Ein von der NOAA veranstalteter Workshop hat im März 2025 die Einwirkzeiten für einen eingeatmeten Sauerstoffpartialdruck von 1,3 atm neu gefasst: statt 180 Minuten je Tauchgang und 210 Minuten je Tag nun bis zu vier Stunden Arbeitsphase plus bis zu vier Stunden Ruhephase. Für alle anderen Partialdrücke ändert sich nichts, die Empfehlung betrifft nur die Sauerstoffvergiftung des Zentralnervensystems, und das NOAA Diving Manual ist noch nicht geändert.

Vergleich der zulässigen Einwirkzeit bei 1,3 bar: NOAA 1991 mit 210 Minuten je 24 Stunden gegenüber der Neufassung 2025 mit 240 Minuten Arbeit plus 240 Minuten Ruhe
Die Tagesgrenze bei 1,3 bar: alt und neu. Die Neufassung gilt ausschließlich für diesen einen Partialdruck.

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English version: Oxygen at 1.3 atm — the revised CNS exposure limits (PDF, two A4 pages, 9 kB)

Die englische Fassung gibt denselben Inhalt wieder und ist für die Weitergabe in internationalen Foren, Kursen und Vereinen gedacht. Auch sie darf frei weitergegeben werden.

Alt und neu

bei 1,3 atm ppO₂ NOAA 1991 Neufassung 2025
einzelner Tauchgang 180 min 240 min Arbeitsphase + 240 min Ruhephase
in 24 Stunden 210 min 480 min, als Kombination aus 4 h Arbeit und 4 h Unterwasserruhe

„Ruhe“ ist dabei eine definierte Größe, kein Gefühl: ein Atemminutenvolumen unter 22,5 l/min, praktisch „not performing any activity beyond what a diver needs to do to decompress safely under optimal or near-optimal conditions“. Die Tagesgrenze läuft ab Beginn des ersten Tauchgangs.

Drei Einschränkungen, die in den meisten Zusammenfassungen fehlen

Erstens: nur 1,3 atm. Im Papier steht es zweifach — für höhere Werte gibt es keine Änderung, für niedrigere keine Verlängerung: „No changes to the exposure duration guidelines for PO2 > 1.3 atm are proposed given the lack of high-quality safety data.“ Für 1,4, 1,5 und 1,6 bar gilt die Tabelle von 1991 also unverändert weiter. Unterhalb von 1,3 bar dürfen die neuen Werte angewandt werden, mit dann geringerem Risiko — verlängert wird dort aber nichts.

Zweitens: nur das Zentralnervensystem. Die Lunge ist ausdrücklich ausgenommen und wird als das begrenzende Element langer Expositionen benannt. Der Grund für die Trennung: Die alten Grenzen wurden für beide Gefahren zusammen gesetzt, obwohl „the severity of consequence is far greater for CNS“ — ein Krampfanfall unter Wasser ist etwas anderes als ein reversibler Lungenreiz. Treten pulmonale Symptome auf, wird bis zur vollständigen Erholung nicht weiter getaucht.

Drittens: das NOAA Diving Manual ist nicht geändert. Im Papier steht lediglich eine Absicht: „NOAA plans to update subsequent editions of the NOAA manual consistent with the information contained herein.“ Wer heute nach der NOAA-Tabelle sucht, findet weiterhin die Fassung von 1991 — und die in Foren verbreiteten PDF-Dateien zeigen ebenfalls die alten Werte.

Der Punkt, den sonst niemand nennt: die Ruhedaten stammen vom offenen Kreislauf

Die Neufassung wird durchweg als Rebreather-Thema berichtet. Das greift zu kurz. Die belastbarste Datengrundlage der Ruhephase sind Expositionen am offenen Kreislauf:

„One hundred and twenty-six open-circuit exposures have been conducted by NEDU around the 1.3 PO2 limit. Seventy-two six-hour (360-minute) and 54 eight-hour (480-minute) resting exposures were performed. … No oxygen toxicity seizures were recorded in any of the above dives, and none were terminated due to oxygen toxicity symptoms.“

Kreislaufgeräte kommen hinzu: 88 Tauchgänge mit MK 16 MOD 1 und MK 25 MOD 2 mit 43 bis 60 Minuten Arbeit vor der Dekompression, dazu 116 Tauchgänge mit mäßiger Arbeit in den ersten 90 bis 150 Minuten der Grundzeit.

Der Vorbehalt für das offene System liegt anderswo, und das Papier benennt ihn selbst: Die maßgeblichen Daten stammen aus Studien mit genau geregeltem Partialdruck, und Schwankungen entstehen „arising from changes in depth when using open-circuit gas“. Am offenen Kreislauf schwankt der Partialdruck also mit jeder Tiefenänderung. Wer die vier Stunden ausreizen will, muss die Tiefe entsprechend führen.

