Das Innenohrbarotrauma ist eine Verletzung des Innenohrs, die aus einem Druckgefälle zwischen Mittel- und Innenohr entsteht — meist beim Abtauchen, wenn der Druckausgleich nicht funktioniert und dann forciert wird. Typisch sind Hörminderung, Ohrgeräusch und Drehschwindel. Es ist die folgenreichste Form des Barotraumas am Ohr, weil das Innenohr nicht so verlässlich ausheilt wie ein Trommelfell.
Was im Ohr passiert
Die Tauchersprechstunde beschreibt den Weg beim Abtauchen so: Eine nicht durchgängige Ohrtrompete lässt im Mittelohr einen Unterdruck entstehen, das Trommelfell wölbt sich nach innen und lenkt die Gehörknöchelchen aus. Wird der Druckausgleich in dieser Lage forciert, steigt über den Aquaeductus cochleae auch der Druck im Innenohr. Aus dem Zusammentreffen von Drucksteigerung und ausgelenkter Membran kann ein Riss der Rundfenstermembran entstehen, Perilymphe tritt aus, und die Innenohrstrukturen werden unterversorgt. Möglich ist die Schädigung auch ohne Riss — allein durch die schlagartige Membranbewegung und die dabei entstehenden Druckwellen.
Beim Auftauchen kehrt sich die Richtung um. Eine Tubenbehinderung lässt einen Überdruck im Mittelohr stehen; löst er sich plötzlich, wirkt derselbe mechanische Reiz noch einmal. Ist das Rundfenster schon beim Abtauchen eingerissen, kann Luft ins Innenohr gelangt sein, die sich beim Aufstieg ausdehnt.
Das MSD Manual führt daneben die Perilymphfistel durch das runde oder das ovale Fenster auf, die bei erheblichen Druckgradienten entsteht und sich mit Schallempfindungsschwerhörigkeit und Schwindel zeigt.
Woran man es merkt
Nach der Tauchersprechstunde bestehen häufig Hörminderung, ein Ohrgeräusch und Drehschwindel, oft mit Übelkeit; der Schwindel kann massiv sein. Zeichen des Mittelohrbarotraumas treten parallel auf, weil dieselbe Ursache beides erzeugt. Sicher beurteilen lässt sich die Innenohrfunktion nur mit einem Hörtest einschließlich Luft- und Knochenleitung — nicht durch den Blick ins Ohr und erst recht nicht durch Selbsteinschätzung am Beckenrand.
Die Abgrenzung, an der alles hängt
Dieselben Beschwerden macht die Innenohr-Dekompressionskrankheit. Die Tauchersprechstunde nennt als Unterscheidungshilfen: Beim Barotrauma bestehen Druckausgleichsprobleme, der Trommelfellbefund ist auffällig, und flache Tauchgänge genügen. Bei der Dekompressionskrankheit gab es keine Druckausgleichsprobleme, der Trommelfellbefund ist unauffällig, es gehören tiefere Tauchgänge dazu, und häufig kommen andere Zeichen wie Hautjucken oder Gelenkschmerzen hinzu. Auch der Zeitpunkt hilft: Die Innenohr-DCS setzt nach derselben Quelle typischerweise mit einer Latenz von 5 bis 120 Minuten nach dem Auftauchen ein, oft wenn der Taucher schon zusammenpackt.
Trotzdem ist die sichere Unterscheidung im Einzelfall oft nicht möglich. Das ist keine akademische Feinheit, sondern der Kern des Problems.
Warum die Unterscheidung mehr ist als eine Etikettenfrage
Die Innenohr-Dekompressionskrankheit wird mit hyperbarem Sauerstoff behandelt, und zwar so schnell wie möglich. Beim Innenohrbarotrauma sieht die Tauchersprechstunde die hyperbare Sauerstofftherapie dagegen als kontraindiziert an, weil der Druckausgleich während der Kammerfahrt das Innenohr erneut verletzen kann. Derselbe Autor empfiehlt für Zweifelsfälle einen Weg aus dem Dilemma: Druckkammerbehandlung nach vorheriger Parazentese, also nach Eröffnung des Trommelfells, damit das Mittelohr belüftet ist. Das ist die Position dieser Quelle — welchen Weg die behandelnde Klinik geht, entscheidet sie am konkreten Befund.
Behandlung
Die Tauchersprechstunde nennt Kortison, gegebenenfalls die operative Abdichtung der Rundfenstermembran und Schwindeltraining. Zu Fristen für die Rückkehr ins Wasser habe ich in den ausgewerteten Quellen keine belastbare allgemeine Angabe gefunden — ich nenne deshalb keine. Das entscheidet der behandelnde HNO-Arzt, möglichst einer mit tauchmedizinischer Erfahrung.
Was ich in der Ausbildung daraus mache
Der Mechanismus sagt die Vorbeugung von selbst: Wer früh, oft und sanft ausgleicht, kommt gar nicht erst in die Lage, in der ein forciertes Manöver nötig scheint. Drei Regeln, bei denen ich nicht verhandele:
- Vor dem Widerstand ausgleichen, nicht dagegen. Der Ausgleich beginnt an der Oberfläche und wird alle paar Zentimeter wiederholt — nicht erst, wenn es drückt.
- Bei Widerstand anhalten und ein Stück auftauchen, dann erneut versuchen. Ein Valsalva gegen ein verschlossenes Ohr ist genau das Manöver, das den Schaden setzt. Die Übersicht der Techniken steht im Eintrag Druckausgleich.
- Mit Erkältung wird nicht getaucht. Abschwellende Nasenmittel verschieben das Problem nur — wenn sie unter Wasser nachlassen, sitzt man in der Umkehrblockierung.
Und der wichtigste Punkt für den Ernstfall: Schwindel, Hörminderung oder ein neues Ohrgeräusch nach einem Tauchgang sind keine Sache fürs Abwarten bis Montag. Wegen der Verwechslungsgefahr mit der Dekompressionskrankheit gehören sie noch am selben Tag ärztlich abgeklärt, und beim Anruf gehört das Tauchprofil dazu.
Dieser Eintrag erklärt einen tauchmedizinischen Begriff und ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder Behandlung.
Quellen
- Die Tauchersprechstunde: Barotrauma des Innenohrs — Entstehung über den Aquaeductus cochleae, Rundfensterruptur, Symptome, Hörtest, Kortison und operative Abdichtung, Kontraindikation der HBO, Unterscheidungshilfen zur DCS
- Die Tauchersprechstunde: Innenohr-DCS — Latenz von 5 bis 120 Minuten, Drehschwindel als häufigstes Zeichen, Parazentese im Zweifelsfall
- MSD Manual, Profi-Ausgabe: Barotrauma der Ohren — Perilymphfistel durch rundes oder ovales Fenster, Schallempfindungsschwerhörigkeit und Schwindel, operativer Verschluss
