Innenohrbarotrauma

Hörprüfung in einer schallgedämmten Kabine: Eine Person mit Audiometrie-Kopfhörern hält den Signalknopf in der Hand.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Das Innenohrbarotrauma ist eine Verletzung des Innenohrs, die aus einem Druckgefälle zwischen Mittel- und Innenohr entsteht — meist beim Abtauchen, wenn der Druckausgleich nicht funktioniert und dann forciert wird. Typisch sind Hörminderung, Ohrgeräusch und Drehschwindel. Es ist die folgenreichste Form des Barotraumas am Ohr, weil das Innenohr nicht so verlässlich ausheilt wie ein Trommelfell.

Was im Ohr passiert

Die Tauchersprechstunde beschreibt den Weg beim Abtauchen so: Eine nicht durchgängige Ohrtrompete lässt im Mittelohr einen Unterdruck entstehen, das Trommelfell wölbt sich nach innen und lenkt die Gehörknöchelchen aus. Wird der Druckausgleich in dieser Lage forciert, steigt über den Aquaeductus cochleae auch der Druck im Innenohr. Aus dem Zusammentreffen von Drucksteigerung und ausgelenkter Membran kann ein Riss der Rundfenstermembran entstehen, Perilymphe tritt aus, und die Innenohrstrukturen werden unterversorgt. Möglich ist die Schädigung auch ohne Riss — allein durch die schlagartige Membranbewegung und die dabei entstehenden Druckwellen.

Beim Auftauchen kehrt sich die Richtung um. Eine Tubenbehinderung lässt einen Überdruck im Mittelohr stehen; löst er sich plötzlich, wirkt derselbe mechanische Reiz noch einmal. Ist das Rundfenster schon beim Abtauchen eingerissen, kann Luft ins Innenohr gelangt sein, die sich beim Aufstieg ausdehnt.

Das MSD Manual führt daneben die Perilymphfistel durch das runde oder das ovale Fenster auf, die bei erheblichen Druckgradienten entsteht und sich mit Schallempfindungsschwerhörigkeit und Schwindel zeigt.

Woran man es merkt

Nach der Tauchersprechstunde bestehen häufig Hörminderung, ein Ohrgeräusch und Drehschwindel, oft mit Übelkeit; der Schwindel kann massiv sein. Zeichen des Mittelohrbarotraumas treten parallel auf, weil dieselbe Ursache beides erzeugt. Sicher beurteilen lässt sich die Innenohrfunktion nur mit einem Hörtest einschließlich Luft- und Knochenleitung — nicht durch den Blick ins Ohr und erst recht nicht durch Selbsteinschätzung am Beckenrand.

Die Abgrenzung, an der alles hängt

Dieselben Beschwerden macht die Innenohr-Dekompressionskrankheit. Die Tauchersprechstunde nennt als Unterscheidungshilfen: Beim Barotrauma bestehen Druckausgleichsprobleme, der Trommelfellbefund ist auffällig, und flache Tauchgänge genügen. Bei der Dekompressionskrankheit gab es keine Druckausgleichsprobleme, der Trommelfellbefund ist unauffällig, es gehören tiefere Tauchgänge dazu, und häufig kommen andere Zeichen wie Hautjucken oder Gelenkschmerzen hinzu. Auch der Zeitpunkt hilft: Die Innenohr-DCS setzt nach derselben Quelle typischerweise mit einer Latenz von 5 bis 120 Minuten nach dem Auftauchen ein, oft wenn der Taucher schon zusammenpackt.

Trotzdem ist die sichere Unterscheidung im Einzelfall oft nicht möglich. Das ist keine akademische Feinheit, sondern der Kern des Problems.

Warum die Unterscheidung mehr ist als eine Etikettenfrage

Die Innenohr-Dekompressionskrankheit wird mit hyperbarem Sauerstoff behandelt, und zwar so schnell wie möglich. Beim Innenohrbarotrauma sieht die Tauchersprechstunde die hyperbare Sauerstofftherapie dagegen als kontraindiziert an, weil der Druckausgleich während der Kammerfahrt das Innenohr erneut verletzen kann. Derselbe Autor empfiehlt für Zweifelsfälle einen Weg aus dem Dilemma: Druckkammerbehandlung nach vorheriger Parazentese, also nach Eröffnung des Trommelfells, damit das Mittelohr belüftet ist. Das ist die Position dieser Quelle — welchen Weg die behandelnde Klinik geht, entscheidet sie am konkreten Befund.

