Geisternetz

Ein dicht bewachsenes Netzteil steht senkrecht im Wasser, gehalten von den Schwimmern der Kopfleine, im Vordergrund ein Auftriebskörper mit Leinen
Diese Netzteile hängen noch an ihren eigenen Schwimmern: Die Auftriebskörper der Kopfleine ziehen das Netz nach oben – es steht so, wie es beim Fischen stehen soll. Originalzustand, wir haben nichts daran befestigt. Eigenes Standbild aus einer GoPro-Aufnahme.

Ein Geisternetz ist ein Fischernetz, das im Meer verloren gegangen ist oder absichtlich zurückgelassen wurde und dort weiterfängt. Es treibt, sinkt zu Boden oder verhakt sich an Riffen und Wracks — und fängt dabei Fische, Vögel und Meeressäuger, ohne dass jemand die Beute entnimmt. Für Taucher an betauchten Wracks ist es zugleich eine der ernstesten Gefahren, sich zu verfangen.

Der Fachbegriff dahinter: ALDFG

In der Fachliteratur heißen Geisternetze nicht Geisternetze. Die FAO fasst sie unter ALDFG zusammen, „abandoned, lost or otherwise discarded fishing gear“ — aufgegebenes, verlorenes oder anderweitig entsorgtes Fangerät. Der Begriff ist weiter als das Netz: Er schließt Leinen, Reusen, Scherbretter und Bojen ein, also alles, was von einem Fanggang zurückbleibt.

Wie groß der Anteil am Meeresmüll ist, hängt davon ab, wovon man den Anteil nimmt, und die Zahlen gehen weit auseinander. Die FAO nennt grobe Schätzungen von unter zehn Prozent des Volumens des globalen Meeresmülls und hält ausdrücklich fest, dass der Anteil regional stark schwankt: In stadtnahen Küstenbereichen stammt der Müll überwiegend vom Land, in abgelegenen Gebieten häufiger aus Fischerei und Schifffahrt. Der WWF gibt dagegen für neuere Studien 30 bis 50 Prozent an — bezogen auf den Plastikmüll im Meer, nicht auf den Meeresmüll insgesamt. Die beiden Zahlen widersprechen sich also nicht zwingend; sie messen Verschiedenes.

Warum Netze überhaupt verloren gehen

Die FAO nennt Wetter, betriebliche Faktoren und Gerätekonflikte als die wahrscheinlich wichtigsten Ursachen; in einer schwedischen Ostseestudie standen Gerätekonflikte an erster Stelle — Schleppnetze, die über ausgelegte Stellnetze gehen. Dazu kommen die Kosten einer Bergung, illegale Fischerei, Vandalismus und Diebstahl sowie fehlende oder teure Entsorgungsmöglichkeiten im Hafen. Das letzte Argument ist das unangenehmste, weil es sich leicht ändern ließe.

Wie lange sie fischen — und wie lange sie bleiben

Beides sind verschiedene Fragen. Wie lange ein Netz fängt, hängt nach der FAO vom Gerätetyp und den Bedingungen vor Ort ab: Strömung, Tiefe, Lage. Ein gut verankertes Netz kann mit voller Wirksamkeit weiterfischen, vor allem wenn es an Felsen, Korallen oder einem Wrack hängt und sich nur langsam zersetzt. Stellnetze und Reusen gelten als am anfälligsten; zerrissene Netzreste für sich genommen fangen kaum noch. Der WWF beschreibt denselben Mechanismus für die Ostsee: Verlorene Netze fischen „jahrelang ohne jede Kontrolle“ weiter, am Wrack „noch lange nach dem Verhaken“.

Wie lange das Material bleibt, ist eine Frage des Kunststoffs — und auch hier gehen die Angaben auseinander. Die FAO schreibt, moderne Kunststoffe könnten je nach Wasserbedingungen, UV-Einstrahlung und mechanischer Abnutzung „bis zu 600 Jahre“ im Meer bestehen bleiben. Der WWF nennt an einer Stelle 400 bis 600 Jahre, an anderer 400 bis 500. Die Größenordnung ist dieselbe, die genaue Zahl steht nicht fest.

Die Materialgeschichte erklärt, warum das überhaupt ein Problem ist: Vor den 1960er Jahren bestanden Netze nach Darstellung des WWF aus Hanf, Sisal oder Leinen und verrotteten. Seither sind sie aus Polypropylen, Polyethylen und Nylon. Eingearbeitete Bleileinen sind der Grund, warum sich das geborgene Material derzeit nicht recyceln lässt.

