Mittelohrbarotrauma

Taucher hält beim Abstieg an der Leine inne und macht in geringer Tiefe Druckausgleich.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Das Mittelohrbarotrauma ist eine Druckschädigung von Trommelfell und Mittelohrschleimhaut. Sie entsteht, wenn der Druck in der luftgefüllten Paukenhöhle beim Abtauchen nicht an den steigenden Umgebungsdruck angeglichen wird. Es ist die häufigste Verletzung im Tauchsport, es trifft fast immer den Abstieg, und die kritischen Meter sind die ersten zehn.

Warum die ersten Meter die kritischen sind

Das Mittelohr ist ein starrer, luftgefüllter Raum hinter dem Trommelfell. Sein einziger Zugang ist die Eustachische Röhre, und die ist im Ruhezustand geschlossen. Beim Abtauchen steigt der Umgebungsdruck, das Gasvolumen im Mittelohr wird kleiner, und das Trommelfell wölbt sich nach innen — so lange, bis Luft aus dem Nasenrachen nachströmt.

Entscheidend ist, wie sich der Druckanstieg über die Tiefe verteilt. Michael Schröckenfuchs hat das auf dem 62. Österreichischen HNO-Kongress 2018 knapp formuliert: „Der stärkste Druckanstieg erfolgt in den ersten 10 m. Der Umgebungsdruck verdoppelt sich von 1 bar auf 2 bar.“ Auf diesen zehn Metern halbiert sich das Gasvolumen; auf den nächsten zehn schrumpft es nur noch um ein weiteres Sechstel. Beschwerden entstehen deshalb nicht in der Tiefe, sondern gleich unter der Oberfläche — Schröckenfuchs nennt bereits rund anderthalb Meter.

Dazu kommt ein mechanisches Problem. Wird der Druckunterschied zu groß, legen sich nach Darstellung von aqua med die Wände der Tube aneinander, und ein Öffnen ist „nicht mehr oder nur sehr erschwert möglich“. Wer den Druckausgleich zu spät versucht, kommt gegen die eigene Anatomie nicht mehr an. Als Tauchlehrer sehe ich diesen Fehler häufiger als jeden anderen: Der Schüler taucht ab und wartet auf den Schmerz, statt vor dem Schmerz auszugleichen.

Was im Mittelohr passiert

Bleibt der Ausgleich aus, folgt eine Kette, die das MSD Manual in dieser Reihenfolge beschreibt: zunächst ein Flüssigkeitstranssudat in die Paukenhöhle, dann Einblutungen in Schleimhaut und Trommelfell, bei großen Druckdifferenzen schließlich Blutungen ins Mittelohr, Trommelfellruptur und Perilymphfistel. Die Tauchersprechstunde beschreibt dieselbe Abfolge aus Sicht des Tauchers: Einwölbung des Trommelfells, Gewebeflüssigkeitsaustritt, Einblutung, Riss mit Wassereintritt.

Leitsymptome sind Schmerz und Schallleitungsschwerhörigkeit. Reißt das Trommelfell, kann kaltes Wasser ins Mittelohr laufen und einen heftigen Drehschwindel auslösen — an Land wäre das unangenehm, unter Wasser ist es gefährlich. Die Tauchersprechstunde nennt daneben ein schmatzendes Geräusch, Luftaustritt aus dem Gehörgang, Blutungen und Tinnitus.

Die Einteilung nach Teed

Für den Trommelfellbefund ist im deutschsprachigen Raum die Einteilung nach Teed gebräuchlich. Schröckenfuchs gibt sie in vier Stadien wieder:

  • Stadium 1: „Retraktion und Rötung epitympanal (nur im obersten Trommelfellanteil).“
  • Stadium 2: „Retraktion und Rötung des gesamten Trommelfells, Ohr sticht.“
  • Stadium 3: wie Stadium 2, zusätzlich „wässrig bis blutiger Paukenerguss, Ohr quietscht oder gluckst“.
  • Stadium 4: „Trommelfellruptur, es pfeift beim Druckausgleich aus dem Ohr.“

Die Tauchersprechstunde verzichtet bewusst auf eine formale Gradeinteilung und beschreibt die Befunde einzeln — Rötung am Hammergriff, Einblutungen, seröse oder blutige Flüssigkeit, Riss. Beide Wege führen zum selben Ergebnis. Die Einteilung ist eine Verständigungshilfe zwischen Arzt und Taucher, keine Therapieanweisung.

Behandlung und Tauchpause

Die Tauchersprechstunde nennt als Maßnahmen Tauchverbot, sterile Abdeckung des Ohres, abschwellende Nasentropfen und Schmerzmittel — ausdrücklich kein Aspirin —, bei Bedarf eine Trommelfellschienung oder eine Operation. Für die Tauchpause staffelt sie: bei einer leichtgradigen Rötung ist Tauchen sofort wieder möglich, bei einer Blutung mindestens ein bis zwei Wochen Pause, nach einem Riss mindestens sechs Wochen.

