Wiedererwärmung

Unterkühlte Person sitzt in Decken gehüllt in einer Bootskabine und hält einen warmen Becher.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Wiedererwärmung ist die Behandlung, mit der die Körperkerntemperatur eines unterkühlten Menschen wieder angehoben wird. Beim Tauchen beginnt sie in dem Moment, in dem jemand zitternd aus dem Wasser kommt. Sie ist heikler, als sie aussieht: falsch begonnen, kann sie den Kreislauf zum Einbrechen bringen — und die Reihenfolge entscheidet mehr als die Wärmequelle.

Warum das beim Tauchen so schnell geht

DAN Europe nennt die Zahl, die alles Weitere erklärt: „Water conducts heat 20-27 times faster than air.“ Wasser leitet Wärme also 20- bis 27-mal schneller ab als Luft. Deshalb kühlt ein Taucher auch in vermeintlich mildem Wasser aus, und deshalb ist Unterkühlung kein reines Winterthema.

Drei Schweregrade, drei Verfahren

Das MSD Manual ordnet die Verfahren den Schweregraden zu. Es gilt als Hypothermie, was unter einer Körperkerntemperatur von 35 °C liegt.

  • Leicht (32 bis 35 °C), passive Wiedererwärmung. Solange die Thermoregulation arbeitet — erkennbar am Zittern — genügt nach MSD das Einwickeln in beheizte Decken und das Bereitstellen warmer Getränke. Der Körper erledigt den Rest selbst.
  • Mittelschwer (28 bis 32 °C), aktive externe Wiedererwärmung. Hier kommt Wärme von außen dazu, etwa über Warmluftgebläse. Das MSD Manual macht dabei eine Einschränkung, die weiter unten der Kernpunkt ist: Externe Wärme wird am besten auf dem Thorax angewendet.
  • Schwer (unter 28 °C), aktive interne Wiedererwärmung. Das sind Klinikverfahren: erwärmter (40 bis 45 °C), befeuchteter Sauerstoff zur Inhalation, auf 40 bis 42 °C erwärmte Infusionen, Lavage sowie extrakorporale Verfahren bis hin zu Hämodialyse, ECMO und kardiopulmonalem Bypass.

Zuerst der Rumpf, dann die Gliedmaßen

Das ist der Punkt, an dem gut gemeinte Hilfe schaden kann. Das MSD Manual formuliert es als Warnung: Bei mittelschwerer bis schwerer Unterkühlung muss die Kerntemperatur stabilisiert werden, bevor die Extremitäten wiedererwärmt werden — sonst droht ein plötzlicher Kreislaufkollaps, der dort Wiedererwärmungskollaps heißt.

DAN Europe beschreibt denselben Mechanismus von der anderen Seite und nennt zwei Namen dafür. Der Afterdrop ist „a continued decline in core temperature after removal of (or from) the cold stress“ — die Kerntemperatur fällt also noch weiter, nachdem der Kältereiz schon weg ist. Der Rescue Collapse ist der Kreislaufzusammenbruch während oder nach der Bergung, unter anderem durch zu forsche Erwärmung. Beides führt auf dieselbe Handlungsregel: Brust und Rumpf wärmen, Arme und Beine in Ruhe lassen.

Was am Steg und an Bord tatsächlich hilft

Für die leichte Unterkühlung ist die Liste von DAN Europe kurz und praktisch: nasse Kleidung aus, trockene an, warme Getränke, leichte Bewegung ist zulässig. Für die mittelschwere gilt das Gegenteil bei der Bewegung — sanft anfassen, keine Anstrengung —, dazu beheizte Decken, Warmluft oder erwärmte, befeuchtete Atemluft. Chemische Wärmepackungen und elektrische Heizkissen nennt DAN ausdrücklich nur mit einer Lage dazwischen, nie direkt auf der Haut.

Bei schwerer Unterkühlung bleibt für Laienhelfer wenig: sehr vorsichtig handhaben, flach lagern, die Gliedmaßen nicht reiben, und bei Kreislaufstillstand mit der Reanimation beginnen und sie fortsetzen, bis Hilfe eintrifft.

Wo die Quellen auseinandergehen

Zwei Unterschiede sind es wert, nicht geglättet zu werden.

Das warme Bad. DAN Europe führt für die mittelschwere Unterkühlung ein warmes Bad auf, zunächst mit höchstens 40 °C und später bis 45 °C. Das MSD Manual erwähnt ein Bad in seiner Aufzählung der Verfahren nicht und warnt stattdessen vor jeder Erwärmung der Extremitäten vor der Kerntemperatur — und ein Vollbad wärmt zwangsläufig die Gliedmaßen mit. Beide Angaben sind belegt, sie lassen sich aber nicht zur Deckung bringen. An Bord eines Tauchbootes stellt sich die Frage ohnehin selten.

Die Grenze der passiven Erwärmung. MSD knüpft die passive Erwärmung an die intakte Thermoregulation. Das MSD Manual hält zugleich fest, dass intensives Zittern zunächst auftritt, dann aber allmählich aufhört, und dass die Thermoregulation knapp unter 30 °C ganz aussetzt. Wer also jemanden vor sich hat, der aufhört zu zittern, darf das nicht als Besserung lesen.

Reanimation bei Unterkühlung

Das MSD Manual nennt drei Besonderheiten, die vom normalen Ablauf abweichen: Eine Reanimation soll nicht durchgeführt werden, wenn ein perfundierender Rhythmus besteht. Eine Defibrillation wird in der Regel aufgeschoben, bis die Temperatur über 30 °C liegt. Und Medikamente werden in der Regel erst über 30 °C verabreicht.

Dies ist ein Lexikoneintrag, keine Handlungsanweisung für den Ernstfall und kein Ersatz für einen Erste-Hilfe-Kurs. Bei einem unterkühlten Taucher gilt zuerst der Notruf; das weitere Vorgehen richtet sich nach der aktuellen Leitlinie und nach der ärztlichen Anweisung. Siehe auch Tauchunfall.

Quellen

Warum soll man die Arme und Beine nicht mitwärmen?
Weil in den Gliedmaßen kaltes Blut steht. Wärmt man sie zuerst, weiten sich die Gefäße und dieses Blut fließt in den Rumpf zurück. Das MSD Manual verlangt deshalb, die Kerntemperatur zuerst zu stabilisieren, um einen plötzlichen Kreislaufkollaps zu vermeiden; DAN Europe rät vom Reiben der Extremitäten ausdrücklich ab.
Hilft ein Schnaps gegen das Zittern?
Nein, und DAN Europe führt Alkohol unter dem auf, was man gerade nicht tun soll: Er beeinträchtigt das Bewusstsein und verstärkt den Wärmeverlust. Das subjektive Wärmegefühl entsteht dadurch, dass Blut in die Haut strömt — also genau dorthin, wo es Wärme abgibt.
Der Taucher zittert nicht mehr — ist das ein gutes Zeichen?
Eher das Gegenteil. Das MSD Manual beschreibt, dass intensives Zittern zunächst auftritt und dann allmählich aufhört, und dass die Thermoregulation knapp unter 30 °C ganz aussetzt. Ein Nachlassen des Zitterns kann also bedeuten, dass der Körper die eigene Wärmeproduktion aufgibt. Passive Erwärmung reicht dann nicht mehr.