Abblasen (englisch free flow) bezeichnet den unkontrollierten, selbsttätigen Austritt von Atemgas aus einem Atemregler, der ohne Einatmen des Tauchers weiterläuft und sich nicht von allein wieder beruhigt.
Der Begriff meint im Regelfall die zweite Stufe, an der das Gas hörbar und sichtbar ausströmt. Auslösen kann ihn aber auch die erste Stufe. Ein abblasender Automat ist kein Ausfall: Er liefert weiter Gas, und zwar mehr als nötig. Das Problem ist nicht der fehlende Atemzug, sondern die Geschwindigkeit, mit der sich die Flasche leert.
Wie es dazu kommt
Ein Atemregler der zweiten Stufe öffnet, wenn der Unterdruck beim Einatmen die Membran nach innen zieht und diese über einen Hebel das Ventil aufdrückt. Abblasen heißt: Dieses Ventil bleibt offen, obwohl niemand einatmet.
Der häufigste Grund im kalten Wasser ist Vereisung. Beim Entspannen des Gases von Flaschendruck auf Mitteldruck kühlt die erste Stufe stark ab; das umgebende Wasser kann an ihr gefrieren und die Mechanik in geöffneter Stellung blockieren. Dann strömt Gas mit vollem Mitteldruck nach, und die zweite Stufe bläst ab, ohne selbst defekt zu sein. Ausführlich steht das im Eintrag Vereisung.
Ein von DAN dokumentierter Fall zeigt, wie schnell das geht: Bei 1,6 °C Wassertemperatur und 3,3 °C Lufttemperatur begann der Automat in rund sieben Metern Tiefe zu pfeifen, danach strömte das Gas unkontrolliert aus — die erste Stufe war anschließend vollständig mit Eis überzogen. Der Taucher wechselte auf seinen zweiten Automaten und stieg auf. DAN weist in der Auswertung ausdrücklich darauf hin, dass auch Wasser über dem Gefrierpunkt gefährlich ist, weil die Abkühlung aus der Gasentspannung selbst kommt und nicht aus der Wassertemperatur.
Unabhängig von der Temperatur kommen weitere Ursachen in Betracht:
- Zu hoher Mitteldruck durch Verschleiß am Ventilsitz der ersten Stufe. Die zweite Stufe hält dem Druck nicht mehr stand und öffnet von selbst.
- Zu empfindlich eingestellte zweite Stufe. Wer den Venturi-Hebel beim Einstieg auf der tauchbereiten Stellung lässt, unterstützt den Gasstrom schon beim ersten Kontakt mit dem Wasser.
- Anströmung. Ein Mundstück, das mit der Öffnung gegen die Strömung oder gegen die Fahrtrichtung liegt, kann durch den Wasserdruck auf die Membran öffnen. Das passiert typischerweise beim Sprung ins Wasser und bei schnellem Vorankommen mit dem Automaten in der Hand.
- Verschmutzung. Ein Sandkorn oder eine Ablagerung auf dem Ventilsitz hält das Ventil einen Spalt offen.
- Beschädigte Membran oder gealterte Dichtungen nach zu langen Wartungsintervallen.
Was unter Wasser zu tun ist
Die wichtigste Nachricht zuerst: Aus einem abblasenden Automaten lässt sich atmen. Man nimmt ihn in den Mund, ohne die Lippen fest zu schließen, und trinkt gewissermaßen das Gas ab, das vorbeiströmt — der Überschuss läuft seitlich ab, statt in den Rachen gedrückt zu werden. Diese Fertigkeit wird in der Grundausbildung geübt, und wer sie einmal im Becken gemacht hat, gerät im Ernstfall nicht in Verlegenheit.
Der Ablauf danach ist immer derselbe: Partner informieren, Aufstieg einleiten, Tauchgang beenden. Ein Freiflow beruhigt sich unter Wasser normalerweise nicht mehr, und der Vorrat schwindet um ein Vielfaches schneller als beim Atmen. Wie viel Zeit bleibt, hängt vom Restdruck ab — planbar ist es nicht.
Wer mit einem Gerät mit zwei getrennten Abgängen unterwegs ist, hat eine zusätzliche Möglichkeit: den betroffenen Abgang absperren und am zweiten Automaten weiteratmen. Genau dafür ist diese Konfiguration im kalten Wasser vorgesehen. Bei einem einzelnen Abgang entfällt diese Option; dort ist der Zweitautomat des Partners die Rückfallebene — im DAN-Fall war es der eigene Reserveautomat, der den Tauchgang rettete.
Als Tauchlehrer lege ich Wert darauf, dass diese Übung nicht nur einmal im Pool vorkommt. Der Reflex, den Automaten auszuspucken, wenn plötzlich Gas ins Gesicht schießt, sitzt tief — und er ist der eigentliche Grund, warum ein an sich harmloses Ereignis gefährlich werden kann.
Wie man es vermeidet
Im kalten Wasser hängt fast alles an der Ausrüstung und an der Handhabung vor dem Tauchgang. Kaltwassertaugliche Atemregler sind darauf ausgelegt, die Vereisung zu verzögern; sie ersetzen aber nicht den sorgsamen Umgang. DAN formuliert es als Grundsatz: Beim Tauchen im Kaltwasser muss sichergestellt sein, dass Atemregler und übrige Ausrüstung für diese Umgebung geeignet sind.
Der Automat wird trocken gehalten, bevor er ins Wasser kommt, und nicht an Land bei Minusgraden probegeatmet — Feuchtigkeit aus der Atemluft, die im Gehäuse gefriert, ist eine der häufigsten selbst verursachten Ursachen.
Dazu kommen die Kleinigkeiten: den Venturi-Hebel beim Einstieg in die Vortauchstellung bringen und erst unter Wasser umlegen, den Automaten beim Sprung mit der Hand sichern, das Mundstück nicht gegen die Anströmung halten und die Wartungsintervalle des Herstellers einhalten.
Abblasen an der ersten Stufe
Bläst nicht die zweite Stufe, sondern hörbar die erste Stufe ab, entweicht das Gas über deren Überdruckventil. Das ist ein Hinweis auf einen zu hohen Mitteldruck und gehört in die Werkstatt, nicht in den nächsten Tauchgang. Auch hier gilt: Der Tauchgang wird beendet.
Häufige Fragen zum Abblasen
Siehe auch: Atemregler · Lungenautomat · Ausatemventil · Vereisung
Quellen und weiterführende Links
- DAN: Frigid Waters Cause Regulator To Ice — der Fallbericht mit 1,6 °C Wassertemperatur, vollständig vereister erster Stufe und dem Wechsel auf den Reserveautomaten
- DAN World: Five Lessons for Cold-Water Diving — Ausrüstungswahl und Handhabung im Kaltwasser
- DAN Southern Africa: Avoiding Panic After Regulator Failure — warum die geübte Reaktion wichtiger ist als das Ereignis selbst
