Dekompression bezeichnet die kontrollierte Verringerung des Umgebungsdrucks am Ende eines Tauchgangs. Sie ist kein zusätzlicher Handgriff, sondern die zwangsläufige Kehrseite des Abtauchens: Wer den Druck aufgebaut hat, muss ihn auch wieder abbauen — langsam genug, damit das im Gewebe gelöste Inertgas ausgeatmet werden kann, statt Blasen zu bilden.
Warum Dekompression überhaupt nötig ist
Alle zehn Meter Wassertiefe steigt der Umgebungsdruck um etwa 1 bar. Der Atemregler liefert das Atemgas genau mit diesem Druck, und nach dem Henry-Gesetz löst sich in einer Flüssigkeit umso mehr Gas, je höher dessen Partialdruck über ihr liegt. Blut und Gewebe nehmen deshalb während des Tauchgangs zusätzlichen Stickstoff auf — beim Tauchen mit Pressluft ist er der Hauptanteil des Atemgases und wird vom Körper nicht verstoffwechselt.
Beim Auftauchen kehrt sich das Gefälle um. Der Partialdruck des gelösten Gases im Gewebe liegt nun über dem Umgebungsdruck, und das Gas will heraus. Geschieht das langsam, wandert es über das Blut zur Lunge und wird abgeatmet. Geschieht es zu schnell, fällt es unterwegs als freie Blase aus. Die deutschsprachige Leitlinie „Tauchunfall“ der Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin (GTÜM) beschreibt genau diesen Mechanismus und definiert den Tauchunfall als Ereignis, „hervorgerufen durch Abfall des Umgebungsdruckes beim Tauchen“ (Leitlinie Tauchunfall, S2k, 2023). Sie unterscheidet dabei die Dekompressionskrankheit von der arteriellen Gasembolie und nennt als Größenordnung venöser Gasblasen 19 bis 700 Mikrometer.
Nullzeit und Dekompressionspflicht
Die Nullzeit ist die Zeitspanne, die ein Taucher in einer bestimmten Tiefe verbringen kann, ohne beim Aufstieg zwingend Zwischenstopps einlegen zu müssen. Ihr Wert ist keine Naturkonstante, sondern das Ergebnis eines Rechenmodells: Tauchcomputer und Dekompressionstabellen bilden den Körper als Satz von Geweben mit unterschiedlichen Sättigungsgeschwindigkeiten ab und leiten daraus ab, welcher Aufstieg noch zulässig ist. Verschiedene Modelle — etwa der Bühlmann-Algorithmus oder das RGBM-Modell — kommen für denselben Tauchgang zu unterschiedlichen Werten.
Wird die Nullzeit überschritten, ist der Tauchgang dekompressionspflichtig. Der Aufstieg darf dann nur mit vorgeschriebenen Dekompressionsstopps erfolgen, deren Tiefe und Dauer der Computer oder die Tabelle vorgibt. Das Sporttauchen ist bewusst so angelegt, dass dieser Fall die Ausnahme bleibt: Die Ausbildungsorganisationen empfehlen für Freizeittaucher eine Grenztiefe von 40 Metern und Tauchgänge innerhalb der Nullzeit. Dekompressionspflichtiges Tauchen setzt eigene Ausbildung, redundante Gasvorräte und Planung voraus.
Aufstiegsgeschwindigkeit und Sicherheitsstopp
Der wirksamste Teil der Dekompression ist der langsame Aufstieg selbst. Divers Alert Network (DAN) weist darauf hin, dass US Navy und die US-Behörde NOAA mit 30 Fuß pro Minute rechnen — rund 9 Meter — während die Empfehlungen der Ausbildungsorganisationen zwischen 30 und 60 Fuß pro Minute liegen, also etwa 9 bis 18 Meter. Wer sich an den langsameren Wert hält, liegt in jedem Fall richtig.
Üblich ist zusätzlich ein Sicherheitsstopp von drei Minuten auf fünf Metern. Er ist bei Nullzeittauchgängen nicht rechnerisch vorgeschrieben, sondern eine Vorsichtsmaßnahme, weil im flachen Bereich die relative Druckänderung am größten ist: Von 10 auf 0 Meter halbiert sich der Umgebungsdruck, von 40 auf 30 Meter fällt er nur um ein Fünftel. Diesen Stopp einzuhalten kostet drei Minuten und ist die billigste Sicherheitsreserve, die das Sporttauchen kennt.
Deep Stops: was die Forschung geändert hat
Mitte der 1990er Jahre kam die Idee auf, zusätzliche Stopps bereits auf halbem Weg zur Oberfläche einzulegen — sogenannte Deep Stops. Der Gedanke stammt aus dem Heliumtauchen und wurde von vielen Computerherstellern auf Luft- und Nitroxtauchgänge übertragen. Zahlreiche Ratgebertexte aus den 2000er Jahren geben Deep Stops deshalb bis heute als Sicherheitsgewinn wieder.
Diese Annahme gilt heute als widerlegt. Die US Navy Experimental Diving Unit verglich in einer kontrollierten Studie zwei Aufstiegspläne mit identischer Gesamtstoppzeit von 174 Minuten nach einem Tauchgang auf 170 Fuß mit 30 Minuten Grundzeit. Ergebnis: Bei der Variante mit tiefen Stopps traten 11 Fälle von Dekompressionskrankheit auf 198 Tauchgänge auf, bei der Variante mit dem Schwerpunkt auf flachen Stopps 3 Fälle auf 192 Tauchgänge (Doolette, Gerth und Gault, NEDU-Bericht TR 11-06, 2011). Der Unterschied war statistisch signifikant.
Der Weltverband CMAS zieht daraus eine klare Konsequenz: Deep Stops seien für Tauchgänge mit Stickstoff — also Luft und Nitrox — nicht zu empfehlen und nur beim Tauchen mit Helium sinnvoll; die Funktion solle am Tauchcomputer abgeschaltet werden. Die verbreitete Abstufung der Stopps auf 12, 9, 6 und 3 Meter am Ende eines dekompressionspflichtigen Tauchgangs ist damit nicht gemeint — das sind reguläre Dekompressionsstopps im flachen Bereich und kein Deep Stop.
Dekompression außerhalb des Tauchens
Derselbe physikalische Vorgang betrifft alle Tätigkeiten unter erhöhtem Umgebungsdruck. Druckluftarbeiten im Tunnel- und Schachtbau, Arbeiten in Senkkästen und Einsätze in Druckkammern folgen eigenen Dekompressionsvorschriften. Umgekehrt tritt das Problem auch bei Druckabfall unter den Normaldruck auf, etwa bei Höhenflügen ohne Kabinendruck oder bei Weltraumausstiegen; Astronauten atmen deshalb vor dem Ausstieg über längere Zeit reinen Sauerstoff, um den Stickstoff aus dem Gewebe auszuwaschen.
Quellen
- Leitlinie „Tauchunfall“ (S2k, GMS German Medical Science 2023;21:Doc01) — Definition des Tauchunfalls, Mechanismus der Blasenbildung, Symptomatik und Erstmaßnahmen
- Doolette, Gerth, Gault: NEDU Technical Report TR 11-06 (2011) — die Studie zu tiefen gegenüber flachen Dekompressionsstopps mit den zitierten Fallzahlen
- CMAS: Fact Sheet „Deep Stops“ — Empfehlung des Weltverbands zu Deep Stops bei Stickstoff- und Heliumtauchgängen
- Divers Alert Network: Ascent Rates — Aufstiegsgeschwindigkeiten von US Navy, NOAA und Ausbildungsorganisationen
