Isobare Gegendiffusion

Taucher an einer senkrecht ins Dunkle abfallenden Steilwand in großer Tiefe
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Die isobare Gegendiffusion bezeichnet die gegenläufige Ein- und Ausdiffusion zweier Inertgase bei gleichbleibendem Umgebungsdruck. Sie kann dazu führen, dass die Menge gelösten Gases im Gewebe steigt und Blasen entstehen, obwohl der Taucher weder aufsteigt noch abtaucht. Bedeutsam wird sie beim Wechsel zwischen heliumhaltigen und stickstoffhaltigen Gemischen. Die englische Abkürzung lautet ICD.

Zwei Gase, zwei Geschwindigkeiten

Der ganze Effekt hängt daran, dass Helium und Stickstoff sich unterschiedlich verhalten. Helium diffundiert schneller – in der Literatur wird der Faktor 2,65 genannt, was dem Umrechnungsfaktor 2,645 entspricht, mit dem CMAS in der Notation nach Bühlmann die Halbwertszeiten für Helium ansetzt. Stickstoff ist dafür deutlich besser löslich: dekostop nennt ein Verhältnis von rund 4,47, Steve Burton rechnet mit Löslichkeiten von 0,015 für Helium und 0,067 für Stickstoff, also etwa dem 4,5-fachen.

Daraus folgt der unangenehme Fall: Wechselt man von einem heliumhaltigen auf ein stickstoffhaltiges Gemisch, strömt der Stickstoff in ein Gewebe hinein, aus dem das Helium noch nicht heraus ist. Beide Gase sind gleichzeitig unterwegs, in entgegengesetzter Richtung – daher der Name. Der Umgebungsdruck bleibt dabei unverändert, daher „isobar“.

Die zwei Formen nach Lambertsen

  • Oberflächliche Gegendiffusion (superficial, steady state): Das eingeatmete Inertgas diffundiert langsamer ein, als das Gas der Umgebung durch die Haut eindringt. Der klassische Fall ist das Atmen von Luft in einer Heliox-Atmosphäre; beschrieben sind Hautquaddeln. Harvey berichtete 1977 von Juckreiz, gefolgt von Gelenkschmerzen.
  • Tiefe Gegendiffusion (deep tissue, transient): Sie entsteht bei aufeinanderfolgenden Gaswechseln. Das schneller diffundierende Gas dringt rascher ein, als das langsamere entweicht – das Gewebe wird übersättigt.

Für Taucher ist die zweite Form die relevante. Die erste betrifft im Wesentlichen Sättigungstaucher in einer Gasatmosphäre.

Das Rechenbeispiel, das den Punkt macht

Steve Burton rechnet einen Wechsel von Trimix 20/25 auf Nitrox 32 in 40 Metern durch. Bei 5 bar Absolutdruck sieht das so aus:

  • vorher: Stickstoff 55 Prozent → 2,75 bar, Helium 25 Prozent → 1,25 bar
  • nachher: Stickstoff 68 Prozent → 3,4 bar, Helium 0

Gewichtet man das mit den Löslichkeiten, ergibt sich vorher (2,75 × 0,067) + (1,25 × 0,015) = 0,203 und nachher (3,4 × 0,067) = 0,228. Die gelöste Gesamtmenge steigt – bei gleicher Tiefe, ohne jede Druckänderung. Der Wechsel auf das vermeintlich harmlosere Gas erhöht die Belastung.

Warum ausgerechnet das Innenohr

Doolette und Mitchell haben 2003 im Journal of Applied Physiology ein Modell beschrieben, nach dem die Gasspannung im Innenohr nach einem Wechsel von Helium auf Stickstoff vorübergehend ansteigt und dort Blasen entstehen können. Diese Arbeit stand mir für den Eintrag nicht im Volltext zur Verfügung – ich gebe sie nach Sekundärquellen wieder und kennzeichne das ausdrücklich.

Was die Anfälligkeit des Innenohrs angeht, ist die Lage besser belegt. Das StatPearls-Kapitel zur Innenohr-Dekompressionskrankheit von Boyd und Wray beschreibt, dass Gasblasen in den endolymphatischen und perilymphatischen Räumen ausfallen können, und nennt eine Untersuchung, nach der 81 Prozent der Patienten mit Innenohr-DCS einen Rechts-Links-Shunt aufwiesen gegenüber 25 Prozent in der Kontrollgruppe. Das ist der Brückenschlag zum persistierenden Foramen ovale. Die Symptome treten typischerweise innerhalb von 30 Minuten nach dem Auftauchen auf: Drehschwindel, Ataxie, Übelkeit und Erbrechen, dazu Ohrgeräusch und Hörminderung. Die Abgrenzung zum Innenohrbarotrauma ist schwierig, weil die Beschwerden ähnlich sind; entscheidend sind Tauchprofil und Zeitpunkt.

