Der Siebenarmige Krake auf einen Blick
- Art: Haliphron atlanticus, Familie Alloposidae. Ein gallertartiger Krake des offenen Meeres und die größte bekannte Krakenart.
- Sieben Arme? Nein, acht. Beim Männchen liegt der Begattungsarm in einem Sack beim rechten Auge eingerollt — deshalb sieht man nur sieben.
- Größe: Das größte vermessene Tier, ein unvollständiges Weibchen aus Neuseeland, hatte 2,90 Meter Gesamtlänge und 61 Kilogramm. Hochrechnungen reichen bis 4 Meter und 75 Kilogramm. Männchen werden nur rund 20 bis 30 Zentimeter lang.
- Nahrung: Quallen, Staatsquallen und Salpen. Belegt durch Mageninhalte und durch Unterwasservideos des Forschungsinstituts MBARI.
- Selten gesehen: MBARI ist dem Tier in fast 40 Jahren Tiefseeforschung nur viermal begegnet, zuletzt im November 2025 in rund 700 Metern Tiefe.
- Schutzstatus: Auf der Roten Liste der IUCN als nicht gefährdet eingestuft (Least Concern, 2014).
Der Siebenarmige Krake ist ein Tier, über das mehr geschrieben als beobachtet wurde. Er lebt im offenen Ozean, meist Hunderte Meter tief, und die meisten Exemplare, die Forscher je in der Hand hatten, kamen tot aus Schleppnetzen oder trieben an der Oberfläche. Trotzdem ist er ein Rekordhalter: Kein anderer bekannter Krake wird so groß.
Bekannt geworden ist er in den letzten Jahren durch wenige Sekunden Video. Die Aufnahmen zeigen einen gallertartigen Riesen, der eine Qualle mit seinen Armen umschließt wie mit einem Schirm — und sie beantworten eine Frage, die lange offen war: Was frisst ein so großes Tier in einer Tiefe, in der es kaum etwas zu fressen gibt?
Acht Arme, von denen man beim Männchen sieben sieht
Der Name ist ein Beobachtungsfehler, der hängen geblieben ist. Haliphron atlanticus hat wie alle Kraken acht Arme. Bei den Männchen ist aber einer davon zum Hektokotylus umgebildet, dem Arm, mit dem das Sperma übertragen wird. Dieser Arm liegt eingerollt in einem Sack in der Nähe des rechten Auges. Wer ein Männchen betrachtet, zählt deshalb sieben Arme.
Bei der Paarung löst das Männchen den Hektokotylus samt Spermatophore vollständig ab und heftet ihn am Weibchen an. Die Weibchen zeigen alle acht Arme — und sie sind es, die den Rekord halten. Der Größenunterschied zwischen den Geschlechtern ist enorm: Männchen werden nach Angaben von MBARI und anderen Quellen nur etwa 21 bis 30 Zentimeter lang, Weibchen erreichen mehrere Meter.
Im Deutschen hat sich kein einheitlicher Name durchgesetzt. Man liest „Siebenarmiger Krake“, „Siebenarmiger Oktopus“ oder „Siebenarmkrake“ — gemeint ist immer dieselbe Art.

Ein Riese aus Gallert: der Fund vor Neuseeland
Das Tier, auf dem der Größenrekord beruht, kam am 26. Oktober 2001 an Bord des neuseeländischen Forschungsschiffs Tangaroa. Es wurde östlich des Chatham Rise aus 920 bis 922 Metern Tiefe gezogen, bei einer Wassertemperatur am Grund von 6 Grad. In einem Bericht des neuseeländischen Instituts NIWA beschrieb der Kopffüßerforscher Steve O’Shea ein Weibchen mit einer Mantellänge von 0,69 Metern, einer Gesamtlänge von 2,90 Metern und einem Gewicht von 61 Kilogramm.
Das Entscheidende steht in einer Klammer seines Berichts: Das Exemplar war unvollständig. O’Shea schätzte, dass es intakt noch einen halben bis einen Meter länger gewesen wäre. Daher stammen die Angaben, die heute in fast jedem Artikel stehen — bis zu 4 Meter Gesamtlänge und bis zu 75 Kilogramm. Beides sind Hochrechnungen, keine Messwerte. O’Shea ordnete den Fund 2004 in einer Fachveröffentlichung als möglicherweise größtes bekanntes Exemplar der Art und aller Kraken überhaupt ein.
