Die Rekompression ist die erneute Druckerhöhung nach einem Tauchunfall, in aller Regel in einer Druckkammer und unter Atmung von reinem Sauerstoff. Sie verkleinert vorhandene Gasblasen, beschleunigt das Auswaschen des Inertgases und verbessert die Sauerstoffversorgung des geschädigten Gewebes. Sie ist die ursächliche Behandlung der Dekompressionskrankheit und der arteriellen Gasembolie.
Was der Druck bewirkt
Drei Wirkungen greifen ineinander. Die erste ist reine Physik: Nach dem Gesetz von Boyle-Mariotte verhält sich das Volumen einer Blase umgekehrt zum Druck. Wer von 100 kPa an der Oberfläche auf die 280 kPa der Standardbehandlung geht, drückt eine Blase rechnerisch auf gut ein Drittel ihres Volumens zusammen. Kleinere Blasen verlegen weniger Gefäße und bieten dem Blut weniger Angriffsfläche.
Die zweite Wirkung ist der Sauerstoff selbst. Wird statt Luft reiner Sauerstoff geatmet, fällt der Inertgasanteil im Atemgas praktisch auf null; das Gefälle zwischen Gewebe und Blut wird so groß wie möglich, und der Stickstoff wird schneller ausgewaschen. Die dritte ist die Versorgung: Gewebe, das hinter einer Blase minderdurchblutet ist, erhält über den physikalisch gelösten Sauerstoff wieder Nachschub.
Behandlungsdruck und Tabellen
Die deutschsprachige S2k-Leitlinie „Tauchunfall“ nennt als Standard-Behandlungstabelle die US Navy Treatment Table 6 mit einem initialen Behandlungsdruck von 280 kPa — das sind 2,8 bar absolut und entspricht einer Wassertiefe von rund 18 Metern. Gehen die Symptome innerhalb der ersten zehn Minuten vollständig zurück, kann nach der Leitlinie auf die kürzere US Navy Treatment Table 5 oder eine entsprechende Tabelle gewechselt werden.
Wann behandelt wird
Die Leitlinie sieht die Indikation bei milden Symptomen dann, wenn diese auch nach 30 Minuten Atmung von 100 Prozent Sauerstoff nicht rückläufig sind. Bei schweren Symptomen besteht sie grundsätzlich. Die erste Behandlung soll so schnell wie möglich erfolgen — und zugleich hält die Leitlinie ausdrücklich fest, dass auch ein verzögerter Beginn, selbst nach Tagen, noch eine Besserung bewirken kann. Beides gehört zusammen: Eile ist geboten, Resignation nie.
Was vor der Kammer kommt
- Sauerstoff, sofort. Die Leitlinie verlangt die sofortige Atmung von 100 Prozent Sauerstoff oder des Atemgases mit dem höchsten verfügbaren Sauerstoffanteil — unabhängig davon, welches Gemisch beim Tauchgang geatmet wurde.
- Flüssigkeit. Bei schweren Symptomen nennt die Leitlinie 0,5 bis 1 Liter Flüssigkeit pro Stunde intravenös, bevorzugt Vollelektrolytlösungen.
- Transport. Eine prinzipielle Präferenz für ein bestimmtes Transportmittel gibt es nicht; maßgeblich ist die Gesamt-Transportzeit, und zwar mit dem schnellsten und zugleich schonendsten Mittel.
Nasse Rekompression: nein
Die Leitlinie ist an diesem Punkt eindeutig: Eine „nasse Rekompression“ — In Water Recompression — soll nicht durchgeführt werden. Sie bleibt professionellen Teams vorbehalten, und auch dort nur, wenn eine Druckkammer nicht innerhalb weniger Stunden erreichbar ist. Das erneute Abtauchen eines Verunglückten durch Sporttaucher ist keine Erstmaßnahme, sondern ein zweiter Notfall in Vorbereitung. Eine Anleitung dazu findet sich hier bewusst nicht.
Was das für die Basis heißt
Als Tauchlehrer interessiert mich an diesem Thema vor allem, was vor der Kammer passiert, denn darauf haben wir Einfluss. Der Sauerstoffkoffer muss gefüllt und auffindbar sein, jemand muss ihn bedienen können, und der Notfallplan muss die zuständige Leitstelle und die tauchmedizinische Beratung benennen. Die Notrufnummern zitiere ich grundsätzlich nicht aus dem Gedächtnis — sie stehen in der Kurzfassung der Leitlinie, und die gehört ausgedruckt in den Ordner der Basis.
Dieser Eintrag erklärt ein tauchmedizinisches Behandlungsverfahren. Er ersetzt weder eine Rettungsausbildung noch ärztliche Beratung und ist keine Handlungsanweisung für den Notfall.
Quellen
- S2k-Leitlinie „Tauchunfall“ (GTaUM, GMS 2023) — Behandlungsdruck 280 kPa, US Navy Table 6 und 5, Indikation, Sauerstoffgabe, Flüssigkeit, Transport, Ablehnung der nassen Rekompression
- Leitlinie Tauchunfall, Kurzfassung (PDF) — Erstmaßnahmen kompakt und die tauchmedizinischen Notrufnummern