Die schwächere Hälfte: die Arbeitsphase

Die vier Stunden Ruhe sind mit 126 Expositionen belegt. Die vier Stunden Arbeit sind es nicht in gleicher Weise. Das Papier räumt „concern about the limited robustness of both dry and wet dive data“ ein und stützt die Grenze auf die allgemeinere Feststellung, 240 Minuten bei 1,3 atm hätten „in various operational and testing scenarios“ zu sicheren Profilen geführt. Eine bezifferte Einzelstudie für die Arbeitsphase nennt es nicht. Wer die Neufassung anwendet, sollte wissen, dass die beiden Hälften unterschiedlich gut belegt sind.

Warum Arbeit und CO₂ die eigentlichen Risikotreiber sind

„Carbon dioxide retention promotes cerebral vasodilation and increased blood flow which increases brain tissue oxygen tension in the absence of any change in the inspired PO2. It follows that hard work and elevated work of breathing are considered significant risk factors for CNS oxygen toxicity during diving.“

Dazu der oft übersehene Immersionseffekt: Für denselben eingeatmeten Partialdruck scheint das Risiko bei getauchten Tauchern höher zu sein als bei trockenen Insassen einer Druckkammer. Deshalb sind Kammerdaten nicht ohne Weiteres auf den Tauchgang übertragbar — und deshalb stehen Arbeits- und Ruhephase getrennt.

Was das Papier zur Risikominderung empfiehlt

  • Fünfminütige Pausen mit niedrigerem eingeatmetem Sauerstoffpartialdruck, üblicherweise während der Dekompression.
  • CO₂-Rückhalt vermeiden: Arbeit unter Wasser gering halten, Gasdichten über etwa 6 g/l meiden, Atemkalk im Kreislaufgerät sauber führen, Geräte mit geringer Atemarbeit.
  • Folgen eines Krampfanfalls abfedern: Partnersystem, Mundstückhalter oder Vollgesichtsmaske, Anbindung an Dekostationen, Habitate.

Zur Gasdichte: Das CMAS-Fact-Sheet „Max Depth“ nennt 9 g/l. Die rund 6 g/l hier sind kein Widerspruch, sondern ein strengerer Wert für einen anderen Zweck — nicht die Atemgrenze, sondern die Vermeidung von CO₂-Rückhalt als Auslöser. Das ist unsere Lesart; die beiden Quellen setzen die Zahlen nicht zueinander in Beziehung.

Was das für den normalen Sporttauchgang bedeutet

Wenig — und das gehört dazugesagt. Wer mit EAN32 auf 30 Metern taucht, liegt bei etwa 1,28 bar und käme rechnerisch in den Anwendungsbereich; die Grundzeit ist aber lange vorher zu Ende. Die Neufassung entfaltet ihre Wirkung dort, wo lange Expositionen wirklich vorkommen: langes technisches Tauchen, lange Dekompressionen, Kreislaufgeräte, wissenschaftliches Tauchen.

Und der Satz, mit dem das Papier selbst schließt, gehört in jede Wiedergabe:

„Although this revised guideline is based on superior evidence to the one it replaces, it should nevertheless be understood that adherence to these limits does not guarantee that CNS oxygen toxicity will not occur.“

Was offen bleibt

  • Wann die NOAA das Manual tatsächlich fortschreibt, sagt das Papier nicht.
  • Expositionen über acht Stunden sind „anecdotally reported but poorly documented“.
  • Für die Arbeitsphase fehlt eine bezifferte Studienlage.
  • Ob und wie die Ausbildungsverbände nachziehen, ist nicht geprüft.

Weitergabe ausdrücklich erwünscht

Das Merkblatt darf ausgedruckt, im Kurs verteilt und im Verein weitergegeben werden — kostenlos, gewerblich wie privat, ohne Rückfrage. Wer es online anbieten möchte: bitte auf diese Seite verlinken, statt die Datei zu kopieren. Dann bekommen alle die jeweils aktuelle Fassung.

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Quelle

Hoyt J, Murphy FG, Pollock NW, Kernagis D, Bird N, Menduno M, Bright J, Mitchell SJ. Revised guideline for central nervous system oxygen toxicity exposure limits when using an inspired PO2 of 1.3 atmospheres. Diving and Hyperbaric Medicine. 2025;55(3):262–270. doi: 10.28920/dhm55.3.262-270. PMID 40986922. Grundlage ist ein von der NOAA veranstalteter Workshop am 29. März 2025 in Seattle, im Anschluss an die Jahrestagung der American Academy of Underwater Sciences, mit rund 60 Teilnehmern aus dem technischen und wissenschaftlichen Tauchen. Alle Zitate auf dieser Seite stammen aus diesem Papier.

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