Jacques-Yves Cousteau (11. Juni 1910 – 25. Juni 1997) war französischer Marineoffizier, Meeresforscher und Filmemacher und gilt zusammen mit dem Ingenieur Émile Gagnan als Miterfinder des Aqua-Lung, jenes Atemreglers, mit dem das autonome Gerätetauchen begann.
Für das Sporttauchen ist er die Schlüsselfigur schlechthin: Ohne die von ihm mitentwickelte Bedarfssteuerung hätte der Tauchsport keine tragbare Technik, ohne seine Filme kein Publikum und ohne seine Amtszeit als erster Präsident der CMAS keine internationale Verbandsstruktur bekommen.
Der Aqua-Lung
Cousteau wurde 1910 in Saint-André-de-Cubzac in der Gironde geboren. Die Cousteau Society und die Académie française datieren die gemeinsame Entwicklung mit Gagnan auf 1943; die französische Prioritätsanmeldung des späteren US-Patents 2.485.039 trägt den 8. Juli 1943. Gagnan war Ingenieur bei Air Liquide und hatte im kriegsbedingten Treibstoffmangel ein Ventil zur Regelung der Gaszufuhr für Holzgasmotoren entwickelt — genau die Bauart, die sich auf ein Atemgerät übertragen ließ.
Das Prinzip beschreibt die Patentschrift selbst am klarsten. Es geht um ein Gerät mit offenem Kreislauf, „that is, apparatus in which the gas breathed out by the diver is not re-used“. Eine Membran liegt auf der einen Seite am Umgebungsdruck des Wassers an, auf der anderen am Gasdruck im Regler. Jeder Einatemzug senkt den Druck unter der Membran, sie bewegt sich und öffnet das Ventil. Das Ergebnis, wieder im Wortlaut des Patents: „In this manner pressure equilibrium automatically is maintained between the gas inspired and the surrounding water.“ Als erklärtes Ziel nennt die Schrift, den Taucher „autonomous“ zu machen, „that is, independent of any fixed supply of breathing gas“.
Das ist der Bruch mit dem Helmtauchen. Vorläufer gab es — den Apparat von Rouquayrol und Denayrouze aus den 1860er Jahren und das Dauerstromgerät, das Yves Le Prieur 1925 vorstellte. Der Dauerstrom aber blies Gas auch dann aus, wenn niemand einatmete; die Cousteau Society benennt genau das als gelöstes Kernproblem: „the critical problem of wasted air“. Erst die Bedarfssteuerung machte den Vorrat auf dem Rücken für nennenswerte Zeiten brauchbar.
Das Seriengerät hieß CG45 — nach Cousteau, Gagnan und dem Patentjahr 1945; in Frankreich kam es 1946 auf den Markt, in den Vereinigten Staaten 1952. Es lohnt, hier genau zu bleiben: Es gab mehrere Patente, und die Rede vom einen Patent trifft die Sache nicht.
Warum der heutige Atemregler nicht seine Bauform ist
Der Aqua-Lung war ein Zweischlauch-Atemregler: ein rundes Gehäuse am Flaschenventil, zwei dicke Faltenschläuche über die Schultern zum Mundstück. Nach der Darstellung des Tauchhistorikers Jeff Maynard entwickelte der Australier Ted Eldred mit dem „Porpoise“ den überlegenen Einschlauch-Regler, indem er erste und zweite Stufe voneinander trennte — auch, um das Patent zu umgehen. Durchgesetzt hat sich weltweit diese Bauform. Wer heute einen Atemregler in die Hand nimmt, hält also nicht das Gerät von Cousteau und Gagnan, sondern dessen Nachfolger.
Calypso, Filme, Unterwasserstationen
1950 erwarb Cousteau in Malta ein ehemaliges britisches Minensuchboot und ließ es in Antibes zum Forschungsschiff Calypso umbauen, mitsamt einer Beobachtungskammer mit acht Bullaugen im Bug. Mehr als vier Jahrzehnte lang war sie sein Arbeitsplatz. 1996 wurde sie in Singapur von einem Lastkahn gerammt und sank im Hafen; sie wurde gehoben, 2007 begann die Restaurierung.
Le Monde du silence — auf Deutsch Die schweigende Welt —, gedreht mit Louis Malle, gewann 1956 die Goldene Palme in Cannes und 1957 den Oscar für den besten Dokumentarfilm. 1964 folgte Welt ohne Sonne. Die Fernsehserie The Undersea World of Jacques Cousteau lief von 1968 bis 1976 und wurde bei den Emmys sechzehnmal nominiert, viermal ausgezeichnet.