Mit einem gewöhnlichen Kraken hat das Tier wenig gemein. Das Gewebe ist gallertartig, der Mantel kurz und breit, der Kopf breit, und zwischen den Armen spannt sich eine Schirmhaut. Das ist ein Körperbau für das Schweben im freien Wasser, nicht für das Kriechen über Felsen. Genetische Untersuchungen haben 2017 Hinweise ergeben, dass sich hinter dem Namen Haliphron atlanticus möglicherweise mehr als eine Art verbirgt.
Quallen als Grundnahrung: was die Tiefseevideos zeigen
Das Monterey Bay Aquarium Research Institute, kurz MBARI, erforscht die Tiefsee vor Kalifornien seit Jahrzehnten mit ferngesteuerten Tauchrobotern. 2017 veröffentlichten Henk-Jan Hoving und Steven Haddock in der Fachzeitschrift Scientific Reports die erste Beschreibung dieses Kraken mit Beute. In 27 Jahren hatten die Roboter das Tier genau dreimal gesehen: zweimal im Monterey Canyon und einmal vor Hawaii.
Die aufschlussreichste Begegnung stammt vom Juli 2013. Ein großes Weibchen hielt eine Spiegeleiqualle (Phacellophora camtschatica) in den Armen, der bereits der Magen, die Mundarme und die meisten Tentakel fehlten. Der Krake umschloss den Schirm der Qualle mit Armen und Saugnäpfen und hatte ihn von außen durchbissen — sein Schnabel war zeitweise in der Mitte der Schirmunterseite zu sehen. Ein zweites Tier hielt ebenfalls eine gelbliche Masse in den Armen, die sich aber nicht bestimmen ließ.
Die Videos allein hätten wenig bewiesen. Den Ausschlag gaben gefangene Exemplare: Bei fünf untersuchten Tieren fanden die Forscher im Kropf und im Magen Reste gallertartiger Beute — Mundarme von Schirmquallen, Kranzquallen, Teile von Staatsquallen und Salpenketten. Dazu passt der Stoffwechsel: Die Art hat eine sehr niedrige massenspezifische Stoffwechselrate, vergleichbar mit der mancher Quallen. Ein Riese, der wenig Energie braucht, kann von Beute leben, die wenig Energie liefert, aber in der Tiefe reichlich vorhanden ist.
Am 6. November 2025 gelang MBARI die vierte Begegnung. Der Tauchroboter Ventana traf in rund 700 Metern Tiefe in der Monterey Bay auf ein Tier, das die Forscher für ein Männchen etwa von der Größe eines Footballs hielten. Es hielt eine rote Kronenqualle (Periphylla periphylla) fest. MBARI beschreibt, dass der Krake zuerst das Gewebe des Schirms frisst und die nesselnden Tentakel hinter sich herzieht — und deutet das als mögliche Nutzung der Nesselfäden zur Abwehr. Belegt ist diese Deutung nicht; sie ist die naheliegende Erklärung für ein Verhalten, das bisher nur auf wenigen Videosekunden zu sehen ist.

Wo er lebt und wer ihn frisst
Die Art ist weltweit verbreitet. MBARI nennt tropische und gemäßigte Gewässer und einen Tiefenbereich von der Oberfläche bis etwa 1.200 Meter; der FAO-Artenkatalog spricht von der Oberfläche bis mindestens 1.260 Meter im offenen Ozean und von Grundschleppnetzfängen an Kontinentalhängen zwischen 100 und über 3.000 Metern. Die Nachweise reichen weit nach Norden: In Norwegen wurden Tiere vor der Küste und in Fjorden in 100 bis 210 Metern Tiefe gefangen, ein totes Exemplar lag am Ufer südlich von Bergen.
So selten der Krake lebend beobachtet wird, so regelmäßig taucht er in Mägen auf. Hoving und Haddock nennen ihn im Nordatlantik eine wichtige Beute von Pottwalen, Schwertfischen und Blauhaien. Ein Beispiel liefert ein bei Penzance in Cornwall gestrandeter Pottwal, dessen Mageninhalt 1997 beschrieben wurde: Unter den Kopffüßern darin machte Haliphron atlanticus nach Anzahl 3,6 Prozent aus. Damit schließt sich die Nahrungskette, die die Videos angedeutet haben — von der Qualle über den Kraken zum Wal.
