Unterkühlung

Ein Taucher im Trockenanzug bekommt nach dem Tauchgang an einem winterlichen See eine Decke um die Schultern gelegt.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Unterkühlung — medizinisch Hypothermie — liegt vor, wenn die Körperkerntemperatur unter 35 Grad Celsius fällt. Für Taucher ist sie kein Randthema kalter Gewässer: Wasser entzieht dem Körper Wärme um ein Vielfaches schneller als Luft, und jeder Tauchgang ist ein Wärmeverlust. Die Frage ist nur, wie groß er ausfällt.

Die drei Schweregrade

Das MSD Manual definiert: „Die Hypothermie entspricht einer Körperkerntemperatur von unter 35 °C.“ Die Einteilung folgt den Kriterien der Wilderness Medical Society und deckt sich mit der des DAN:

Grad Körperkerntemperatur Typische Zeichen
leicht 32–35 °C Zittern, ungeschickte Bewegungen
mäßig 28–32 °C verwaschene Sprache, Verwirrtheit
schwer unter 28 °C Bewusstlosigkeit, flache Atmung

Wichtig ist, was diese Zahlen nicht sind: Sie beschreiben die Kerntemperatur, nicht das Empfinden. Wer fröstelt, ist noch nicht unterkühlt — und wer schwer unterkühlt ist, fröstelt oft nicht mehr.

Warum Wasser so viel schneller auskühlt

Der DAN nennt die Größenordnung: „Wasser leitet Wärme 20- bis 27-mal schneller als Luft.“ Dazu kommt die Wärmekapazität des Mediums, die für Wasser weit größer ist. Zwanzig Grad Wassertemperatur fühlen sich deshalb an einem Baggersee völlig anders an als zwanzig Grad Lufttemperatur an Land — und das ist keine Einbildung, sondern Physik.

Beim Tauchen kommen zwei Wege hinzu, die an Land keine Rolle spielen: die große, dauernd umspülte Körperoberfläche und das Atemgas, das trocken und mit Umgebungstemperatur aus der Flasche kommt und im Atemtrakt angewärmt und befeuchtet werden muss. Der zweite Weg wiegt umso schwerer, je tiefer der Tauchgang ist, weil mit dem Druck auch die Masse des geatmeten Gases steigt.

Was der Körper dagegen tut — und wann er aufhört

Die erste Gegenmaßnahme ist die Verengung der Hautgefäße, die zweite das Zittern. Beides hält nicht ewig. Das MSD Manual beschreibt den Verlauf nüchtern: „Intensives Zittern tritt zunächst auf, hört dann aber allmählich auf“ — und genau dann fällt die Temperatur schneller. Knapp unterhalb von 30 °C stellt die Temperaturregulation die Arbeit ein.

Ein zweiter Mechanismus wird beim Tauchen leicht übersehen: die Kältediurese. Die Gefäßverengung verschiebt Blut nach innen, der Körper hält das für ein Zuviel und scheidet Flüssigkeit aus. Das Ergebnis ist ein Flüssigkeitsdefizit, das sich beim Wiederaufwärmen rächt: Öffnen sich die Gefäße wieder, kann der Blutdruck einbrechen — das MSD Manual nennt das den Aufwärmkollaps.

⚠️ Der Zusammenhang mit der Dekompression

Hier liegt der für Taucher wichtigste Punkt, und er ist nicht intuitiv. Der DAN beschreibt ihn so: Ein relativ warmer Zustand während Abstieg und Tiefenphase erhöht die Inertgasaufnahme und wirkt „wie ein tieferer und/oder längerer Tauchgang“; ein relativ warmer Zustand während Aufstieg und Stoppphase fördert dagegen die Inertgasabgabe und senkt die Dekompressionsbelastung.

Der ungünstigste Verlauf ist also der, den viele für den normalen halten: warm einsteigen, unterwegs auskühlen und ausgekühlt dekomprimieren. Günstiger ist die umgekehrte Reihenfolge — neutral abtauchen, warm auftauchen. Der DAN hält in diesem Zusammenhang außerdem fest, dass dem Trinkverhalten „wahrscheinlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, als gerechtfertigt ist“, während Tauchprofil, Wärmezustand und Anstrengung die deutlich wichtigeren Risikofaktoren seien.

Woran ich es unter Wasser merke

Als Tauchlehrer achte ich weniger auf das, was jemand sagt, als auf das, was er tut. Wer anfängt, an der Ausrüstung herumzunesteln, ohne fertig zu werden; wer die Tarierung nicht mehr hält, obwohl er sie vorher hielt; wer auf Handzeichen verspätet oder gar nicht reagiert — das sind die Zeichen, die man sieht, bevor jemand „mir ist kalt“ signalisiert. Der DAN führt für die leichte Form Zittern und gestörte Koordination auf, für die mäßige verwaschene Sprache und Verwirrtheit. Unter Wasser fällt beides zusammen: Wer nicht mehr klar denkt, kann keinen Notfall mehr lösen.

Der Tauchgang endet, wenn das Zittern beginnt — nicht, wenn es aufhört.

Erste Maßnahmen

Der DAN unterscheidet nach Schweregrad. Bei leichter Unterkühlung: nasse Kleidung ausziehen und durch trockene, isolierende Schichten mit winddichter äußerer Lage ersetzen; das Zittern selbst leistet in diesem Stadium wirksames Wiederaufwärmen. Bei mäßiger und schwerer Unterkühlung kommen Wärmedecken, Warmluftsysteme sowie angewärmtes und befeuchtetes Atemgas hinzu — und vor allem vorsichtiges Bewegen der betroffenen Person.

Für die Reanimation gilt ein eigener Grundsatz: Das MSD Manual hält fest, dass erweiterte lebenserhaltende Maßnahmen fortgesetzt werden sollen, bis die Körpertemperatur 32 °C erreicht hat. Der bekannte Merksatz „niemand ist tot, bis er warm und tot ist“ bringt genau das auf den Punkt.

⚠️ Dieser Eintrag erklärt Begriffe und ersetzt weder ärztliche Beratung noch eine Erste-Hilfe-Ausbildung. Bei Verdacht auf mäßige oder schwere Unterkühlung ist der Rettungsdienst zu alarmieren.

Ab welcher Wassertemperatur wird es kritisch?
Eine feste Grenze gibt es nicht — entscheidend sind Wassertemperatur, Kälteschutz, Tauchzeit und die eigene Konstitution zusammen. In einem 20 Grad warmen Baggersee kann ein langer Tauchgang im dünnen Nassanzug mehr auskühlen als ein kurzer Eistauchgang im gut sitzenden Trockenanzug. Der Maßstab ist der eigene Zustand am Ende des Tauchgangs, nicht die Zahl auf dem Computer.
Warum hört das Zittern irgendwann auf?
Weil die Muskulatur die dafür nötige Energie nicht unbegrenzt aufbringt und die Temperaturregulation knapp unterhalb von 30 °C ausfällt. Das Aufhören des Zitterns ist deshalb kein Zeichen der Besserung, sondern ein Warnzeichen: Danach fällt die Kerntemperatur schneller.
Hilft ein heißes Getränk oder eine heiße Dusche nach dem Tauchgang?
Bei leichter Unterkühlung ist gegen ein warmes Getränk und trockene Kleidung nichts einzuwenden. Bei mäßiger und schwerer Unterkühlung ist Vorsicht geboten: Schnelles äußeres Aufwärmen öffnet die Hautgefäße und kann bei dem durch die Kältediurese entstandenen Flüssigkeitsdefizit einen Kreislaufeinbruch auslösen. Dann gehört die Erwärmung in fachliche Hände.

Quellen