – Paul-Bert-Effekt, Symptomreihe, Rolle der Gesamtdosis und die schwankende Toleranz
- DAN: Oxygen Toxicity – Symptomliste und die Staffelung der Partialdruckbereiche
- DAN Southern Africa: Emergency Oxygen and Oxygen Toxicity – die Grenze von 1,4 ata im Freizeittauchen, die Kammerwerte 2 bis 2,8 ata und warum Zwischenfälle dort selten sind
- DAN Southern Africa: Loss of Consciousness – Bewusstlosigkeit unter Wasser, das Barotraumarisiko durch Luftanhalten im Anfall, Eigensicherung des Retters