Weibchen betreiben Brutpflege: Sie tragen die Eier, die etwa 8 Millimeter lang werden, an der Mundseite an der Basis der Arme. Vor Hawaii wurde ein großes, brütendes Weibchen aus einem Tauchboot in 270 Metern Tiefe beobachtet. Die Rote Liste der IUCN führt die Art seit ihrer Bewertung im August 2014 als nicht gefährdet.
Kann ein Sporttaucher ihm begegnen?
Sehr selten, aber es ist passiert. Am 8. September 2023 fotografierte der Unterwasserfotograf Eric Askilsrud an der Küste des US-Bundesstaats Washington, bei Tongue Point in der Salish Sea, einen Siebenarmigen Kraken in nur 3 Metern Tiefe. Das Tier trieb regungslos im Kelp, die Arme nach unten. Bestimmt wurde es von einem Meeresbiologen der University of Washington. Neun Tage später filmte Cam Polglase ein Exemplar bei Victoria in British Columbia, 37 Kilometer entfernt.
Häufiger sind Strandfunde: Ende August 2025 lag ein junges Weibchen von 120 Zentimetern Länge an einem Strand in British Columbia, Ende November 2025 wurden Armreste an der Küste Schottlands gefunden. Das Foto oben zeigt ein Weibchen, das im Oktober 2000 vor Faial auf den Azoren an der Oberfläche trieb. Solche Tiere sind in aller Regel krank, geschwächt oder bereits tot, wenn sie in Taucherreichweite geraten.
Für Taucher gilt deshalb dasselbe wie bei jedem ungewöhnlichen Fund: nicht anfassen, fotografieren, Maßstab ins Bild, Ort, Tiefe und Uhrzeit notieren — und die Aufnahmen einer meereskundlichen Einrichtung oder einem Naturkundemuseum zukommen lassen. Bei einer Art, die von einem der bestausgestatteten Tiefseeinstitute der Welt in fast 40 Jahren viermal lebend gesehen wurde, ist jede gut dokumentierte Sichtung ein Beitrag zur Forschung.
Häufige Fragen zum Siebenarmigen Kraken
Siehe auch: Oktopus: Sinneswunder der Meere · Biolumineszenz in der Tiefsee · Mein erster Nachttauchgang
Quellen und weiterführende Links
- Hoving & Haddock (2017): The giant deep-sea octopus Haliphron atlanticus forages on gelatinous fauna. Scientific Reports 7: 44952 – ROV-Beobachtungen, Beute, Mageninhalte, Stoffwechsel, Fressfeinde, Hektokotylus
- MBARI: A giant deep-sea octopus is a sucker for jellies (2017) – drei Sichtungen in 27 Jahren, Fressweise
- MBARI: Researchers encounter rarely seen deep-sea seven-arm octopus (Dezember 2025) – Sichtung vom 6. November 2025, Kronenqualle, vier Begegnungen
- MBARI: Seven-arm octopus (Artenseite) – Größe, Verbreitung, Tiefenbereich, Deutung der Tentakelnutzung
- O’Shea (2002): Haliphron atlanticus – a giant gelatinous octopus. NIWA Biodiversity Update 5 – Messdaten des Exemplars vom 26. Oktober 2001
- O’Shea (2004), New Zealand Journal of Zoology 31(1): 7–13 – erster gesicherter Nachweis im Südpazifik, Einordnung als möglicherweise größtes bekanntes Exemplar
- Tree of Life Web Project: Haliphron atlanticus – Körperbau, Größe der Männchen, Brutpflege, Eigröße
- SeaLifeBase: Haliphron atlanticus – Verbreitung und Tiefenbereich nach FAO-Katalog, IUCN-Status
- Lima et al. (2017), Check List 13(1) – genetische Hinweise auf mehr als eine Art
- Bakken & Holthe (2002), Fauna norvegica 22 – Nachweise in Norwegen
- Clarke & Pascoe (1997), Journal of the Marine Biological Association of the UK 77 – Kopffüßer im Magen eines Pottwals
- Live Science: Sichtungen in der Salish Sea (September 2023) – Begegnung in 3 m Tiefe
- The Marine Detective: Strandfund in British Columbia (2025) – junges Weibchen, 120 cm
- IUCN Red List: Haliphron atlanticus – Least Concern, Bewertung vom 20. August 2014