Das sind Anhaltswerte einer tauchmedizinischen Fachseite, keine Freigabe. Ob ein Trommelfell verschlossen und belastbar ist, entscheidet der Blick durch das Otoskop und nicht der Kalender.

Vorbeugen

Der wirksamste Schutz ist die Reihenfolge: früh ausgleichen, oft ausgleichen, immer vor dem Schmerz. Wer kopfüber abtaucht, macht es sich schwerer; senkrecht an einer Leine mit den Füßen voran lässt sich der Abstieg jederzeit anhalten. Gelingt der Ausgleich nicht, hilft ein halber Meter zurück nach oben mehr als jedes stärkere Pressen. Welche Technik jemand benutzt, ist zweitrangig — Valsalva, Toynbee und die übrigen Verfahren stehen im Eintrag Druckausgleich nebeneinander.

Zu abschwellenden Nasensprays gehen die Empfehlungen auseinander. Das MSD Manual hält prophylaktisches Oxymetazolin 0,05 % zweimal täglich ab zwölf bis vierundzwanzig Stunden vor dem Tauchgang für geeignet, die Häufigkeit zu senken, und rät Menschen mit verstopfter Nase grundsätzlich vom Tauchen ab. Aus meiner Sicht als Tauchlehrer wiegt der zweite Satz schwerer als der erste: Ein Spray, dessen Wirkung noch unter Wasser nachlässt, kann eine Umkehrblockierung beim Aufstieg begünstigen. Das ist meine Einschätzung, keine Leitlinienaussage — im Zweifel setze ich den Tauchgang aus.

Abgrenzung zu anderen Ohrproblemen

Das Mittelohrbarotrauma ist ein Fall des Barotraumas und betrifft den luftgefüllten Raum hinter dem Trommelfell. Davon zu trennen sind zwei Bilder. Beim Innenohrbarotrauma ist das Innenohr selbst geschädigt; typisch sind Schallempfindungsschwerhörigkeit, Tinnitus und anhaltender Schwindel, die nach Darstellung des MSD Manual auch Tage nach dem Tauchgang auftreten und sich beim Heben oder Pressen verschlimmern können. Die Umkehrblockierung ist derselbe Mechanismus mit umgekehrtem Vorzeichen: Luft kommt beim Aufstieg nicht aus dem Mittelohr heraus.

Für die Praxis genügt eine grobe Regel: Schmerz und dumpfes Hören sprechen für das Mittelohr. Drehschwindel und ein Ohrgeräusch, die nach dem Tauchgang bleiben, gehören ärztlich abgeklärt.

Hinweis: Dieser Eintrag erklärt einen tauchmedizinischen Begriff und ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Wer nach einem Tauchgang Ohrbeschwerden hat, sollte einen HNO- oder Taucherarzt aufsuchen — bei Schwindel, Hörverlust oder Ohrgeräusch zeitnah.

Kann ich mit einem geröteten Trommelfell weitertauchen?
Die Tauchersprechstunde hält bei einer leichtgradigen Rötung ein sofortiges Weitertauchen für möglich. Praktisch heißt das aber: Die Rötung ist ein Hinweis, dass der Druckausgleich an diesem Tag nicht gut funktioniert hat. Wer denselben Fehler im nächsten Tauchgang wiederholt, landet beim nächsten Stadium. Ich lasse in so einem Fall lieber einen Tauchgang aus und übe den Ausgleich im Flachen.
Woran erkenne ich, ob es das Mittelohr oder das Innenohr ist?
Sicher lässt sich das nur ärztlich klären. Als Anhaltspunkt: Schmerz und dumpfes, gedämpftes Hören sprechen für das Mittelohr — das ist eine Schallleitungsstörung. Bleibende Ohrgeräusche, ein Hörverlust ohne Verstopfungsgefühl und anhaltender Drehschwindel sprechen für das Innenohr. Nach dem MSD Manual können die Innenohrsymptome erst Tage später auftreten und sich beim Heben oder Pressen verstärken. Das ist der Fall, der zügig zum Arzt gehört.
Hilft abschwellendes Nasenspray vor dem Tauchgang?
Das MSD Manual nennt Oxymetazolin 0,05 %, zweimal täglich ab zwölf bis vierundzwanzig Stunden vor dem Tauchgang, als Möglichkeit, die Häufigkeit zu senken. Es rät zugleich Menschen mit verstopfter Nase vom Tauchen ab. Beides gehört zusammen gelesen: Das Spray macht einen ohnehin schwierigen Tauchgang nicht sicher, sondern verschiebt das Problem oft auf den Aufstieg. Wer regelmäßig Spray braucht, um abtauchen zu können, sollte die Ursache HNO-ärztlich klären lassen.

Quellen