Tauchtechnisch am interessantesten sind die Unterwasserhabitate Précontinent I bis III: 1962 vor Marseille auf zehn Metern mit zwei Aquanauten für eine Woche, 1963 im Roten Meer vor dem Sudan mit einer Hauptstation auf zehn und einer zweiten auf dreißig Metern, 1965 vor der französischen Küste auf hundert Metern mit sechs Aquanauten für drei Wochen. Die Académie française ordnet diese Versuche der Entwicklung des Sättigungstauchens zu.
Ämter und Wirkung
Für Taucher besonders relevant: Cousteau war erster Präsident der CMAS, die 1959 in Monaco von Delegierten aus fünfzehn Ländern gegründet wurde; sein Amt führte er bis 1973. Von 1957 bis 1988 leitete er außerdem das Musée océanographique de Monaco. 1988 wurde er in die Académie française gewählt, auf den Fauteuil 17 als Nachfolger von Jean Delay.
Über die Gründung der Cousteau Society gehen die Angaben auseinander: Die Gesellschaft selbst nennt 1973, Britannica und die Académie française nennen 1974.
Die Schattenseiten
Cousteau ist als Meeresforscher nicht unumstritten, und ein Lexikon, das ihn nur feiert, wäre unvollständig. In Le Monde du silence wird Dynamit an einem Korallenriff eingesetzt, um die dortige Fauna vollständig zu erfassen, und die Besatzung tötet eine Gruppe Haie. Der kanadische Rundfunk fasste das anlässlich der Dokumentation Becoming Cousteau zusammen und ergänzte, dass Cousteau und seine Mannschaft in den 1950er Jahren Ölkonzerne bei der Suche nach Bohrstellen am Meeresgrund unterstützten, um frühe Filme zu finanzieren. Nach Darstellung der Regisseurin Liz Garbus dauerte es rund zwanzig Jahre, bis aus dem Abenteurer der Naturschützer wurde, und Cousteau habe die getötete Haigruppe später bedauert.
Der spätere Cousteau ist der Anwalt des Meeresschutzes: Mittelmeer-Verschmutzungsstudie 1977, Weltumsegelung 1985, die Antarktis-Kampagne von 1990 mit dem Ziel eines Naturreservats, dem UNESCO-Cousteau-Programm 1994. Er starb am 25. Juni 1997 in Paris.
Eine Zuschreibung schließlich stimmt nicht: Das Wort Scuba stammt nicht von ihm, sondern wurde 1952 von Christian Lambertsen geprägt. Von Cousteau stammt der englische Name Aqua-Lung.
Quellen
- US-Patent 2.485.039, „Diving unit“ (Cousteau/Gagnan) — offener Kreislauf, membrangesteuerte Bedarfssteuerung, Druckausgleich mit dem Umgebungswasser, das erklärte Ziel der Autonomie; Prioritätsdatum 8. Juli 1943.
- Cousteau Society, „Aqua-Lung“, „Calypso“, „Conshelf“ und „Antarctica“ — Entstehungsgeschichte, Le Prieur als Vorläufer, Schiff, Habitate mit Tiefen und Besatzungen, Antarktis-Kampagne.
- Académie française, Jacques-Yves Cousteau — Lebensdaten, Wahl 1988 auf Fauteuil 17, Leitung des Musée océanographique 1957–1988, Einordnung der Précontinent-Versuche zum Sättigungstauchen.
- Britannica, Jacques Cousteau — Lebensdaten und die Datierung der Cousteau Society auf 1974.
- CMAS, Geschichte — erste Präsidentschaft 1959 bis 1973, Gründung 1959 in Monaco durch Delegierte aus fünfzehn Ländern.
- Festival de Cannes, „Le Monde du silence“ und Academy Awards 1957 — Goldene Palme 1956 und Oscar 1957.
- Television Academy — Emmy-Bilanz der Fernsehserie.
- National Inventors Hall of Fame, Émile Gagnan — Gagnans Arbeitgeber Air Liquide und das Ventil für Gasgeneratormotoren.
- CBC, „The Current“ zur Dokumentation „Becoming Cousteau“ — Sprengungen, getötete Haie, Arbeit für Ölkonzerne, spätere Wandlung.
- Jeff Maynard, „Who invented the Aqualung?“ — Ted Eldred und die Trennung von erster und zweiter Stufe.
Zur Quellenlage: Die Darstellung zu Ted Eldred stammt von einem einzelnen Autor und stützt sich auf ein Interview von 1997; sie ist hier ausdrücklich als dessen Darstellung wiedergegeben. Das spätere Bedauern Cousteaus über die Dreharbeiten ist über die Regisseurin der Dokumentation überliefert, nicht als eigenes Zitat. Die Gasgemische der Précontinent-Stationen nennt die Cousteau Society nicht, und das Todesjahr Émile Gagnans wird in den Quellen unterschiedlich angegeben; beides bleibt hier deshalb offen. Die Angaben zur Filmkritik stützen sich auf den Rundfunkbeitrag und ein Wiki.
