Die Nullzeit ist die maximale Grundzeit, die in einer bestimmten Tiefe verbracht werden darf, ohne dass beim Aufstieg Dekompressionsstopps zwingend werden. Sie ist keine Eigenschaft des Wassers, sondern das Ergebnis einer Modellrechnung — und deshalb zeigen zwei Tauchcomputer nebeneinander nur selten dieselbe Zahl.
Woher die Zahl kommt
Ein Dekompressionsalgorithmus rechnet während des Tauchgangs für jedes Kompartiment mit, wie viel Inertgas es aufgenommen hat. Die Nullzeit ist die Zeit, die bleibt, bis das führende Kompartiment bei einem direkten Aufstieg an die Oberfläche seinen erlaubten Grenzwert überschreiten würde. Sie ist damit keine gemessene, sondern eine gerechnete Größe — und sie hängt an jeder Annahme, die in dieser Rechnung steckt.
Warum jeder Computer eine andere Nullzeit zeigt
Der DAN führt das in seinem Beitrag „A Critical Look at No-Decompression Limits“ auf drei Ursachen zurück: unterschiedliche Modelle und Algorithmen, unterschiedliche Konservatismus-Einstellungen und Gradientenfaktoren am Gerät sowie unterschiedliche Atemgase. Nullzeitgrenzen beruhen, so der DAN, auf mathematischen Modellen und nicht auf kontrollierten Studien. Zwei Taucher, die denselben Tauchgang machen und verschiedene Zahlen sehen, haben also nicht einer von beiden ein defektes Gerät — sie sehen zwei Rechenergebnisse.
Ein Zahlenbeispiel aus der Tabelle
Wer mit der Tabelle plant, liest die Nullzeit in der Zeile der nächsttieferen Stufe ab. Taucherpedia führt das für die DECO 2000 vor: Für eine geplante Tiefe von 19 Metern wird die Zeile für 21 Meter genommen, und dort steht eine Nullzeit von 31 Minuten. Eine Grundzeit von 25 Minuten bleibt darunter, so dass nur der Sicherheitsstopp bleibt. Der Tauchcomputer rechnet dieselbe Frage stufenlos und laufend neu — die Tabelle rundet zu Ihren Ungunsten, der Computer rechnet Ihr tatsächliches Profil.
Was die Nullzeit nicht ist
Sie ist keine Grenze zwischen sicher und unsicher. Der DAN formuliert das deutlich: Die Dekompressionskrankheit ist ein Wahrscheinlichkeitsereignis, und um jede Nullzeitgrenze bleiben „Fehlerbalken“, innerhalb derer das Risiko mit der Nähe zur Grenze steigt. Der Autor berichtet zugleich, dass viele behandelte Taucher überzeugt waren, mit der Einhaltung der Nullzeit sei das Risiko null gewesen. Als grobe Orientierung nennt der Beitrag, dass bei Ausnutzung von höchstens der Hälfte der zulässigen Grundzeit das Risiko eines direkten Aufstiegs vernachlässigbar sei.
Manche Geräte ziehen daraus selbst Konsequenzen: Der DAN erwähnt Computermodelle, die den Sicherheitsstopp von drei auf fünf Minuten oder mehr verlängern, sobald der Taucher bis auf fünf Minuten an die Nullzeit herankommt oder tiefer als 100 Fuß — rund 30 Meter — taucht.
Der Repetitivtauchgang
Nach dem ersten Tauchgang ist die Nullzeit des zweiten kürzer, weil das Inertgas aus dem ersten noch nicht vollständig abgegeben ist. In der Tabellenlogik wird dieser Reststickstoff als Zeitzuschlag auf die Grundzeit angerechnet; der Computer führt ihn ohnehin fortlaufend mit. Wer den zweiten Tauchgang mit der Nullzeit des ersten plant, plant falsch.
Wie ich damit umgehe
Die Nullzeit ist für mich eine Planungsgröße, kein Ziel. Ein Tauchgang, der auf null Minuten Restnullzeit endet, war entweder falsch geplant oder unaufmerksam getaucht. Wer konservativer unterwegs sein will, senkt beide Gradientenfaktoren gemeinsam ab — die CMAS empfiehlt für Luft und Nitrox GF Low gleich GF High — statt sich auf die Zahl in der Anzeige zu verlassen. Und der Sicherheitsstopp gehört auch dann dazu, wenn die Nullzeit nie knapp wurde.
Quellen
- DAN: A Critical Look at No-Decompression Limits — warum Nullzeiten sich unterscheiden, Fehlerbalken und Wahrscheinlichkeitscharakter, verlängerte Sicherheitsstopps
- Taucherpedia: Nullzeit — Definition, Tabellenbeispiel DECO 2000 mit 31 Minuten auf 21 Metern, Zeitzuschlag beim Wiederholungstauchgang
- CMAS: Gradient Factors — Einstellempfehlung für Luft und Nitrox