Behandlung

Die Tauchersprechstunde nennt Kortison, gegebenenfalls die operative Abdichtung der Rundfenstermembran und Schwindeltraining. Zu Fristen für die Rückkehr ins Wasser habe ich in den ausgewerteten Quellen keine belastbare allgemeine Angabe gefunden — ich nenne deshalb keine. Das entscheidet der behandelnde HNO-Arzt, möglichst einer mit tauchmedizinischer Erfahrung.

Was ich in der Ausbildung daraus mache

Der Mechanismus sagt die Vorbeugung von selbst: Wer früh, oft und sanft ausgleicht, kommt gar nicht erst in die Lage, in der ein forciertes Manöver nötig scheint. Drei Regeln, bei denen ich nicht verhandele:

  • Vor dem Widerstand ausgleichen, nicht dagegen. Der Ausgleich beginnt an der Oberfläche und wird alle paar Zentimeter wiederholt — nicht erst, wenn es drückt.
  • Bei Widerstand anhalten und ein Stück auftauchen, dann erneut versuchen. Ein Valsalva gegen ein verschlossenes Ohr ist genau das Manöver, das den Schaden setzt. Die Übersicht der Techniken steht im Eintrag Druckausgleich.
  • Mit Erkältung wird nicht getaucht. Abschwellende Nasenmittel verschieben das Problem nur — wenn sie unter Wasser nachlassen, sitzt man in der Umkehrblockierung.

Und der wichtigste Punkt für den Ernstfall: Schwindel, Hörminderung oder ein neues Ohrgeräusch nach einem Tauchgang sind keine Sache fürs Abwarten bis Montag. Wegen der Verwechslungsgefahr mit der Dekompressionskrankheit gehören sie noch am selben Tag ärztlich abgeklärt, und beim Anruf gehört das Tauchprofil dazu.

Dieser Eintrag erklärt einen tauchmedizinischen Begriff und ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder Behandlung.

Quellen

Ist Schwindel nach dem Tauchgang immer ein Innenohrbarotrauma?
Nein, und das ist der gefährliche Punkt. Dieselben Beschwerden macht die Innenohr-Dekompressionskrankheit, die völlig anders behandelt wird. Nach der Tauchersprechstunde sprechen Druckausgleichsprobleme, ein auffälliger Trommelfellbefund und ein flacher Tauchgang eher für das Barotrauma, ein unauffälliges Trommelfell nach tieferem Tauchgang mit weiteren Symptomen eher für die DCS. Sicher unterscheiden lässt sich beides oft nicht — deshalb gehört die Beurteilung zum Arzt und nicht ins Logbuch.
Darf ich mit einem Innenohrbarotrauma in die Druckkammer?
Die Tauchersprechstunde hält die hyperbare Sauerstofftherapie beim reinen Innenohrbarotrauma für kontraindiziert, weil der Druckausgleich während der Kammerfahrt das Innenohr erneut verletzen kann. Für Zweifelsfälle, in denen eine Dekompressionskrankheit nicht auszuschließen ist, empfiehlt dieselbe Quelle die Behandlung nach vorheriger Parazentese. Entschieden wird das in der Klinik am Befund, nicht vorab.
Warum schadet ein kräftiges Valsalva ausgerechnet dann, wenn nichts aufgeht?
Weil der Druck dann nicht dorthin geht, wo er hin soll. Bleibt die Ohrtrompete verschlossen, erreicht das Manöver das Mittelohr nicht — der Druck pflanzt sich nach der Tauchersprechstunde über den Aquaeductus cochleae ins Innenohr fort, während das Trommelfell bereits nach innen gewölbt ist und die Gehörknöchelchen ausgelenkt sind. Genau diese Kombination lässt die Rundfenstermembran reißen. Kraft ersetzt hier keine Durchgängigkeit.