Die Faustregeln – und was sie sind

In der Praxis kursieren vier Regeln:

  • Die Partialdrücke sämtlicher Inertgase sollen über den Aufstieg hinweg kontinuierlich abnehmen.
  • Der Stickstoffpartialdruck soll beim Gaswechsel möglichst konstant bleiben; dekostop nennt höchstens 0,3 bar Zunahme.
  • Die Fünftelregel nach Steve Burton (2004, überarbeitet 2011): Der Stickstoffanteil darf höchstens um ein Fünftel dessen steigen, um das der Heliumanteil sinkt – also ein Prozentpunkt Stickstoff je fünf Prozentpunkte Helium. Nach dieser Regel wäre der oben gerechnete Wechsel unzulässig: 25 Prozentpunkte weniger Helium erlauben 5 Prozentpunkte mehr Stickstoff, tatsächlich sind es 13.
  • Lambertsen: kein heliumreiches Gas atmen, wenn man mit Stickstoff gesättigt ist; ein Wechsel von Helium auf Stickstoff nur unter Rekompression. Doolette und Mitchell empfehlen, Gaswechsel entweder tief oder flach zu legen und den höchsten sicher vertretbaren Sauerstoffpartialdruck zu nutzen.

⚠️ Wichtig zur Einordnung: Die Fünftelregel stammt von einem Praktiker, nicht von einer Leitlinie und nicht von einem Ausbildungsverband. Burton gibt selbst an, sie habe sich über Hunderte tiefer Trimix-Tauchgänge bewährt und sage historische Fälle zutreffend vorher, räumt aber ein, dass eine formale Behandlung ein komplexeres Modell erfordern würde. Sie ist eine brauchbare Planungsschranke, keine validierte Norm. Wer nach einem Verbandsstandard taucht, richtet sich nach dem seines Verbandes – ich vermische die Vorgaben von SSI, CMAS, TDI und GUE hier ausdrücklich nicht.

Wen das betrifft

Sporttaucher mit Luft und Nitrox praktisch gar nicht: Wo nur ein einziges Inertgas im Spiel ist, gibt es nichts, was gegeneinander diffundieren könnte. Bedeutsam wird die isobare Gegendiffusion, sobald Helium dazukommt und im Aufstieg das Gas gewechselt wird – also im technischen Tauchen mit Trimix, beim Kreislaufgerät mit wechselndem Verdünnungsgas und beim Sättigungstauchen.

Als Tauchlehrer halte ich es für den wichtigsten Satz dieses Eintrags, dass ein Gaswechsel keine reine Sauerstofffrage ist. Man wählt das Dekogas nach dem Sauerstoffpartialdruck aus – und muss dann prüfen, was dabei mit den beiden Inertgasen passiert.

Dieser Eintrag erklärt einen tauchmedizinisch und dekompressionstheoretisch begründeten Begriff. Er ersetzt keine Trimix-Ausbildung und keinen ärztlichen Rat.

Quellen

Betrifft mich das als Sporttaucher mit Nitrox?
Nein. Isobare Gegendiffusion setzt zwei Inertgase voraus, die gegeneinander unterwegs sind. Wer mit Luft oder Nitrox taucht, hat nur Stickstoff im Gewebe; ein Wechsel von Nitrox 32 auf Nitrox 50 ändert den Stickstoffanteil in nur eine Richtung, nämlich nach unten. Zum Thema wird es erst mit Helium im Gemisch.
Warum trifft es so oft das Innenohr?
Zwei Dinge kommen zusammen. Das Innenohr ist ein kleiner, schlecht durchbluteter Raum, in dem Blasen in der Endo- und Perilymphe ausfallen können; und nach dem Modell von Doolette und Mitchell steigt dort die Gasspannung nach einem Helium-Stickstoff-Wechsel vorübergehend an. Dazu kommt der Shunt: Das StatPearls-Kapitel nennt 81 Prozent Rechts-Links-Shunts bei Betroffenen gegenüber 25 Prozent in der Kontrollgruppe. Wer beides hat, ein PFO und einen ungünstigen Gaswechsel, trägt zwei Risiken gleichzeitig.
Ist die Fünftelregel verbindlich?
Nein, und das sollte man wissen, bevor man sie zitiert. Sie stammt von Steve Burton, einem Praktiker, und nicht von einer Leitlinie oder einem Ausbildungsverband. Burton selbst schreibt, eine formale Behandlung des Problems bräuchte ein komplexeres Modell. Als Planungsschranke ist sie nützlich, weil sie einfach zu rechnen ist und historische Fälle zutreffend einordnet. Als Standard gilt sie nicht – maßgeblich bleibt, was der eigene Verband für Gaswechsel vorschreibt.