Was in der Ostsee geschieht

Der WWF arbeitet seit 2013 in der Ostsee gegen Geisternetze; von 2016 bis 2019 lief dazu das EU-Interreg-Projekt MARELITT Baltic, seit 2021 fördert Mecklenburg-Vorpommern ein Landespilotprojekt. Als größten Einzelerfolg nennt der WWF mehr als neun Tonnen Geisternetze in nur drei Tagen — die größte Menge, die bei einer einzelnen Bergungsfahrt vom Grund geholt wurde.

Gesucht wird nicht auf gut Glück. Das Sonar gilt dem WWF als die wirksamste Methode; in einem Pilotprojekt mit dem Umweltbundesamt wurde eine Meeresfläche von der Größe von „8000 Fußballfeldern“ vor Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein abgesucht. Erst danach gehen Taucher auf die Verdachtspunkte und bestätigen sie. Die Bergung selbst machen eigens dafür ausgebildete Technischtaucher — nach der deutschsprachigen Wikipedia haben Ghost Diving und Healthy Seas auf diesem Weg seit 2013 über 585 Tonnen geborgen.

Was das für den einzelnen Taucher heißt

Ein Geisternetz steht selten flach am Grund. Die Schwimmer der Kopfleine halten es aufrecht, während die Bleileine es unten festhält — es bleibt also genau in der Stellung, in der es fischt, und genau in der, in der ein Taucher hineingerät. Bewachsen ist es nach kurzer Zeit ohnehin, und bei der Sicht, die in der Ostsee üblich ist, sieht man die Maschen erst, wenn man davorsteht.

Als Tauchlehrer rate ich zu drei Dingen. Erstens: ein Wrack, von dem bekannt ist, dass Netze darauf liegen, wird nicht „mal eben“ betaucht. Zweitens: zwei Schneidwerkzeuge an verschiedenen Stellen, ein Tauchermesser und ein Leinenschneider, beide mit Handschuhen erreichbar. Drittens: Ein gefundenes Netz wird gemeldet, nicht geborgen. Wer anfängt zu schneiden, löst Teile, die vorher ruhig lagen.

Darf ich ein gefundenes Geisternetz selbst bergen?
Die organisierten Bergungen werden von eigens dafür ausgebildeten Technischtauchern gefahren, mit Hebebällen, Schneidwerkzeug und einem Boot, das die Last übernimmt. Ein Sporttaucher ohne diese Ausbildung bringt sich in genau die Lage, die er beseitigen will: ein gelöstes Netzteil treibt auf, schlägt um und legt sich um das, was absteht. Melden ist der Beitrag, den jeder leisten kann.
Wie erkenne ich ein Geisternetz, bevor ich hineingerate?
Oft gar nicht — darauf muss man sich einstellen. Hinweise sind senkrecht stehende, dicht bewachsene Gewebeflächen, einzelne Auftriebskörper mit abgehenden Leinen und Scheuerspuren an Aufbauten. An Wracks lohnt der Blick nach oben: Netzteile hängen häufig über Masten und Kränen und damit genau dort, wo ein Taucher aufsteigt.
Woher kommen die Netze in der Ostsee?
Nach der von der FAO zitierten schwedischen Studie stehen Gerätekonflikte an erster Stelle: Ein Schleppnetz geht über ausgelegte Stellnetze und reißt sie mit. Dazu kommen Wetter, betriebliche Ursachen und die Kosten, ein verhaktes Netz zu bergen statt zu kappen. Wracks sind dabei doppelt betroffen, weil Netze an ihnen hängenbleiben und dort nicht mehr freizubekommen sind.

Quellen

Zur Quellenlage: Die Anteilsangaben von FAO und WWF beziehen sich auf verschiedene Bezugsgrößen (Volumen des gesamten Meeresmülls gegenüber Anteil am Plastikmüll) und sind deshalb nicht unmittelbar vergleichbar; beide sind hier ihrer Herkunft zugeordnet. Die Zerfallszeiten nennen FAO und WWF unterschiedlich („bis zu 600 Jahre“ gegenüber 400 bis 600 und 400 bis 500 Jahren). Die Tonnage von Ghost Diving und Healthy Seas stammt aus einem Wiki und ist nicht aus einer Primärveröffentlichung belegt. Die Empfehlungen zum Umgang am Platz sind Tauchlehrererfahrung, keine Quellenangabe.

Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.