Der Oktopus ist eine zweite Atemreglerstufe, die an derselben ersten Stufe hängt wie der Hauptautomat und im Notfall den Tauchpartner mit Atemgas versorgt. Er ist im Sporttauchen der Standardweg der alternativen Luftversorgung — und der Grund, warum die Wechselatmung aus den meisten Kursen verschwunden ist.
Was einen Oktopus ausmacht
Nicht jeder zweite Automat ist ein Oktopus. Die deutsche Wikipedia nennt als Kern: „Charakteristisch für einen Oktopus ist, dass dieser zusammen mit dem Hauptatemregler von einer gemeinsamen ersten Stufe abgeht.“ Zweck ist, „im Notfall einen Tauchpartner mit Luft versorgen zu können“.
Die Alternative, die derselbe Artikel nennt, ist die Montage „mit einer zusätzlichen ersten Stufe an einem zweiten Flaschenventil“ — das ist dann streng genommen kein Oktopus mehr, sondern ein zweites, unabhängiges System. Wie erste und zweite Stufe zusammenarbeiten, steht im Eintrag zum Atemregler, die Funktion der zweiten Stufe im Eintrag zum Lungenautomaten.
Gelb, und dort, wo man ihn findet
Ein Oktopus nützt nur, wenn ihn ein Taucher in Panik ohne Suchen greifen kann. Die Wikipedia empfiehlt deshalb eine „deutliche Kennzeichnung des Oktopus mit einer Signalfarbe – in der Regel gelb“ und eine Lage, bei der „er im gedachten Dreieck zwischen Mund und unterem Rippenbogen zu sehen ist“.
Dieses Dreieck ist keine Stilfrage. Es ist der Bereich, den der Partner von vorn einsehen kann, ohne den Taucher zu drehen. Ein Oktopus, der hinter dem Arm baumelt oder im Sand schleift, ist im Ernstfall nicht vorhanden — und ein schleifender Automat saugt sich obendrein Sand in den Ventilsitz. Beim Buddy-Check gehört der Griff zum Oktopus des Partners deshalb fest dazu.
Was die Norm dazu sagt
Atemregler werden in Europa nach EN 250 geprüft. Für den Oktopus ist eine bestimmte Kennzeichnung entscheidend: Nur ein Gerät, das EN 250:2014 erfüllt und „EN250A“ oder „EN250A>10 °C“ trägt, darf überhaupt von mehr als einem Taucher gleichzeitig benutzt werden — und damit mit einem Oktopus als alternativer Luftversorgung.
Diese Betriebsart bringt zwei Grenzen mit. Die Tiefe: In ihr gilt das Gerät nicht tiefer als 30 Meter. Und die Temperatur: Ein mit „EN250A“ gekennzeichnetes Gerät darf dabei nicht in Wasser unter 4 °C eingesetzt werden, ein mit „EN250A>10 °C“ gekennzeichnetes nicht unter 10 °C. Unterhalb von 10 °C empfehlen deutsche Tauchverbände wegen der Vereisungsgefahr ohnehin zwei vollständig getrennte Atemregler mit jeweils eigenem Flaschenventil und eigener erster Stufe.
Der Hintergrund ist einfach: Zwei Taucher, die gleichzeitig aus einer ersten Stufe atmen, verlangen ihr den doppelten Durchfluss ab. In kaltem Wasser sinkt dabei die Temperatur im Regler durch die Entspannung des Gases so weit, dass Vereisung möglich wird.
Die Alternativen
Der Oktopus ist nicht die einzige Lösung, und die Verbände gehen hier auseinander. Die Wikipedia nennt VDST und GUE als Verbände, die „anstelle einer Oktopus-Konfiguration einen langen Schlauch“ empfehlen: Der Schlauch des Hauptatemreglers ist dann länger als der des Reservereglers, im Notfall gibt der Geber seinen eigenen, nachweislich funktionierenden Automaten ab und greift selbst zum Zweitregler. Für anspruchsvolle Tauchgänge werden zwei unabhängige Systeme vorgeschrieben.
Die Wechselatmung, bei der sich zwei Taucher einen einzigen Automaten teilen, gilt derselben Quelle als „schwieriger zu handhaben“. Sie ist der historische Vorläufer und heute in der Breitenausbildung die Ausnahme.
In der Ausbildung
Das Abgeben und Annehmen der alternativen Luftversorgung wird in jedem Anfängerkurs geübt, und ich lasse es in jedem Auffrischungskurs wiederholen. Zwei Dinge fallen dabei regelmäßig auf: Der Oktopus wird beim Zusammenbau befestigt und danach nie wieder angesehen — obwohl er als einziges Teil der Ausrüstung im Normalbetrieb nie benutzt wird und genau deshalb unbemerkt ausfallen kann. Und die wenigsten atmen ihn vor dem Tauchgang einmal probeweise. Ein Atemzug an der Oberfläche kostet nichts.
Quellen
- Wikipedia: Oktopus (Tauchen) — Definition über die gemeinsame erste Stufe, Kennzeichnung und Platzierung, Langschlauchkonfiguration bei VDST und GUE, Einordnung der Wechselatmung
- Scubapro: Regulators — Bedienungsanleitung (PDF) — Wiedergabe der EN 250:2014: Kennzeichnungen EN250A und EN250A>10 °C als Voraussetzung für den Betrieb durch mehr als einen Taucher, Tiefengrenze 30 Meter, Temperaturgrenzen 4 °C und 10 °C
- Wikipedia: Atemregler — Empfehlung deutscher Tauchverbände, unter 10 °C zwei vollständig getrennte Atemregler zu verwenden; Standardverfahren im Sporttauchen bis 30 Meter ohne Dekompressionsverpflichtung
Zur Quellenlage: Der Wortlaut der EN 250:2014 ist kostenpflichtig. Die hier genannten Kennzeichnungen und Grenzwerte stehen so in der Bedienungsanleitung eines Herstellers, die die Norm wiedergibt; der Normtext selbst liegt dieser Wiedergabe nicht zugrunde. Die Wikipedia ist ein Wiki und für die Kennzeichnungs- und Platzierungsempfehlung die einzige hier benannte Fundstelle. Eine Verbandsvorgabe von SSI, CMAS oder PADI zur Farbe oder Lage des Oktopus ist nicht aufgeführt.
