Das Atemminutenvolumen (AMV) ist die Gasmenge, die ein Taucher in einer Minute veratmet — umgerechnet auf den Druck an der Oberfläche. Es ist die Grundgröße jeder Gasplanung: Erst wer seinen eigenen Wert kennt, kann ausrechnen, wie lange ein Vorrat in einer bestimmten Tiefe reicht und mit welchem Fülldruck er ins Wasser gehen muss.
Warum der Wert auf die Oberfläche bezogen wird
In zehn Metern atmet ein Taucher bei jedem Atemzug doppelt so viele Gasmoleküle ein wie an Land, in dreißig Metern viermal so viele — der Absolutdruck steigt, das Lungenvolumen bleibt gleich. Der reine Flaschenverbrauch in Bar sagt deshalb nichts, solange die Tiefe nicht dabeisteht. Das AMV löst dieses Problem, indem es alles auf ein Bar zurückrechnet. Zwei Tauchgänge in verschiedenen Tiefen werden damit vergleichbar, und aus einem gemessenen Wert lässt sich jeder künftige Verbrauch hochrechnen.
Wie man den eigenen Wert ermittelt
Gebraucht werden vier Angaben aus einem Tauchgang, den man bereits gemacht hat: Flaschengröße, Druck vorher und nachher, Tauchzeit und die mittlere Tiefe. Das SSI-Schulungsbuch Science of Diving gibt die Formel so an:
AMV = AC × V ÷ (t × P)
- AC — verbrauchtes Atemgas in bar, also die Differenz zwischen Anfangs- und Enddruck
- V — Volumen der Tauchflasche in Litern
- t — Tauchzeit in Minuten
- P — Absolutdruck in der Tiefe in bar
Der Absolutdruck ergibt sich aus der Tiefe: P = Tiefe ÷ 10 + 1 im Salzwasser. Für Süßwasser rechnet SSI ausdrücklich mit 10,2 Metern je bar — im Baggersee und im Steinbruch also P = Tiefe ÷ 10,2 + 1. Der Unterschied ist klein, aber er geht in jede weitere Rechnung ein.
Ein gerechnetes Beispiel
Eine 12-Liter-Flasche, 200 bar am Anfang, 60 bar am Ende, 45 Minuten Tauchzeit, mittlere Tiefe 12 Meter im Meer:
- AC = 200 − 60 = 140 bar
- P = 12 ÷ 10 + 1 = 2,2 bar
- AMV = 140 × 12 ÷ (45 × 2,2) = rund 17 l/min
Für die Planung wird dieser Wert aufgerundet, nicht ab: Er ist eine Untergrenze für den Bedarf, und wer knapp rechnet, rechnet gegen sich selbst.
Wozu man ihn braucht
Aus dem AMV folgen unmittelbar zwei Größen, die vor jedem Tauchgang feststehen sollten. Der Gasbedarf für eine geplante Tiefe und Zeit:
Bedarf = AMV × P × t
SSI rechnet das Beispiel eines Tauchers mit einem AMV von 15 l/min vor, der 30 Minuten auf 20 Meter will: 15 × 3 × 30 = 1350 bar·Liter. Eine 10-Liter-Flasche mit 200 bar hält nach Abzug von 50 bar Reserve 1500 bar·Liter bereit — es bleiben 150 bar·Liter Puffer.
Und daraus rückwärts der Fülldruck, den die Flasche mindestens anzeigen muss: benötigte bar·Liter geteilt durch das Flaschenvolumen, plus Reserve. Für denselben Taucher mit 40 Minuten auf 20 Metern und einer 12-Liter-Flasche sind das 1800 ÷ 12 = 150 bar, mit 50 bar Reserve also 200 bar.
Beide Rechnungen nimmt der Luftverbrauchsrechner ab.
Warum die Medizin ganz andere Zahlen nennt
Wer den Begriff außerhalb des Tauchens nachschlägt, findet Werte um 8 l/min — und wundert sich. Das ist kein Widerspruch, sondern eine andere Ermittlung. In der Medizin ist das Atemminutenvolumen das Produkt aus Atemzugvolumen und Atemfrequenz; bei 14 Atemzügen und 600 Millilitern ergibt das rund 8,4 Liter in der Minute, ruhend, an Land, ohne Atemregler.
Der Taucher misst dagegen, was tatsächlich aus der Flasche verschwunden ist — einschließlich Anstrengung, Kälte, Aufregung und dem Atemwiderstand des Geräts. Deshalb liegen Tauchwerte regelmäßig beim Doppelten und darüber. Beide Zahlen beschreiben dieselbe Größe, aber nicht denselben Zustand.
Was den Verbrauch verschiebt
Das AMV ist keine Konstante, sondern eine Momentaufnahme. SSI nennt als Einflussgrößen das Erfahrungsniveau, die Entspannung und die Anstrengung — dazu kommen in der Praxis Kälte, Strömung, Tarierungsprobleme und schlicht die Größe des Tauchers. Als Tauchlehrer rate ich deshalb, den Wert aus mehreren ruhigen Tauchgängen zu bilden und für anstrengende Tauchgänge einen eigenen, höheren Planungswert zu führen. Wer nur den besten Tauchgang seines Lebens zugrunde legt, plant für einen Taucher, der er an diesem Tag nicht ist.
Ein steigender Verbrauch während des Tauchgangs ist außerdem ein Warnzeichen: Er geht der Hyperkapnie häufig voraus, wenn die Atmung flach und schnell wird und der Totraum nicht mehr freigespült wird.
Quellen
- SSI, Science of Diving, Schulungsbuch SC-SOD, deutsche Ausgabe, © SSI International GmbH, 09.02.2024, Kapitel 1 „Tauchphysik“, Abschnitte „Atemgasverbrauch & Vorrat“ und „Atemgasberechnung“ — die AMV-Formel, die Bedarfs- und Fülldruckrechnung, der Süßwasserwert 10,2 m/bar und die genannten Beispielrechnungen. Nicht frei im Netz; erhältlich über MySSI beziehungsweise das Training Center
- Wikipedia: Atemminutenvolumen — die medizinische Definition als Produkt aus Atemzugvolumen und Atemfrequenz, Ruhewerte und Steigerung unter Belastung
